Die Milan Design Week ist die weltweit wichtigste Plattform für Produktdesign, Innenarchitektur und gestalterische Diskurse. Jedes Jahr verwandelt sich Mailand in ein dichtes Netzwerk aus Messeformat, Ausstellungen und temporären Interventionen – vom Salone del Mobile.Milano bis zum Fuorisalone in der Stadt selbst. Für Branchenakteure wie für ein breiteres designinteressiertes Publikum ist sie gleichermaßen Seismograf aktueller Entwicklungen wie Bühne für visionäre Konzepte. FORMFAKTOR hat 20 Programmpunkte zusammengestellt, die als Must-see der diesjährigen Ausgabe gelten können. Die Auswahl fokussiert auf relevante Akteure, prägnante Orte und inhaltlich starke Ansätze, die das Spektrum der Designwoche exemplarisch abbilden.
1)
Im Rubelli-Showroom in der Via Fatebenefratelli präsentiert Ai Weiwei mit „About Silk“ eine raumgreifende, ortsspezifische Installation. Im Zentrum steht ein dicht gewebter Seidenlampas, der persönliche Ikonografie mit politischer Anklage verbindet und auf das Motiv „The Animal that Looks like a Llama but is Actually an Alpaca“ zurückgreift. Durch die Integration von Metallfäden übersetzt Rubelli das künstlerische Konzept in textile Präzision und handwerkliche Innovation. Die Arbeit oszilliert zwischen Kunstwerk und Materialforschung und macht die Geschichte der Seide als kulturelles Medium neu lesbar. Gleichzeitig entsteht ein immersives Umfeld, das den Besucher physisch in die Erzählung hineinzieht. So wird der Showroom selbst zum Träger einer vielschichtigen politischen und ästhetischen Botschaft.
2)
Im Borgo Theater in der Mailänder Chinatown kuratiert das chinesische Frank Chou Design Studio „Nuovo Distretto“, eine Mailänder Initiative des Open Source City Projekts der RDW (RPDC Design Week). Die Ausstellung bricht mit linearen Präsentationsformen und versteht Design als offenen Diskursraum. Besucher bewegen sich durch ein sich ständig wandelndes Gefüge aus Perspektiven, das globale und lokale Einflüsse miteinander verschränkt. Ergänzt wird der Auftritt von Frank Chou durch den Beitrag „Made by Human“ in der Ausstellung „ABOUT: Writing Tools“. Hier wird Schreiben als grundlegender kreativer Akt thematisiert.

3)
Draga & Aurel zeigen in der Galleria Rossana Orlandi mit „The Shift“ eine experimentelle Installation zur Wahrnehmung von Raum und Bild. Ausgangspunkt ist ein expressives Diptychon von Aurel K. Basedow. Davor bewegen sich transluzente, mit Epoxidharz bearbeitete Paneele auf parallelen Schienen. Durch ihre Verschiebung entstehen ständig neue Überlagerungen und Tiefenwirkungen. Das Projekt untersucht damit das Verhältnis von Stillstand und Bewegung. Mit „Future Memories“ präsentiert Roberto Sironi (ebenfalls bei Rossana Orlandi) eine Serie skulpturaler Objekte. Diese entstehen in Zusammenarbeit mit der japanischen Werkstatt SANSUI aus wiederverwendeten Holzbalken traditioneller Kominka-Häuser. Das Material trägt sichtbare Spuren seiner Geschichte und wird in eine neue Formensprache überführt. Sironi verbindet so Handwerk, Nachhaltigkeit und kulturelles Gedächtnis. Die Objekte erzählen von Transformation und dem Fortleben materieller Identität.

4)
Mit „Light as Medium“ zeigt Bocci eine Ausstellung von Omer Arbel, kuratiert von David Alhadeff. Schauplatz ist eine historische Mailänder Wohnung, die vollständig umgestaltet wurde. Die Räume entfalten sich als Abfolge atmosphärischer Situationen, in denen Licht als architektonische Kraft wirkt. Statt einzelner Objekte steht die räumliche Erfahrung im Vordergrund. Licht strukturiert Bewegung, Wahrnehmung und Zeit. Die Ausstellung versteht sich als experimentelle Untersuchung eines immateriellen Materials.

