Die US-amerikanische Designerin und Designlehrerin Felicia Ferrone kritisiert in diesem Kommentar zur Verfasstheit der Designdisziplin, die mangelnde Tiefe und aufmerksamkeitsheischende Beliebigkeit heutiger Gestaltungen – was ihr ein weiteres Mal besonders schmerzlich während der jüngsten Mailänder Designwoche bewusst wurde.
Von Felicia Ferrone
Meinen „Protest“ gegen die Mailänder Designwoche begann ich 2024. Früher war die Design Week mein höchster Feiertag – ein unverzichtbares, elektrisierendes Highlight, bei dem sich Designgeschichte Jahr für Jahr vor unseren Augen entfaltete. Ich habe immer gesagt: Wenn ich mich mit meinen letzten paar Münzen dorthin schleppen müsste – ich würde es tun. Die Design Week hat mich überhaupt erst dazu gebracht, Designerin werden zu wollen. Direkt nach meinem Architekturstudium zog ich nach Mailand, und während der Design Week 1995 verliebte ich mich vollständig und unwiderruflich in Design. Es war wie nichts, was ich je zuvor erlebt hatte. Nach fast dreißig Jahren Teilnahme ist die Woche zu einer Art Disneyland für Designtouristen verkommen – was nicht immer so war.
Der Fuorisalone war voller kleiner, experimenteller Entwürfe – guter, schlechter und allem dazwischen. Jahre später erinnere ich mich daran, wie ich in denselben langen Schlangen stand, die den Fuorisalone heute prägen, um Einzelausstellungen von Nendo zu sehen. Damals erschien es verrückt, so lange zu warten, doch drinnen angekommen, hörte das Gezeigte nie auf, zu erstaunen, zu inspirieren und einen fragen zu lassen, warum man diese einfache Idee, umgesetzt mit einer ebenso einfachen Geste, nie zuvor gesehen hatte – so präzise formuliert, wie nur er es kann, in seinen „Aha!-Momenten“. Es war immer das Warten wert.
Natürlich schwankte das Niveau des Designs in diesen dreißig Jahren, es stieg und fiel mit den globalen wirtschaftlichen Bedingungen. Man konnte Produktion und Risikobereitschaft wie ein Thermometer lesen – als präzises Maß für den Zustand der Welt.
Heute kommen zu viele mit wenig Kenntnis des Feldes oder seiner Geschichte und lassen sich vom Spektakel blenden. Glänzende Objekte ohne Tiefe; glänzende Objekte, die uns vielleicht ins Verderben locken – wie ein Angelhaken, den wir nicht erkennen. „Das haben wir schon einmal gesehen“ ist die dominante Stimme in meinem Kopf – vielleicht das treffendere Motto für dieses Jahr. Es ist Unterhaltung geworden statt Motor für neue Ideen.
Modemarken haben die Designwoche seit Langem infiltriert, und dieses Jahr scheint sich erstmals spürbarer Widerstand zu regen. In sozialen Medien wird „Luxus“ als Schuldiger angeprangert. Ich widerspreche: Dieses Wort ist inzwischen so entleert, dass es nicht für den Niedergang der Designwoche verantwortlich sein kann.
Der eigentliche Schuldige ist der Mangel an Konzepten. Konzepte sind schwer zu entwickeln – sie erfordern Expertise, historisches Wissen und enorme Anstrengung. Das erklärt die Fixierung auf Vintage, die eine ganze Generation erfasst hat: Viele dieser Stücke basieren auf klaren Konzepten, weshalb sie die Zeit überdauern. Vintage wird heute oft mit Nachhaltigkeit verknüpft – zu Recht, aber eher als Nebeneffekt denn als ursprüngliches Ziel.
Ich habe oft gesagt: Nimmt man ein solches zeitloses Stück – etwa einen Panton Chair – und stellt ihn irgendwo auf die Straße, egal wo auf der Welt, würde jemand, Designer oder nicht, eine so starke, unmittelbare, nonverbale Reaktion empfinden, dass er ihn mit nach Hause nimmt. Er würde nicht auf der Müllhalde landen, außer durch Zufall. Ist das nicht das überzeugendste Argument dafür, dass Nachhaltigkeit weniger über Material, sondern über die Substanz eines Objekts definiert sein sollte?
