Home Design Mobilität demokratisieren – ZUV von EOOS NEXT

Mobilität demokratisieren – ZUV von EOOS NEXT

von Markus Schraml
ZUV, EOOS NEXT

Im Jahr 2020 gründete das international tätige österreichische Designstudio EOOS mit EOOS NEXT eine Unternehmung, die den Fokus auf Social Design und nachhaltige Designprozesse legt. Diese Tätigkeitsfelder sind für das Wiener Studio keineswegs neu, sondern werden bereits seit 2008 in verschiedenen Initiativen unter anderem für die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung von EOOS verfolgt. Da dieser Bereich mit den Jahren immer stärker wuchs, war es nur folgerichtig, ihn auszugliedern, um den Beweis anzutreten, dass man mit sozialen, nachhaltigen Designs auch Geld verdienen kann, wie Harald Gründl, Mitgründer von EOOS und alleiniger Geschäftsführer bei EOOS NEXT im formfaktor-Exklusivinterview erklärt.

In der derzeit laufenden Ausstellung „Climate Care“- im Rahmen der Vienna Biennale for Change 2021 ist ein Projekt von EOOS NEXT zu sehen, das die urbane Mobilität völlig neu denkt. Das ZUV (zero-emission utility vehicle) ist ein elektrisch betriebenes Lastenfahrrad, das bis zu vier Personen befördern und das lokal produziert werden kann. So das Konzept. In Zusammenarbeit mit dem niederländischen Studio THE NEW RAW ist ein Dreirad entstanden, dessen Rahmen aus dem 3D-Drucker kommt und der aus recyceltem Plastik besteht. So innovativ dieses Mobilitäts- und Produktionskonzept ist, so erstaunlich ist die ästhetische Qualität des ZUV, die durch den hochentwickelten Druckprozess der Niederländer*innen zustande kam.

Im Interview stellt Gründl unter anderem klar, dass EOOS NEXT ganz einfach ein Industriedesignstudio ist – allerdings mit der Agenda, die Welt zum Positiven zu verändern.

formfaktor: Was war der Ausgangspunkt für das ZUV, das Zero-Emission Utility Vehicle?

Harald Gründl: Es beginnt schon beim Namen. Das ist ja eine Verballhornung von SUV. Wir haben einfach das S umgedreht. Wir hatten vor zwei Jahren die Ausstellung „Klimawandel!“ im MAK. Das war eine Art Meilenstein für EOOS, weil wir das erste Mal seit Langem wieder selbstinitiierte Projekte gemacht haben. Und eines der Projekte, das dort zu sehen war und das sehr prototypisch ist, war das Social Vehicle (SOV). Das sollte eigentlich ein leichtes Open Source-Projekt werden. Einfach ein Ding mit vier Rädern, mit dem vier Personen fahren können. Das war natürlich eine maßlose Selbstüberschätzung, sonst würden solche Vehikel schon überall herumfahren. Wir haben viel daraus gelernt, auch aus den vielen Gesprächen. Dabei wurde die Frage gestellt, warum eigentlich vier Räder und nicht drei.

formfaktor: Projekte wie dieses sind jetzt bei EOOS NEXT angesiedelt, nehme ich an?

Harald Gründl: Ja, dieses Mobilitätsprojekt ist mit der Gründung von EOOS NEXT dahin weitergewandert. Sozusagen im Hintergrund haben wir es dann weitergeführt. Wir haben ein Lastenfahrrad von Family Bike gekauft und daraus das erste Betriebsfahrzeug von EOOS NEXT, ein Dreirad entwickelt – dank einer Förderung der Stadt Wien. Dann haben wir ein Karosserie-Konzept erstellt, um es testen zu können. Das haben wir bei einem Fördercall der Wirtschaftsagentur Wien eingereicht und wieder etwas Geld bekommen. Schließlich ergab sich die Möglichkeit, das Projekt im Rahmen der Vienna Biennale nochmals weiterzuentwickeln. Lastenfahrräder sind ja recht teuer. Das heißt, wir stellten uns die Frage, kann man durch eine Designintervention die Kosten senken. Diesen Ansatz haben wir dann mittels Rotomoulding weiterverfolgt. Also einer Technologie, bei der Kügelchen in eine Form kommen, die erhitzt wird und wodurch man komplexe Formen schaffen kann. In Entwicklungsländern werden auf diese Weise zum Beispiel Wassertanks produziert. Der Vorteil ist, dass das Endprodukt quasi fertig herauskommt. Man braucht keine Nachbehandlung, die Schraubbuchsen und die Farbe sind bereits vorhanden. Es ist wetterbeständig und leicht recycelbar.

formfaktor: Aber dabei ist es nicht geblieben. Danach kam das Studio THE NEW RAW ins Spiel und damit der 3D-Druck.

