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Rückkehr mit Abstand – Office Space in der neuen Normalität

von Markus Schraml
Beat-19 App, Blimp Pininfarina

Wie können Unternehmen für die kurz- und mittelfristige Zukunft planen, wenn sich die Bedingungen und Ausgangslagen jeden Monat ändern? Obwohl die strikten COVID-19-Maßnahmen mittlerweile Schritt für Schritt zurückgefahren werden – bleibt die Unsicherheit. Die sinnvollsten Strategien, um damit umzugehen, fußen auf Konzepten, die so flexibel sind, dass man jederzeit und schnell reagieren kann. Ein Bereich, der davon besonders betroffen ist, sind Büros und Arbeitsplätze. Für die neue Normalität müssen innovative räumliche Lösungen eng mit notwendigen Sicherheitsmaßnahmen verknüpft sein. Da der beste Weg, um Ansteckungen zu vermeiden die Wahrung eines Sicherheitsabstandes zwischen den Menschen ist, werden zum Beispiel Großraumbüros in Zukunft wohl weniger dicht besetzt sein. Die Office-Profis des Schweizer Möbelherstellers Vitra schlagen in ihren Hypothesen für eine post-pandemische Arbeitswelt etwa knapp die Hälfte von Sitzplätzen in offenen Grundrissen vor. Dass dafür größere Flächen notwendig sein werden, ist nicht zu erwarten, denn das Gros der Büroarbeit wird auch künftig im Home Office erledigt werden. Der jetzige Ausnahmezustand wird für viele der Normalzustand werden.

 

Erhöhte Hygienestandards

Dass der Infektionsschutz der Dreh- und Angelpunkt für Bürogestaltungen sein wird, glauben auch die Akustikspezialisten von Preform. Das deutsche Unternehmen hat sich neben dem guten Raumklang auch auf Tischaufsatzwände sowie Raumteiler und Stellwände spezialisiert. Diese Art von Einrichtungselementen wird gerade für kurzfristige Anpassungen von Büros wichtig sein. Nicht jedes Unternehmen kann sich einen aufwendigen Büroumbau leisten und im Hinblick auf die fließenden Regierungsvorgaben, scheinen größere Ausgaben zum jetzigen Zeitpunkt wenig sinnvoll. Neben der Verminderung der Besetzung sind die unterschiedlichsten Formen von Abtrennungen zwischen den einzelnen Arbeitsplätzen sowie –clustern und eigentlich in allen Bereichen mit erhöhter Mitarbeiterfrequenz ein probates Mittel. Dabei kommt es auch auf die verwendeten Materialien und vor allem die Oberflächen an. Sie müssen sich möglichst negativ auf die Beständigkeit von Viren auswirken, wie etwa antimikrobielle Stoffe oder Aluminium. In jedem Fall sollten sie sich leicht reinigen lassen. Erhöhte Hygienestandards werden in Zukunft zur Regel werden. Durch regelmäßige Desinfektionen bestimmter Flächen, werden diese besonders beansprucht und müssen von robuster Qualität sein. Die Experten von Vitra schlagen eine ganze Reihe von geeigneten Materialien vor. Zum Beispiel bestehen HPL (High Pressure Laminate) aus mehreren Schichten mit Melamin und Phenol-Harz getränkter Papiere. Unter Druck und hoher Temperatur werden sie mit einer Deckschicht verpresst. HPL ist unempfindlich gegen Alkohol, organische Lösungen und Wasser. Oder Metalloberflächen, die pulverbeschichtet, verchromt, poliert, verzinkt oder mit Flüssiglack behandelt, erhältlich sind.

Der deutsche Komplettanbieter für Büroeinrichtungen Sedus hat für seinen Sichtschutz se:wall einen Aerosol-Aufsatz aus Plexiglas entwickelt. Durchsichtige Lösungen ermöglichen visuellen Kontakt zwischen den Mitarbeiter*innen und helfen damit das Gefühl der totalen Abgrenzung zu vermindern. Die neuen Aerosol-Aufsätze können auch als eigene Aufsteller verwendet werden.

