Home ArtInfinite Scroll: Wenn Roboter für uns durch Social Media scrollen

Infinite Scroll: Wenn Roboter für uns durch Social Media scrollen

von redaktion

Sechs Maschinen, sechs Smartphones und ein endloser Strom künstlicher Gesichter: Mit „Infinite Scroll“ verwandelt das niederländische Designstudio Tjep. eine alltägliche Bewegung in eine kinetische Installation. Während der Dutch Design Week 2026 in Eindhoven wird das reflexartige Wischen über Bildschirme zum Gegenstand einer wach machenden Beobachtung.

Die Choreografie des digitalen Alltags

Die sogenannten Valets stehen aufrecht im Raum und bedienen Smartphones, als wären sie dafür geschaffen worden. Ihre Konstruktion aus Cortenstahl, poliertem Edelstahl oder Messing verbindet industrielle Mechanik mit handwerklicher Materialbearbeitung. Ein Motor treibt einen Bewegungsmechanismus an, während ein Stift über das Display streicht. Was normalerweise beiläufig mit dem Finger geschieht, wird zur sichtbaren, irgendwie meditativen Handlung.

Die sechs Maschinen folgen dabei einer choreografierten Abfolge. Ihre Bewegungen greifen ineinander, verlaufen parallel, antworten einander und kommen schließlich zur Ruhe. Auf den Bildschirmen erscheinen unterdessen Porträts von Menschen, die allesamt künstlich generiert wurden. Gesichter von Passanten, Models und Menschen mit veränderten Gesichtszügen bilden einen endlosen Strom synthetischer Identitäten. Die Bilder wechseln ständig, während die Bewegungsabläufe der Maschinen gleich bleiben. Gelegentlich stimmt ein Detail nicht – ein subtiler Hinweis darauf, dass auch das vermeintlich Vertraute einer digitalen Inszenierung unterliegt.

Frank Tjepkema, Gründer des Studios Tjep., interessiert sich für die körperliche Dimension dieser automatisierten Geste. Erst wenn eine Maschine das Scrollen übernimmt, werde dessen Gewicht und Präsenz wahrnehmbar, erklärt er. Die Installation lenkt damit den Blick auf eine Tätigkeit, die im Alltag meist unbemerkt bleibt: das nahezu ununterbrochene Weiterwischen durch digitale Inhalte.

Die Valets lassen sich darüber hinaus als Uhren einsetzen, bei denen jeder Wisch eine Minute weiterschaltet. Andere Anwendungen zeigen Farbfelder, Bildstörungen, Stillleben oder persönliche Bildarchive.

Design zwischen Funktion und Reflexion

Zum 25-jährigen Bestehen von Tjep. erscheint der Valet als limitierte Edition. Je acht signierte und nummerierte Exemplare in Cortenstahl, Edelstahl und Messing sowie zwei Künstlerexemplare sind vorgesehen. „Infinite Scroll“ ist vom 17. bis 25. Oktober 2026 im Kazerne Design Lab in Eindhoven zu sehen. Das Projekt verbindet technische Konstruktion und Materialästhetik mit einer Frage, die weit über das Objekt hinausreicht: Was geschieht, wenn wir selbst unsere digitalen Gewohnheiten nicht mehr ausführen, sondern Maschinen dabei zusehen?

Filmcredits: gezeigt auf der Big Art Rotterdam und GLUE Amsterdam. Als Nächstes: Dutch Design Week, Kazerne, Eindhoven, 17.–25. Oktober 2026.

Film von Silver Tjepkema, Sounddesign von Jim Feenstra
Gefilmt im Theatrum Anatomicum, Waag Futurelab, Amsterdam, 17. September 2026
Gemälde: Reproduktion der Anatomiestunde von Dr. Nicolaes Tulp, Rembrandt, 1632


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