Home ArtZwischen Sprache und Material: Textile Narrative von Giulio Caponi

Zwischen Sprache und Material: Textile Narrative von Giulio Caponi

von Caroline Wanderberg
Wer die Welt von Giulio Caponi betritt, verlässt die Hektik der industriellen Fertigung und taucht ein in ein Universum der Entschleunigung. Foto © Paolo Biava

Giulio Caponi arbeitet an der Schnittstelle von Text und Textil. Der ehemalige Journalist und Autodidakt überführt Sprache in gestickte Strukturen und entwickelt daraus Teppiche und Tapisserien, die sich zwischen Designobjekt und künstlerischer Arbeit verorten lassen.

Ausgangspunkt seiner Arbeit sind Fragmente: Erinnerungen, Beobachtungen, Notizen. Diese werden zunächst skizziert und anschließend in einem langsamen, manuellen Prozess in Stickerei übersetzt. Vor allem Stiel- und Kreuzstich dienen dabei als technische Grundlage. Der Faden fungiert als zeichnerisches und zugleich semantisches Medium – er beschreibt, markiert und strukturiert die textile Fläche.

Caponis Prozess beginnt oft mit einer flüchtigen Intuition oder Erinnerung . Was früher Schlagzeilen waren, sind heute Stickstiche. Foto © Paolo Biava

Ein zentrales Werkfeld ist die Serie der Cartoline. In diesen großformatigen Arbeiten kombiniert Caponi Zitate, fiktive Adressaten und imaginierte Korrespondenzen. Es entstehen dialogische Konstellationen zwischen Personen unterschiedlicher Zeiten und Kontexte. Die historische Form der Postkarte wird dabei nicht nostalgisch reproduziert, sondern als offenes System genutzt, das Sprache, Bild und Projektion miteinander verschränkt.

Material und Herstellung sind integrale Bestandteile dieses Prozesses. In einzelnen Arbeiten, etwa „Cartolina A Design e Arte“, verwendet Caponi naturbelassene Wolle aus alpinen Regionen. Die sichtbare Handarbeit ist dabei ein Strukturprinzip. Jeder Stich bleibt als Spur eines zeitintensiven Vorgangs lesbar und widersetzt sich den Ansprüchen standardisierter Produktion.

Caponis Arbeiten lassen sich als textile Träger von Bedeutung interpretieren – zwischen persönlicher Referenz und formaler Setzung. Ihre Qualität liegt weniger in narrativer Eindeutigkeit als in der Überlagerung von Text, Material und Maßstab. Gerade in dieser Offenheit entfalten sie ihre Wirkung, auch wenn sie sich inhaltlich eng an bereits etablierte Positionen im zeitgenössischen Textildesign anlehnen.


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