 

Abstand und Abtrennungen in öffentlichen Räumen

Was für Büros und Arbeitsplätze gilt, trifft auch auf öffentliche Räume wie Wartezonen oder Lounges zu. Flexible Einrichtungslösungen helfen dabei, die Besetzungsdichte zu verringern und auf die sich stetig verändernden Regularien schnell zu reagieren. Dass viele Möbelproduzenten ihre Kollektionen ohnedies auf modularen Systemen aufbauen, hilft nun bei der Ausrichtung auf die neue Situation. So hat der italienische Hersteller Arper unter dem Motto „Back to our Spaces“ einige Vorschläge zusammengestellt, wie Einrichtungen in Zeiten von Corona und danach aussehen müssen, damit sich Menschen in Büros und vor allem auch in öffentlichen Räumen sicher aufhalten können. Im Interview spricht Giovanni Peracin, Group Brand & Marketing Director von Arper davon, dass Räume in Zukunft reorganisiert und die Einrichtung neu arrangiert werden müssen. Der zentrale Begriff wird dabei „Anpassungsfähigkeit“ sein. „Arper hat von Anfang an sehr offen über das Thema öffentlicher Raum nachgedacht. Wir glauben, dass eine Kombination von Schönheit und Flexibilität, wie sie traditionell in Wohnumgebungen vorkommt, auch im öffentlichen Kontext funktioniert. Anpassungsfähigkeit ist dabei ein wichtiger Teil unserer DNA. Unsere Produkte sind so gestaltet, dass sie sich an unterschiedliche Situationen und Kontexte anpassen lassen“, erklärt Peracin. Durch diese grundsätzlichen Produkteigenschaften können etwa Bänke mit Zwischenräumen (Ablageflächen, hohe Abtrennungen) versehen werden. „Durch den Abstand zwischen Sitzgelegenheiten mittels Tischflächen können wir weiterhin Lobbybereiche auf die gleiche Weise nutzen, jedoch mit erhöhter Vorsicht“, ist Peracin überzeugt. Um sich auf die neue Situation einzustellen, haben Möbelhersteller den Vorteil, die eigenen Büros und Produktionsbetriebe als reelle Testlabors nutzen zu können. So wird etwa bei Arper selbst nachdem die Bestimmungen gelockert wurden, genau auf die Sicherheit der Angestellten geachtet. Peracin: „Wir sorgen dafür, dass im Büro oder im Lager jederzeit sichere Abstände eingehalten werden, das ist natürlich auch dank unserer Produkte möglich, die ein auf Sicherheit ausgerichtetes Raum-Management erlauben.“

 

Klug, schnell und billig

Wenn es ganz schnell gehen muss und zudem kostengünstig sein soll, hat das Hallenberger Unternehmen Kusch+Co ein Sitzplatzbanner entwickelt, mit dem kurzfristig einzelne Plätze gesperrt werden können. Sie werden um Vorder- sowie Rückseite des Sitzes gelegt und mit einer Spannvorrichtung fixiert. Erste Kunde war der Flughafen Frankfurt, für den Kusch+Co den Prototypen in nur vier Tagen entwickelte. Mittlerweile sind die Banner auch auf dem Flughafen Dortmund, in Lille, Lyon, Montpellier sowie in Boston und Oklahoma City im Einsatz. Laut Aussage des Unternehmens ist die Nachfrage enorm und in kurzer Zeit wurden bereits an die 18.000 solcher Banner verkauft. Diese Lösung eignet sich nicht nur für Flughafen-Wartezonen, sondern auch für Theater, Kinos, Stadien oder öffentliche Verkehrsmittel. Neben diesen kurzfristigen Maßnahmen, sehen die Experten von Kusch+Co zum Beispiel Trennwände zwischen Sitzplätzen als mittelfristige Lösung. In Zukunft aber müssten sich Ausstattungen komplett ändern. So würden Sitzmöbel mit integrierter Abschirmung vermehrte Bedeutung bekommen.

 

Personenfluss und Belegungsgrad überwachen

Um die Abstandsregeln einhalten zu können, werden auch entsprechende Softwareanwendungen zum Einsatz kommen. So hat der niederländische Beleuchtungsspezialist Signify seine Interact Office-Software um Flächenmanagement und Workspace App erweitert. Mithilfe der mit der vernetzten Beleuchtungsinfrastruktur verbundenen Software können Gebäudemanager wichtige Entscheidungen im Hinblick auf die optimale Raumnutzung treffen. Die Interact Office Workspace App erlaubt es Unternehmen ihre vernetzte Beleuchtungsinfrastruktur für die Indoor-Navigation zu nutzen und Mitarbeiter*innen in wenig frequentierte Gebäudebereiche zu leiten, wo sie sich in einem Raum mit akzeptablem Belegungsgrad einen Schreibtisch reservieren können. Dies erleichtert es den Mitarbeiter*innen, Arbeitsplätze zu belegen, die den Abstandsregeln entsprechen. Die Anwendung überwacht Echtzeit-Belegungsdaten, sodass zu stark genutzte Bereiche im Gebäude ermittelt und COVID-19-bezogene Belegungsbeschränkungen eingerichtet werden können. Die Software nutzt unterschiedliche Technologien wie Visible Light Communication (VLC) und Bluetooth-Low-Energy (BLE) in den Leuchten und Smartphone-Sensoren, um den Standort und die Bewegungsrichtung des Geräts des Mitarbeiters / der Mitarbeiterin auf 30 cm genau zu lokalisieren.

