Von 17. bis 25. Oktober wird Eindhoven zum Schauplatz experimenteller Gestaltung. Unter dem Motto „R.A.W.“ versammelt die 26. Dutch Design Week (DDW) mehr als 2.500 Designschaffende. Im Mittelpunkt steht Gestaltung als offener Prozess: ungeschliffen, experimentell und auf der Suche nach neuen Antworten. Während Technologie und künstliche Intelligenz zunehmend auf Effizienz und perfekte Ergebnisse ausgerichtet sind, setzt das Festival auf das Unfertige, auf Materialforschung und radikale Vorstellungskraft.
Wenn das Privatleben zum Datensatz wird
Wie weit darf Überwachung gehen, wenn sie mit Komfort und Sicherheit begründet wird? Das Projekt „transparent.citizen“ von Mees Boeijen macht die Konsequenzen einer solchen Logik greifbar. Eine Woche lang überlässt der Designer sein Zuhause einer KI, die nahezu sämtliche verfügbaren Informationen über ihn sammelt: Bewegungsdaten, Kalender, Herzfrequenz, Wasserverbrauch, Musikhören, Browserverlauf und Bankauszüge. Aus den Daten entsteht eine maschinell verfasste Biografie – eine fortlaufende Erzählung über einen Menschen, der der Auswertung seines Lebens zugestimmt hat.

Das Experiment richtet sich gegen das Argument, wer nichts zu verbergen habe, müsse auch nichts befürchten. Denn aus der umfassenden Sammlung persönlicher Daten entsteht nicht nur ein Protokoll, sondern eine Interpretation des Lebens. Auch das Publikum wird Teil des Versuchs: Wer die Aufzeichnungen liest, beobachtet den Designer und wird zugleich selbst zum Beobachteten.
Häuser aus dem Drucker, Gestaltung mit KI
Mit „House of Lights“ untersucht TAM Industries, was großformatiger 3D-Druck für das Bauen bedeuten könnte. Das Unternehmen fertigt die Fassade eines Hauses als zusammenhängende Struktur aus recyceltem Kunststoff. Das Material erhält seine endgültige Farbe bereits während der Herstellung. Nach der Nutzung soll die Fassade vollständig recycelbar sein. Das Projekt verbindet damit eine neue Fertigungsmethode mit der Frage, wie sich Materialkreisläufe in der Architektur schließen lassen.

Wie künstliche Intelligenz den Gestaltungsprozess verändert, thematisiert „Design & AI: Many (Re)Turns“ im Gebäude SFF auf Strijp-S. Die Ausstellung, die mit dem fünften Design & AI Symposium verbunden ist, zeigt anhand von drei Projekten die Umwege, Fehlversuche und überraschenden Ergebnisse bei der Arbeit mit KI-Systemen. Dabei geht es nicht allein um neue Werkzeuge, sondern auch um Autorschaft, Kontrolle, handwerkliches Können und Nachhaltigkeit. Zwischen standardisierten, durch Prompts erzeugten Ergebnissen und einer bewussten Rückbesinnung auf Materialität und handwerkliche Qualität stellt sich die Frage, welche Rolle der Mensch künftig im Entwerfen einnimmt.
Licht als Gegenentwurf zur Unsicherheit
Mit „Beacons of Hope“ setzt das Designstudio Rive Roshan einen Kontrapunkt zu Krisenstimmung, gesellschaftlicher Polarisierung und technologischer Beschleunigung. Die Installation im Klokgebouw verbindet farbiges Glas, bewegtes Licht und kinetische Technik zu einem immersiven Raum, der Zuversicht und Gemeinschaft erfahrbar machen soll. Die skulpturalen Lichtkörper basieren auf einer vom Studio entwickelten Glasmarqueterie-Technik.
25 Jahre Industriedesign in Eindhoven
Ein institutioneller Schwerpunkt ist das 25-jährige Bestehen des Department of Industrial Design an der Technischen Universität Eindhoven (TU/e). Im Atlas-Gebäude geben 20 Abschlussarbeiten des Jahrgangs 2026 Einblick in aktuelle Fragestellungen, ergänzt durch zwei geöffnete Forschungslabore. Die Projekte widmen sich unter anderem Gesundheit, Nachhaltigkeit, Social Design, neuen Materialien und der Weiterentwicklung der Designausbildung.
Weitere Impulse kommen aus dem Biodesign. Emma van der Leest zeigt mit „The Biodesign Warehouse – Department Store for Life“, wie Materialien und Produkte mithilfe lebender Systeme wie Bakterien, Pilzen und Algen entstehen können. Anwendungen für Kosmetik, Mode, Verpackung und Innenarchitektur veranschaulichen, wie sich das Forschungsfeld zunehmend aus dem Labor in den Alltag bewegt.
Allein aufgrund des immensen Umfangs zeigt die Dutch Design Week Gestaltung in unterschiedlichen Maßstäben: vom experimentellen Material über das digitale Werkzeug bis zum gesellschaftlichen Entwurf. Die Stärke des Festivals liegt auch in diesem Jahr eindeutig darin, Fragen sichtbar zu machen, an denen im Design heute gearbeitet wird. Wobei der Wunsch nach gesellschaftlicher Relevanz immer stärker in den Vordergrund dringt.