Home DesignObjekt und Atmosphäre – Neue Leuchtenentwürfe zwischen Materialforschung und Inszenierung

Objekt und Atmosphäre – Neue Leuchtenentwürfe zwischen Materialforschung und Inszenierung

von Markus Schraml
Zur Milano Design Week 2026 präsentierte Foscarini im Showroom Spazio Monforte ein Forschungsprojekt zum Zusammenspiel von Licht und 3D-Stricktechnologien: Knitted Light. Foto © Giuliano Koren

Kaum eine Produktkategorie vereint Funktion und Emotion so unmittelbar wie die Leuchte. Sie ist Objekt und immaterielle Erscheinung zugleich: tagsüber skulpturale Präsenz im Raum, nachts Ursprung von Atmosphäre, Orientierung und Stimmung. Anders als bei Möbel endet ihre Gestaltung nicht an der Oberfläche des Materials. Erst durch das emittierte Licht vollendet sich ihr Charakter. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen Form, Technologie und Wahrnehmung bewegen sich zahlreiche Neuheiten aus der Welt der Beleuchtung.

Auffällig ist dabei eine Entwicklung, die weit über reine Funktionalität hinausgeht. Licht wird zunehmend als erzählerisches Medium verstanden – dekorativ, architektonisch und experimentell zugleich. Traditionelle Materialien wie Glas, Metall oder Textil erfahren durch neue Fertigungstechniken eine Neuinterpretation, während LEDs und modulare Systeme die gestalterischen Möglichkeiten erweitern. Viele der aktuellen Entwürfe wirken deshalb weniger wie klassische Lampen, sondern eher wie räumliche Interventionen.

Besonders poetisch formuliert Cassina diesen Ansatz mit Fluid Joinery Light von Linde Freya Tangelder. Die Leuchte übersetzt die Sprache skulpturaler Glasobjekte in eine weiche, beinahe organische Lichtquelle. Mundgeblasenes Glas, in mehreren Schichten verarbeitet, erzeugt eine diffuse Tiefenwirkung, die das Licht weniger abstrahlt als vielmehr im Material selbst entstehen lässt. Die feinen Gravuren und die gedämpften Farbtöne verleihen dem Objekt eine meditative Ruhe.

Auch Catellani & Smith setzt auf die emotionale Kraft von Reflexionen. Gold Moon arbeitet mit goldfarbenen Oberflächen, die Licht nicht nur spiegeln, sondern in vibrierende Schattenbilder übersetzen. Die unregelmäßig bearbeiteten Scheiben erzeugen ein changierendes Spiel aus Glanz und Dunkelheit – weniger technische Beleuchtung als atmosphärische Wandinstallation.

Das Ergebnis einer besonders materialorientierte Forschung zeigen Draga & Aurel gemeinsam mit der traditionsreichen Glasmanufaktur Salviati. Ihr Projekt Affinity in Light (Salone Raritas, Mailand) untersucht Glas und Kunstharz als aktive Lichtträger. Die Leuchten der Serie Soffio verzichten auf Perfektion: Einschlüsse, Blasen und Spannungen im Murano-Glas bleiben sichtbar und verleihen den Objekten eine rohe Lebendigkeit. Licht wird hier nicht bloß gelenkt, sondern scheint das Material von innen heraus zu aktivieren.

Dass Leuchten zunehmend architektonisch gedacht werden, zeigt das Studio Meneghello Paolelli. Die neue Wandleuchte Split für Il Fanale reduziert Licht auf eine grafische Geste: eine gefaltete Metalllinie, die Schatten wie eine Zeichnung in den Raum schreibt. Ähnlich räumlich argumentiert SERVOMUTO mit den Leuchten Palazzi und Palazzi Metal. Inspiriert vom visionären Teatro del Mondo von Aldo Rossi verbinden sie textile Leichtigkeit mit industriellen Metallgittern. Die Lampen erscheinen wie kleine Bühnenarchitekturen – fragil, theatralisch und technisch zugleich.

Textilien spielen überhaupt eine zentrale Rolle. Die neue Edition der Calypso-Kollektion von Contardi Lighting, erneut gemeinsam mit SERVOMUTO entwickelt, kombiniert dekorative Art-Déco-Anklänge mit Stoffen des italienischen Textilhauses Dedar. Muster, Fransen und warme Farbtöne verleihen den Leuchten die Aura couturehafter Objekte.

Parallel dazu gewinnt technologische Forschung an Bedeutung. Foscarini untersucht mit Knitted Light das Potenzial von 3D-Stricktechnologien. Designer wie Jozeph Forakis und Lorenzo Palmeri experimentieren mit nahtlos „gewachsenen“ Textilstrukturen, die Licht filtern und streuen. Die Grenze zwischen Stoff, Objekt und Lichtkörper beginnt dabei zu verschwimmen.

Knitted Light by Foscarini: Jozeph Forakis und Lorenzo Palmeri haben unabhängig voneinander mit 3D-Stricktechnologien gearbeitet und deren gestalterisches Potenzial im Dialog mit Licht untersucht. Foto © Giuliano Koren

Auch technische Systeme werden wieder neu gedacht. Ingo Maurer entwickelt das legendäres Niedervolt-System YaYaHo weiter und transformiert die stromführenden Drähte selbst in räumliche Gestaltungselemente. Die Leuchte wird hier zum offenen System, das sich flexibel im Raum inszenieren lässt – zwischen Installation und Architektur.

Demgegenüber verfolgt Luceplan mit der Serie Nytt von Marco Spatti eine sehr minimalistische Strategie. Die extrem reduzierte Struktur trägt einen dominanten Lichtkörper – ein eleganter Perspektivwechsel, der die traditionelle Hierarchie von Gestell und Lichtquelle umkehrt.

„Nytt“ von Marco Spatti spielt mit einem ungewöhnlichen Verhältnis zwischen Struktur und Lichtquelle. Die brillante Intuition besteht darin, die traditionellen Proportionen umzukehren. © Luceplan

Die jüngsten Entwürfe zeigen damit eine bemerkenswerte Entwicklung. Leuchten werden weniger als ergänzende Wohnobjekte verstanden, sondern als autonome Gestaltungselemente mit atmosphärischer und kultureller Wirkung. Zwischen handwerklicher Tradition, technologischer Innovation und räumlicher Inszenierung entsteht eine neue Form dekorativer Intelligenz – eine, die Licht nicht nur sichtbar macht, sondern Räume emotional definiert.


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