Home DesignVom Thron zur Typologie: Wie der Stuhl unsere Kultur formte

Vom Thron zur Typologie: Wie der Stuhl unsere Kultur formte

von Markus Schraml
Neuinterpretation eines Möbel-Klassikers: Modedesignerin Jil Sander erfindet den berühmten Freischwinger S 64 von Marcel Breuer neu. © Thonet GmbH, Foto: Fabian Frinzel

Kaum ein Möbelstück erzählt so viel über die Entwicklung der Gesellschaft wie der Stuhl. Lange bevor Sitzen zur alltäglichen Selbstverständlichkeit wurde, war der erhöhte Sitz ein Symbol von Macht, Hierarchie und Kontrolle. Bereits in der Antike blieben Stühle Herrschern, Priestern oder Richtern vorbehalten, während die Mehrheit auf Bänken, Hockern oder dem Boden Platz nahm. Der Thron wurde zum politischen Bild schlechthin: Wer saß, herrschte.

Mit der europäischen Bürgerlichkeit wandelte sich der Stuhl vom Privileg zum gesellschaftlichen Standard und wurde Teil einer neuen Ordnung des Zusammenlebens. Das gemeinsame Sitzen am Tisch, in Salons, Schulen oder Parlamenten prägte Verhaltensnormen, Disziplin und soziale Rollen. Auch die Verweigerung des Sitzens – etwa in politischen Protestbewegungen oder kulturellen Gegenentwürfen – wurde immer wieder als Bruch mit gesellschaftlichen Regeln verstanden. Heute oszilliert der Stuhl zwischen ergonomischem Werkzeug, Designobjekt und kultureller Aussage. Er muss flexibel, mobil, nachhaltig und emotional zugleich sein. Die aktuellen Entwürfe internationaler Hersteller zeigen dabei eindrucksvoll, wie stark der Stuhl weiterhin als Spiegel seiner Zeit funktioniert.

Mit dem neuen Modell Teia interpretiert Bonaldo die Idee des weich umhüllten Sessels neu. Der Entwurf von Gino Carollo lebt von einer subtilen Irritation der Form: Die hinteren Beine scheinen sich direkt aus der Rückenlehne heraus zu entwickeln und verleihen dem vollständig bezogenen Stuhl eine organische Dynamik. Gerade in der Rückansicht entfaltet Teia seine skulpturale Qualität – ein Möbel zwischen Wohnlichkeit und architektonischer Präsenz.

Wenige, unerwartete und originelle Details machen den Stuhl „Teia“ wiedererkennbar. © Federico Cedron

Radikale Reduktion prägt hingegen den neuen All’essenza-Stuhl von TON, entworfen von Alexander Gufler. Bereits der Name verweist auf den gestalterischen Kern des Projekts: die Konzentration auf das Wesentliche. Nach dem weltweiten Erfolg des Merano-Stuhls setzt Gufler erneut auf Leichtigkeit, ausgewogene Proportionen und eine stille Eleganz. All’essenza wirkt selbstverständlich – und genau darin liegt seine Stärke.

All’essenza überzeugt nicht nur ästhetisch. Der Stuhl wurde gezielt für den intensiven täglichen Gebrauch und die Anforderungen moderner Innenräume entwickelt. © Mt Vaclavik

Auch der japanische Hersteller NII sucht mit HAKUSAN nach einer neuen Balance aus Alltagstauglichkeit und Charakter. Das Designstudio Industrial Facility kombiniert Stahlrohr, Aluminiumdruckguss und eine geformte Sperrholzschale zu einem Stuhl, dessen Silhouette zugleich technisch und leicht erscheint. Besonders bemerkenswert ist die intuitive Handhabung: Stapeln und Tragen werden Teil des Entwurfs.

HAKUSAN ist ein Stuhl, der einen unverwechselbaren Charakter mit einem Gefühl der Universalität verbindet. © NII

Materialität als kulturelles Gedächtnis untersucht wiederum Editions das Studio Paolo Ferrari mit dem Editions-Projekt und TIBUR / CONTINUUM. Der aus italienischem gelbem Travertin gefertigte Entwurf begreift den Stuhl weniger als Möbel denn als architektonisches Fragment. Das Material erinnert an monumentale Bauten und trägt eine historische Schwere in sich, die durch die reduzierte Formensprache zeitgenössisch gebrochen wird.

Leichtigkeit spielt auch bei FAST eine zentrale Rolle. Unter der kreativen Leitung von Francesco Meda und David Lopez Quincoces entstand mit Estea ein vollständig aus Aluminium gefertigter Stuhl von Lievore Asociados. Inspiriert vom Licht der Morgendämmerung, verbinden sich weiche Linien mit technischer Präzision zu einer ruhigen, beinahe meditativen Erscheinung.

Estea von Lievore Asociados ist vollständig aus Aluminium gefertigt. © FAST

Tradition und Innovation verschränken sich besonders eindrucksvoll bei Gebrüder Thonet Vienna. Der neue C 5501 übersetzt die klassische Bugholztechnik in eine fließende, beinahe kontinuierliche Linie. Der Stuhl wirkt wie aus einer einzigen Bewegung gezeichnet und reagiert gleichsam auf hybride Lebensformen zwischen Wohnen und Arbeiten.

Die typische Designsprache von GTV angewendet auf einen Bürostuhl. Ungewöhnlich, aber es funktioniert. © Gebrüder Thonet Vienna

Dass historische Entwürfe weiterhin enorme Aktualität besitzen, zeigt die Neuauflage des CH66 durch Cassina und Karakter. Der 1966 von Nicos Zographos entwickelte Stuhl verbindet die Klarheit der Moderne mit schwebender Leichtigkeit. Sichtbare Schrauben und präzise gebogene Stahlrohre betonen dabei gezielt die Konstruktion.

Noch stärker tritt die Geschichte bei Thonet in den Vordergrund. Die Modedesignerin Jil Sander interpretiert den legendären Freischwinger S 64 von Marcel Breuer neu und überführt den Bauhaus-Klassiker in eine luxuriös verfeinerte Gegenwart. Hochglanzlacke, Wiener Geflecht und subtil abgestimmte Materialien transformieren das ikonische Stahlrohrmöbel in ein Objekt stiller Eleganz.

Einen beinahe archetypischen Zugang verfolgt Magis mit zwei gegensätzlichen Positionen. Während Jasper Morrison mit Motta die Idee des unaufgeregten, leichten Alltagsstuhls weiterdenkt, setzt Konstantin Grcic mit Bishop auf geometrische Präsenz und industrielle Klarheit. Der aus dünnem Stahlblech gefertigte Stuhl wirkt streng und zugleich elegant – als wäre der archetypische Stuhl auf seine elementarste Form reduziert worden.

Die aktuellen Entwürfe zeigen, dass der Stuhl ein kultureller Seismograf bleibt. Zwischen Komfort, Technologie, Erinnerung und gesellschaftlicher Symbolik erzählt er weiterhin davon, wie Menschen leben, arbeiten und miteinander in Beziehung treten.


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