5)
Die Ausstellung „The Eames Houses“ (Triennale Milano) widmet sich dem Werk von Charles and Ray Eames und seiner anhaltenden Relevanz. Im Zentrum stehen Fragen der Vorfertigung, Modularität und eines menschenzentrierten Wohnens. Zwei Pavillons in Originalgröße machen die räumlichen Konzepte physisch erfahrbar. Ergänzt wird dies durch Modelle von acht Häusern sowie umfangreiches Archivmaterial, Filme und Fotografien. Mit dem Eames Pavilion System wird zudem ein neues Produkt vorgestellt, das die historischen Ideen in die Gegenwart überführt. Die Ausstellung verbindet Forschung, Designgeschichte und aktuelle Anwendung. Damit zeigt sie, wie visionär die Ansätze der Eames bis heute sind.
6)
„Budapest Select – Patterns of Being“ versammelt 26 Designer und Marken mit insgesamt 65 Arbeiten. Die Ausstellung findet im 5VIE-Distrikt in der Via Olmetto statt. Thematisiert wird Design als Ausdruck individueller und kollektiver Identität. Gleichzeitig reflektiert die Schau das Motto der Milan Design Week „Be the Project“. Organisiert von Creative Hungary stärkt das Format die internationale Sichtbarkeit ungarischer Kreativer. Die Schau verbindet kulturelle Narrative mit zeitgenössischem Design. Sie fungiert als Plattform für Austausch und langfristige Entwicklung.
7)
Mit den „Jusoor Design Collections“ debütiert ein internationales Kooperationsformat in Mailand. Fünf saudische Designer arbeiten mit Marken aus Indien, Nepal und Spanien zusammen. Präsentiert wird die Ausstellung im Palazzo Brera. Kuratiert von Samer Yamani versteht sich das Projekt als Brücke zwischen Kulturen und Disziplinen. Der Name „Jusoor“ verweist programmatisch auf Verbindung und Austausch. Materialien, Identität und Zusammenarbeit stehen im Fokus. So entsteht ein transkultureller Dialog auf der globalen Designbühne. Organisiert von Architecture & Design Commission Saudi Arabia.
8)
Mit „On the Rocks“ entwirft Peter Marino eine neue Leuchtenkollektion für Venini. Charakteristisch ist das Zusammenspiel von massivem schwarzem Marmor und transparentem Murano-Glas. Die Glaselemente entstehen in der traditionellen Pulegoso-Technik mit eingeschlossenen Luftblasen. Dadurch erhält das Licht eine weiche, diffuse Qualität. Die Objekte wirken zugleich archaisch und präzise. Marino überträgt seine architektonische Sprache in den Maßstab des Objekts.

9)
Mit „Water Heritage“ inszeniert das Studio JoeVelluto für Vicario eine immersive Installation im Brera Design District. Die Räume werden in eine landschaftsartige Szenerie transformiert. Besucher bewegen sich durch eine Abfolge von Inseln, Lichtstimmungen und Klangräumen. Dabei werden Armaturen für Bad, Küche und Outdoor in Szene gesetzt. Die Inszenierung verbindet Produktpräsentation mit emotionaler Erfahrung. Wasser wird als kulturelles und sinnliches Element interpretiert.

10)
Mit „Bar Adrenalina“ im Palazzo Litta entwickeln Debonademeo ein Konzept des „Soft Clubbing“. Der Fokus liegt auf akustischer Wahrnehmung und körperlicher Präsenz im Raum. Das Interieur dient als Bühne für Klang und Bewegung. Besucher werden Teil einer multisensorischen Erfahrung. Möbel treten dabei in den Hintergrund zugunsten des Erlebnisses. Die Installation hinterfragt klassische Präsentationsformate. Sie verschiebt Design in Richtung performativer Praxis.

11)
„2026 Chapter 1“ markiert einen strategischen Wendepunkt für die Traditionsmarke Barovier&Toso. Unter CEO Andrea Signoroni und Art Director Luca Nichetto entsteht eine neue gestalterische Ausrichtung. Dazu gehört auch eine überarbeitete visuelle Identität von Studio Blanco. Die Präsentation im Showroom an der Via Durini zeigt erstmals neue Kollektionen. Traditionelles Handwerk wird mit zeitgenössischem Design verknüpft. Ziel ist eine stärkere internationale Positionierung. Die Installation soll den Auftakt eines langfristigen Transformationsprozesses markieren.
12)
Mit der Sitzserie „KUMIKI“ setzt Giorgetti die Zusammenarbeit mit HBA fort. Die Kollektion verbindet handwerkliche Präzision mit globaler Designkultur. Inspiriert von japanischer Verbindungstechnik entsteht eine klare, modulare Formensprache. Die Präsentation knüpft an frühere Kooperationen wie „Hikari“ und „Kiranami“ an. Giorgetti erweitert damit sein internationales Profil. Design soll als kontinuierlicher Entwicklungsprozess verstanden werden.
13)
Die Ausstellung „No One Sees Them Like We Do“ (HEAD – Genève) entsteht im Rahmen des Masterstudiengangs Innenarchitektur. Gezeigt werden sechs räumliche Narrative zum Zusammenleben von Mensch und Tier. Tiere werden dabei nicht als Symbol, sondern als aktive Akteure verstanden. Die Arbeiten untersuchen alltägliche Praktiken und unsichtbare Infrastrukturen. Präsentiert wird das Projekt bei Alcova. Der Ansatz hinterfragt bestehende Hierarchien im Wohnraum. So entsteht eine neue Perspektive auf Koexistenz.