Harald Gründl: Das niederländische Studio hatte die von ihnen entwickelte Technologie bis dato immer nur für ihre eigenen Projekte verwendet. Wir haben so argumentiert, dass wir für die Vienna Biennale gerne zusammenarbeiten würden, einfach um zu zeigen, was heute schon möglich ist. Der spezielle 3D-Druck von THE NEW RAW wird mit einem Industrieroboterarm gemacht. Außerdem nutzen sie einen sehr weit entwickelten Recyclingprozess für das Material, das sie dafür verwenden. Sie haben zum Beispiel den Plastikabfall nach Farben sortiert und können dadurch genaue Farbnuancen erzeugen.

THE NEW RAW steckten viel Herzblut in die 3D-Druck-Entwicklung. Diese Animation zeigt den Recycling-Loop. © THE NEW RAW

formfaktor: Gerade die Farbe ist beim ZUV ziemlich speziell?

Harald Gründl: Wir haben uns für einen eher helleren Farbton entschieden, der fast etwas Natürliches hat. Der Prozess ist zwar digital, aber durch die Art der Herstellung sehen manche Stellen fast wie von Hand gearbeitet aus, obwohl es ein Industrieroboter gemacht hat. Leute stehen davor und können einfach nicht anders, als es zu berühren. Es hat also eine unglaubliche taktile Qualität.

formfaktor: Theoretisch kann sich jeder dieses Bike sozusagen selbst ausdrucken. Aber ganz so einfach wird es dann doch nicht sein. Denn von THE NEW RAW wird das ZUV ja mit einem Roboterarm 3D-gedruckt. Den hat nicht jede zu Hause stehen.

Harald Gründl: Muss man auch nicht. Wir sind hier ja in Wien und das rote Wien hat zum Beispiel damals auch Gemeinschaftsküchen, Schwimmbäder und Büchereien in Gemeindebauten eingerichtet. Auch das hatte man nicht zu Hause und konnte es trotzdem nutzen. Also ich sehe es schon als Selbstermächtigungsstrategie, solche Einrichtungen zugänglich zu machen. FabLabs sind im Moment mit kleinen 3D-Druckern ausgestattet, aber warum sollten sie in Zukunft nicht einen Roboterarm anbieten. Außerdem schließt man Kreisläufe in einem lokalen Kontext einfacher. Wenn ich zum Beispiel Kunststoffe vor Ort recycle und gleich wieder in einem FabLab wieder verwende, ist das natürlich viel sinnvoller. Man müsste die Materialströme völlig neu denken. Beispielsweise könnte man Roboterarme, die in der Autoindustrie nicht mehr eingesetzt werden können, weil sie veraltet sind, immer noch für andere Zwecke gut verwenden. Damit würde sich die Lebensdauer solcher Produktionsmittel erheblich verlängern.

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formfaktor: 3D-gedruckte Objekte haben immer (oder meistens) diesen Streifenlook. Welche Möglichkeiten gibt es, das Druckverfahren zu beeinflussen?

Harald Gründl: Man kann zum Beispiel die Schichtstärke des 3D-Drucks einstellen. Wir haben uns – aufgrund der Muster, die wir bekommen haben – für eine relativ dicke Schichtstärke von 8 mm entschieden. Denn es geht auch darum, die Druckzeit in einem sinnvollen Rahmen zu halten. Normalerweise sollte ein Objekt in 8 Stunden gedruckt sein. Wir sind beim ZUV etwas drüber – mit 12 Stunden. Aber das muss man in Relation sehen. Wenn wir hier bei EOOS NEXT nur ein kleines Modell drucken wollen (zeigt 10 cm – Anm.), dann dauert das auch 12 Stunden.

Diese Schichten sind bei einem normalen 3D-Drucker gerade übereinander, bei diesem Druck sind sie schräg. Der Druck wir in einer Art runden Wurst aufgetragen, wobei die jeweilige Schicht auf die vorherige drückt. Dadurch ergeben sich diese flach gedrückten Kreise. Eine besondere Herausforderung bei unserem Projekt war, dass der Körper auf drei Rädern steht, was zu erheblichen Querkräften führt. Deshalb haben wir manche Wandstärken verdoppelt. Es war ein ziemliches Hin-und-Her und wir mussten die Struktur immer wieder neu berechnen. Aber es war eine schöne Arbeit, bei der man merkte, dass man mit Kooperation viel weiter kommt als mit Konkurrenz. Ehrlich gesagt, macht es einfach enorm viel Spaß, damit herumzufahren. Und es sieht cool aus. Es muss cool aussehen. Dass Designer das können, ist eh klar, aber gerade bei so alternativen Dingen ist es umso wichtiger, ästhetisch zu überzeugen.