An einer speziellen App, um Social Distancing-Verhalten zu messen, arbeitet das italienische Designstudio Pininfarina gemeinsam mit dem auf Künstliche Intelligenz spezialisierten Start-up Blimp. Das Mailänder Unternehmen hat eine Anwendung mit dem Namen Beat-19 entwickelt, die es möglich macht, den Personenfluss zu überwachen. Konkret können damit große Gruppen von Menschen in Echtzeit erkannt und über akustische Signale auf die Einhaltung von Sicherheitsabständen aufmerksam gemacht werden. Das Tool eignet sich für die Überwachung von Warteschlangen etwa an Bushaltestellen. Oder zur Zählung der Zugänge in einen U-Bahn-Waggon. Realistisch scheint das Erfassen des Sicherheitsabstandes von Mitarbeiter*innen in Büros oder Produktionsstätten, die sofort auf etwaiges Fehlverhalten hingewiesen werden können. Die Technologie besteht aus einem Sensor zur Erkennung von Daten und einer Cloud-Plattform, damit die Daten angezeigt und Benachrichtigungen über kritische Situationen verwaltet werden können. Je nach Bedarf kann der Sensor mit einer Wärmebildkamera zur Erfassung der Körpertemperatur und einem Lautsprecher zur Wiedergabe von Audio-Nachrichten und / oder akustischen Signalen ausgestattet werden. Das Ganze klingt nach Totalüberwachung? Ist es auch, aber Bimp will Datenschutzbedenken ausräumen, indem zum Beispiel die aufgenommenen Bilder des Sensors (also keine Kamera) nur direkt in diesem Sensor verarbeitet und sofort gelöscht werden. Nur anonyme Daten in Form von Zahlen erreichen angeblich die zentrale Cloud. Pininfarina arbeitet bereits mit der Beat-19-Technologie, um im Zuge eines Forschungsprozesses neue Raumlösungen zu finden. Dabei kann das Designteam auf viel Erfahrung aus unterschiedlichsten Bereichen zurückgreifen. Es geht um das Neudenken von Gebäuden, Bildungseinrichtungen, Büros, des Handels, Hotels, Mobilität und öffentlichen Bereichen. Überall dort, wo es zur Interaktion von Menschen kommt, muss in Zukunft sorgfältig zwischen Social Distancing und Begegnung abgewogen werden. Mithilfe von Beat-19 soll menschliches Verhalten auch generell analysiert werden, um Daten zu generieren, die etwa Soziologen oder Psychologen unterstützen können.

Plädoyer für 5G

Warum wir für die neue Arbeitswelt unbedingt 5G brauchen? Die Bildqualität, der Bildausschnitt und die Tonqualität von derzeit so beliebten Zoom-Webinars, -Diskussionen und -Pressekonferenzen sind großteils grauenerregend. In Zeiten von 4K und sogar 8K ist dieses Laientheater eine Qual für Aug und Ohr. Jeder wird zu seinem eigenen Kameramann, jede zu ihrer eigenen Tonmeisterin – das Ergebnis: schauderhaft, außer für Fans von Homevideos und YouTube-Quatsch. Damit begeben sich große Unternehmen und bekannte Hersteller auf einen Laien-Weg, welcher der Qualität ihrer Produkte alles andere als gerecht wird. Mit gutem Willen könnte man dies noch als künstlerische Ambition sehen, wäre das Ganze nicht aus einer Notlage heraus geboren. Ein Ausweg, um diese „neue Normalität“ zumindest ein Stück weit erträglicher zu machen, ist die möglichst rasche Einführung von 5G. Eine hohe Datenübertragungsrate sollte zu besserer Bild- und Tonqualität führen. Es bleibt zwar immer noch der Flaschenhals Endgerät (speziell Audio-Equipment) und der qualvoll unvorteilhafte Bildausschnitt, aber es wäre ein erster Schritt.


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