Ein Großteil der heutigen Kritik versucht zu benennen, was fehlt: das „Was“, das Design von bloßem Styling unterschied. Design bedeutete Ideen, die neue Arten des Sitzens, Essens, Schlafens und Interagierens ermöglichten – unerwartet, herausfordernd, gegen die Norm einer Typologie gerichtet. Das brachte Freude – und tut es noch. Diese Ideen heben sich vom heutigen Lärm ab, einem ohrenbetäubenden, undifferenzierten Rauschen.
Was einst von Konsumhomogenität geprägt war, ist heute schlicht Lärm: Marken sehen gleich aus und sagen gleichsam nichts aus. Briefings werden von Verkaufsprognosen und Marketing bestimmt statt von Vision und Risiko. Selbst Marken ohne Spreadsheet-Diktat produzieren, weil sie es „können“, ohne zu fragen, ob sie es „sollten“. Der Anspruch des „Nicht-Offensichtlichen und Neuen“, wie ihn das Patentrecht fordert, ist verloren gegangen. Marketinggetriebene Briefings lassen keinen Raum für Überraschung – dafür gibt es keine Excel-Tabelle. Ja, Luxusmodemarken verfügen über mehr Geld und höhere Budgets als wir alle zusammen. Aber eine gute Idee ist eine gute Idee, und sie muss nichts extra kosten.
Seit 2010 lehre ich und übernehme seit 2015 Leitungsfunktionen – und es wird zunehmend schwieriger, in dieser TikTokisierung des Designs zu unterrichten, in der Marken mit Schauspielern oder Influencern 250-teilige Kollektionen produzieren, als wäre es nichts. Und es ist auch nichts.
Der Mainstream ist heute ohne Strenge. Es wird mehr produziert als je zuvor, doch es fehlt die Substanz, die Material, Prozess oder Konzept ausreizt. Stattdessen entstehen „Blob“-Ideen ohne klare Form oder gedankliche Tiefe. Würde ein derartiger Vorschlag in meinem Designkurs im zweiten Jahr eingereicht, würde ich ihnen sagen, dass sie weiterarbeiten sollen. Das Niveau ist bestenfalls eine 2 minus.
Auch die Medien tragen Mitschuld: Als eine der wenigen unabhängigen US-Marken in Mailand – ohne US-Berichterstattung trotz internationaler Anerkennung – sehe ich kaum Unterschiede zwischen Berichterstattung und Systembeteiligung. Redaktion und Werbung verschwimmen, Expertise erodiert. Projekte werden unabhängig von ihrer Qualität gleich behandelt – zum Schaden des gesamten Feldes.
Was ist mit Expertise und Wissenstiefe geschehen? Ein Freund meinte scherzhaft, man müsse vielleicht wieder „Gatekeeping“ einführen. Ich ergänze: Wir müssen auch den Schlüssel finden. Nicht, um auszuschließen, sondern um durchdachte, präzise entwickelte Ideen zurückzubringen – Ideen, die Diskurs erzeugen und das Feld voranbringen. Heutige Vorschläge sind emotionslos, besitzen weder Freude noch Begeisterung noch Überraschung. Sie fordern uns nicht heraus. Die Welt scheint voller „fast gut genug“ zu sein, dem es an wirklichem Geschmack mangelt. Diese seelenlosen Stücke tragen nicht nur zum Lärm bei, wir können es uns schlicht nicht leisten, Designs in die Welt zu werfen, die als physische Objekte darauf warten, auf Mülldeponien zu landen und unsere kostbaren natürlichen Ressourcen zu verschwenden.
Gertrude Stein schrieb einst über ihre Heimatstadt, ihr fehle es an Eigenart und Substanz – es gebe „kein Dort dort“. Das gilt auch für das heutige Design. Vielleicht sollten wir uns auf die Kernelemente des Designs zurückbesinnen, die uns einst beigebracht wurden, und uns so aus diesem Zustand herausgestalten.
Alle Kritiken an der Design Week – auch diese – entspringen einer gemeinsamen Sehnsucht nach mehr: nach etwas, das uns jenseits von Konsum und Aufmerksamkeitsökonomie antreibt. Wir hungern danach. Also sollten wir definieren, wie dieses „Mehr“ aussieht – und genau darauf hin entwerfen.
Felicia Ferrone ist Gründerin und Design Director ihrer gleichnamigen Marke sowie Professorin und Leiterin des Fachbereichs Industrial Design an der University of Illinois Chicago.