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formfaktor: Es handelt sich beim ZUV erst einmal um ein Konzept. Gibt es die Absicht, es weiterzuentwickeln, in den Markt zu bringen?

Harald Gründl: Unser nächster Schritt wird sein, dass wir auf die Frage: Was kostet das? eine wirklich informierte Antwort geben können. Ich glaube, dass dieses Projekt schon ein gewisses Potenzial hat, das aber wahrscheinlich eher im Premiumsegment liegen wird, wenn man die derzeitigen Produktionskosten bedenkt. Und – mit 3D-Druck kann ja im Prinzip jedes Modell individualisiert werden und anders aussehen. In diese Richtung sollten wir weiterentwickeln. THE NEW RAW haben ja mit ihren Stadtmöbeln schon in kleinerem Umfang mit Individualisierung gearbeitet. Parallel dazu arbeiten wir auch mit der Rotomoulding-Technologie weiter, wobei die Form schon sehr nahe dran ist. Für diesen nächsten Entwicklungsschritt müssen wir noch eine Finanzierung finden. Und ein Strang, den wir sicher noch weiterverfolgen werden, ist, für die Herstellung dieses Vehikels einen anderen, eben günstigeren Produktionsprozess zu finden.

Im Zuge der Vienna Biennale-Ausstellung werden wir auch versuchen, mit Komponentenherstellern ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel für Elektromotoren. Es gilt Anknüpfungspunkte für eine lokale Produktionslösung zu finden. Ich schließe auch nicht aus, mit einem Hersteller zu kooperieren, der das übernimmt. Insgesamt zeigt das Ganze, dass man ein kompliziertes Thema zu einem Thema der Selbstermächtigung machen kann. Unser Ziel ist, Mobilität zu demokratisieren.

Es macht enorm viel Spaß, mit dem ZUV herumzufahren. EOOS NEXT-Designer*innen Lena Beigel und Georg Sampl machen es vor. © Studio Theresa Bentz

formfaktor: Kommen wir zu EOOS NEXT. Warum haben Sie EOOS NEXT gegründet?

Harald Gründl: Bei EOOS hatten wir zehn Jahre lang Shopdesigns für Firmen wie Giorgio Armani oder Adidas gemacht. Sicher war das auch cool, mit Giorgio Armani in Mailand zu stehen und zu diskutieren. Aber 2008 haben wir damit aufgehört. Gleichzeitig hatte sich unser Hauptgeschäft, das Möbeldesign, gefestigt. 2008 ist unsere Bulthaup-Küche auf den Markt gekommen. Wir haben begonnen, für Herman Miller zu arbeiten usw. Ich habe 2008 das IDRV, das Intitute of Design Research Vienna gegründet, das aus meiner akademischen Forschung heraus entstanden ist. Etwa 2010 war dann der Beginn unserer Kooperation mit der Bill & Melinda Gates Foundation. Rem Koolhaas hat unsere Toilette auf der Architektur Biennale in Venedig gezeigt. Zwei Jahre später waren wir dort im Österreich-Pavillon vertreten. Das Toiletten-Projekt wurde dann innerhalb von EOOS recht groß. Durch diese ganze Geschichte bis herauf zur Ausstellung im MAK gab es dann die Entscheidung, EOOS NEXT zu gründen. Auch deshalb, weil wir nie genau gewusst haben, was kostet es EOOS eigentlich, wenn wir für die Gates-Foundation arbeiten.

In dieser Zeit der Entscheidung habe ich bei Ashoka eine Ausbildung zum Social Entrepreneur gemacht (Ashoka Visionary Program – Anm.). Dabei gab es auch die Gelegenheit, mit vielen Unternehmern zu sprechen und zu erfahren, wie sie das machen. Das hat mich darin bestärkt, dass man den Anspruch, die Welt zum Positiven zu verändern, als Geschäftsmodell haben kann. Mit EOOS NEXT haben wir nun die Beweisführung gestartet. Übrigens sind fast alle Mitarbeiter bei EOOS NEXT neu. Das heißt, sie haben sich bewusst für dieses Projekt entschieden. Mittlerweile haben wir bei EOOS NEXT sogar mehr Mitarbeiter als bei EOOS.

formfaktor: Sie arbeiten jetzt für beide Unternehmen?

