Früher konnte man Automarken auf hundert Meter Entfernung erkennen. Heute muss man warten, bis das Auto nahe genug ist, um das Logo identifizieren zu können. Das ist keine Sehschwäche, sondern der Stand modernen Automobildesigns.
Neulich kam mir ein Jaguar entgegen. Zumindest erklärte das der Kühlergrill. Ohne Emblem hätte ich den Wagen ebenso gut für einen Volkswagen, einen Kia oder irgendein Modell von Geely halten können, dessen Modellname aus einer zufälligen Kombination von Buchstaben und Zahlen besteht. Ausgerechnet Jaguar – einst Synonym für Eleganz, britische Exzentrik und eine gewisse aristokratische Lässigkeit – wirkt plötzlich wie der Musterknabe einer Designschule, in der Individualität ein zu vermeidendes Risiko ist. Früher wirkte ein Jaguar als würde er bereits im Stand 200 km/h fahren. Selbst ein Opel oder Alfa Romeo hatte genügend Eigenwilligkeit, um Freunde wie Gegner hervorzubringen.
Offenbar hat sich die Branche auf einen stillen Wettbewerb verständigt: Wer baut das Auto, das am wenigsten aneckt? Das Ergebnis rollt millionenfach über die Straßen. Schmale LED-Lichtbänder ziehen sich über Fronten, die aussehen, als seien sie im Windkanal glattgebügelt worden. Die Seitenflächen gleichen einander wie Smartphones in unterschiedlichen Hüllen. Selbst im Premiumsegment herrscht jene höfliche Austauschbarkeit, die früher bestenfalls Büromöbeln vorbehalten war.
Dabei erzählten Automobile einmal Geschichten. Ein Mercedes vermittelte Seriosität und Souveränität. Ein BMW wirkte, als wolle er die linke Spur besitzen. Selbst ein Citroën durfte ein bisschen aberwitzig sein. Man liebte diese Autos oder man lehnte sie ab – aber man erkannte sie.
Heute erkennt man vor allem den Zeitgeist. Aerodynamik, Plattformstrategien, globale Märkte und der berechtigte Wunsch nach Effizienz haben eine Formensprache hervorgebracht, die alles richtig macht und dabei ganz ganz wenig sagt. Das Automobil wird zur normierten Gebrauchsware – makellos, vernünftig und so aufregend wie ein perfekt gestalteter Kühlschrank.
Umso bemerkenswerter ist, dass ausgerechnet Mercedes zuletzt wieder vorsichtig an jene gestalterische Haltung anknüpft, die die Marke einst unverwechselbar machte. Plötzlich dürfen Limousinen wieder wie Limousinen aussehen. Eine fast revolutionäre Idee.
Natürlich sind die Zwänge größer geworden. Fußgängerschutz, Crashtests, Aerodynamik und Elektromobilität schreiben Regeln vor. Doch gute Gestaltung war noch nie das Ergebnis grenzenloser Freiheit, es entstand gerade unter Einschränkungen. Die Ikonen von früher wurden trotz der Vorgaben entwickelt. Und Marken fallen eben nicht durch ihre Logos auf, sie tun dies durch Charakter. Das Emblem sollte dabei die Form bestätigen – nicht sie erst erklären müssen.
Wenn jedes Auto dem anderen gleicht, bleibt als stärkstes Erkennungsmerkmal nur noch die Farbe. Und selbst diese Palette besteht inzwischen bevorzugt aus fünfzig Schattierungen von Grau. Vielleicht wird deshalb in Zukunft der seltenste Rohstoff der Automobilindustrie nicht Lithium sein. Sondern Mut.