14)
Mit „Drifting Lights“ zeigt Preciosa eine großmaßstäbliche Installation in der Tempesta Gallery. 60 Glasmodule formen eine schwebende Struktur im Raum. Zum Einsatz kommt der 3D-Patch-Lichteffekt der Marke. Licht, Farbe und Material treten in einen dynamischen Dialog. Die Arbeit knüpft an frühere Installationen des Unternehmens an. Gleichzeitig erweitert sie die technische und ästhetische Forschung. Das Ergebnis ist eine atmosphärisch dichte Rauminszenierung.
15)
Anlässlich seines 40-jährigen Bestehens öffnet das Studio Lissoni & Partners die Türen für Besucher. Das „Open Studio“ bietet Einblicke in Arbeitsprozesse und Projekte. Ergänzt wird das Format durch ein öffentliches Café. Den Abschluss bildet eine exklusive Party am 25. April. Lissoni & Partners positioniert sich damit als offenes Netzwerk. Die Veranstaltung verbindet Rückblick und Ausblick des international bedeutenden Architekturbüros.
16)
Superstudio Più organisiert jedes Jahr eines der größten Events im Zuge der Mailänder Designwoche. Auf rund 30.000 Quadratmetern werden über 70 Projekte von internationalen Marken und Designern gezeigt. Installationen von Moooi, Lexus und Samsung Electronics zählen zu den Highlights. Ergänzt wird das Programm durch kulturelle Formate wie Ausstellungen, Performances und Workshops. Auch Beiträge von Toyo Ito erweitern den architektonischen Diskurs. Die Vielfalt reicht von experimentellen Installationen bis zu markenstrategischen Inszenierungen. Superstudio fungiert damit als verdichtetes Abbild der globalen Designszene.

17)
Erstmals arbeitet Secolo mit einem externen Designstudio zusammen. TABLEAU entwickelt neue Objekte sowie eine räumliche Installation für den Showroom. Die Präsentation dient zugleich als Bühne für die neue Kollektion. Bestehende Entwürfe werden neu interpretiert. Die Kooperation erweitert das gestalterische Spektrum der Marke und ist ein wichtiger strategischer Schritt. Der Dialog zwischen Marke und Studio steht dabei im Mittelpunkt. (Via Giuseppe Giacosa 35, Mailand)
18)
Im neuen Showroom an der Corso Garibaldi zeigt Verum aktuelle Entwicklungen im Produktdesign. Unter der künstlerischen Leitung von Alessandro Stabile entstehen neue Türgriffserien. Dazu gehört „Serie 85“ von Kensaku Oshiro. Die Präsentation verbindet italienische und internationale Perspektiven. Materialität und Detail stehen im Fokus. Die Ausstellung gibt einen Ausblick auf zukünftige Produktlinien.

19)
An-tropico, die von Gupica für Besana Carpet Lab geschaffene Installation, entwirft einen neo-exotischen Mikrokosmos. Im Zentrum des Projekts stehen der Teppich Traccia und Gupicas eigene Lampenkollektion Bambù – zentrale Elemente eines Szenarios, das die Beziehung zwischen Mensch, Natur und Raum erforscht. Die Installation ist im Palazzo in der Via Cesare Correnti 14 im Mailänder Stadtteil 5Vie zu sehen.
20)
Beim Salone del Mobile.Milano feiert NII sein internationales Debüt. Die japanische Marke, hervorgegangen aus der traditionsreichen ITOKI Corporation, präsentiert vier Serien internationaler Designer, darunter Michele De Lucchi, Todd Bracher und Jun Aizaki. Ein zentrales Projekt ist „PIGNA“ von AMDL CIRCLE unter der Leitung von De Lucchi: Ein System aus Raumteilern und Sofaelementen, das durch schindelartige Strukturen visuelle Abschirmung schafft, ohne Licht und Luft auszuschließen. Die Kollektion arbeitet mit unterschiedlichen Höhen und Abstufungen von Privatheit – von offen bis abgeschirmt. So entstehen flexible Arbeits- und Kommunikationsräume, die sowohl Rückzug als auch Austausch ermöglichen. Das Projekt steht exemplarisch für NIIs Ansatz, Arbeitswelten als dynamische, adaptive Systeme zu denken.