Ich bin bei EOOS nicht ausgestiegen, sondern nach wie vor Partner. Ich teile 50 Prozent meiner Arbeitszeit zwischen EOOS und EOOS NEXT auf. EOOS ist das, was es immer war, ein Autorendesignstudio, dass sich auf Möbeldesign und ein bisschen Produktdesign spezialisiert hat. Bei EOOS NEXT bin ich alleiniger Geschäftsführer. Die Organisationsstruktur sieht hier aber ganz anders aus. Ich habe das Projekt nach allen Regeln der selbstlernenden Organisation aufgestellt. Denn je nachdem, wie man die Organisation strukturiert, kommen dabei andere Dinge heraus. Das Betriebssystem sozusagen ist schon auch entscheidend. Ein kleiner Seitenhieb darauf, wie Kapitalismus heute funktioniert. Es geht um Ermächtigung von Mitarbeitern. Es ist eine neue Generation mit anderen Werten und wenn man sie bestärkt, sie auch konsequent in der Arbeit umzusetzen, dann kommen einfach ganz andere Dinge heraus. Auch die Motivation und der Einsatz sind ganz anders.

formfaktor: Wie verdient EOOS NEXT Geld?

Harald Gründl: EOOS NEXT ist ein Industriedesignstudio. Eines unserer Leitthemen ist derzeit Transformative Technologies. In dem Bereich sind wir als Industriedesigner tätig, indem wir Technologien, die im Labormaßstab sind, eine Brücke in die industrielle Umsetzung schlagen. Das ist ein Teil unserer Tätigkeit und damit verdienen wir auch Geld. Auch die Projekte mit der Gates-Foundation kommen jetzt aus dieser Recherchephase heraus und gehen stark in die Industrialisierung. Da ist unsere Rolle ganz pragmatisch als Industriedesignstudio, das mittlerweile jahrelange Erfahrung in Ländern wie Südafrika hat. Mit der Gates-Foundation sind wir auch in Indien und bald auch in China tätig. Es geht darum, diese Technologie so umzusetzen, dass sie akzeptiert wird – zum Beispiel kulturell. Wir verstehen uns ganz klar als Industriedesignstudio, das aber eine Agenda hat.

formfaktor: Sie sprachen davon, die Welt zum Positiven zu verändern. Wie können Designer*innen überhaupt Einfluss nehmen?

Harald Gründl: EOOS NEXT ist quasi ein Start-up. Aber wir sind schon in der Lage, Projekte auch selbst zu initiieren. Das halte ich ebenfalls für einen möglichen Weg, wenn zum Beispiel die Industrie bei gewissen Themen noch nicht soweit ist, sie umzusetzen oder den richtigen Umsetzungskontext zu wählen. Das ist zum Beispiel auch der Fall bei unserem Mobilitätsprojekt. Es ist ja vollkommen klar, dass Mobilität in einer Stadt in Zukunft anders funktionieren muss. Trotzdem möchte man mit seinen zwei Kindern zum Supermarkt fahren und den Kofferraum vollräumen. Und genau das ist es, was das ZUV kann. Hier geht es ganz klar darum, maximal vier Personen in einer Stadt von A nach B zu bringen. Natürlich kann es auch als Lastenfahrrad für DHL oder die Post fungieren.

formfaktor: Heutzutage ist das Feld für Designer*innen viel weiter als zu der Zeit, als EOOS begonnen hat.

Harald Gründl: Die Challenge ist, diese neuen Möglichkeiten aufzugreifen. Neue Geschäftsmodelle, neue Umsetzungsformen zu finden. Wenn man heute Geld braucht, kann man auch Crowdsourcing machen oder sich einen Investor suchen. Früher musste ein Designstudio von einem Industrieunternehmen beauftragt werden, um Geld zu verdienen. Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten. Und Geld findet ja immer auch zu zukunftsfähigen Projekten. Deshalb bin ich sehr positiv, was unsere Zukunft betrifft. Und natürlich ist die Rolle für Designer heute, sich für den Wandel einzusetzen. Das ist ganz anders als früher. Es ist eine der besten Zeiten, um Design zu machen. Es gibt so viele Dinge, die neu gedacht gehören – es ist wunderbar. Kooperationen sind dabei wichtig. Man kann viel weiter gehen und hat viel mehr Power, wenn man einen Weg gemeinsam geht. Ich glaube, da entsteht gerade etwas Neues. Es ist auch notwendig. Wir brauchen Alternativen zu diesen ganzen Verrücktheiten, die wir vorgesetzt bekommen. Diese neue Zeit braucht neue Formen. Und vielleicht ist es wirklich diese Hightech-Geschichte, die dafür Antworten finden kann.

Harald Gründl bei der Verleihung des Silbernen Black Bee Awards bei der XXII Triennale di Milano 2019. v.l.n.r.: Paola Antonelli, Harald Gründl, Sarah Ichioka u. Yuri Grigoryan (Vorsitzender der Award-Jury). © EOOS

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