Home ArtMailand im Flüsterton – Die schönsten Entdeckungen der MDW 2026

Mailand im Flüsterton – Die schönsten Entdeckungen der MDW 2026

von Markus Schraml
Bezaubernd: der „Garden of the Hesperides“ von Anna Karim Kassar in Mailand. Foto © Saverio Lombardi Vallauri

Die Mailänder Designwoche 2026 bot ein Meer an visuellen Eindrücken und zeigte eine fast unüberschaubare Zahl an Ausstellungen, Installationen und Showroom-Events. In vielen Fällen setzten die Organisatoren dabei auf die große Geste. Klotzen statt kleckern war angesagt. Überwältigende Präsentationen wie „Anima Mundi“ von Dotdotdot für Geely, mit ihrer sakralen Wucht oder Lina Gothmehs monumentale Installation im Innenhof des Palazzo Litta haben ohne Zweifel ihren Reiz, weit spannender jedoch ist eine Entdeckungsreise an die vielen versteckten Orte, die in Mailand aufgespürt werden können. Historische Wohnungen und bezaubernde Gärten bieten einerseits reelle Umgebungen, um Interieurs zu inszenieren, andererseits sind die Begegnungen an diesen eher intimen Plätzen sehr viel intensiver.

Gerade abseits der langen Warteschlangen und spektakulären Selfie-Kulissen zeigte sich, warum Mailand Jahr für Jahr zum wichtigsten Treffpunkt der Designwelt wird:

Punk, Mythos und 10.000 Bücher

Zu den eindrucksvollsten Adressen zählte die doppelte Intervention der franco-libanesischen Architektin Annabel Karim Kassar. Mit „Punk Witch“ verwandelte sie eine modernistische Wohnung im Brera-Viertel, ursprünglich von Armando Ronca entworfen, in ein opulentes Gesamtkunstwerk. Zwei zusammengelegte Apartments, 10.000 Bücher und ein Interieur, das Regeln eher als Einladung zum Bruch versteht. Farben, Texturen und kunsthandwerkliche Details verschmolzen zu einem Wohnraum, der sich jeder stilistischen Schublade entzog.

Das Motto des Interieurs von Anna Karim Kassar lautete „Punk Witch“. Foto © Frank Stelitano

Nur wenige Schritte entfernt setzte Kassar ihre Erzählung im Orto Botanico fort. „Garden of the Hesperides“ führte Besucher durch einen eigens errichteten hölzernen Portikus tief in den Garten hinein, wo 14 handbemalte Figuren auf mythologische Weise zwischen Botanik und Fantasie vermittelten. Innen und außen, Wohnraum und Landschaft, Intimität und Inszenierung – selten wurde diese Dualität so überzeugend formuliert.

Pasta als Erlebnisraum

Dass selbst ein italienischer Klassiker noch neu gedacht werden kann, bewies Studio Yellowdot gemeinsam mit Artisia. „Edible Reveries“ in der Via Melzo machte Pasta zum Ausgangspunkt einer multisensorischen Reise. Herzstück war „Tattile“, eine Serie überdimensionierter, 3D-gedruckter Möbel, deren organische Formen an Spaghetti, Schleifen und Nudelnester erinnerten.

Doch die Ausstellung bot nicht nur Objekte zum Betrachten. Videoprojektionen erklärten den Weg von der digitalen Modellierung bis zum gedruckten Lebensmittel, während ein fein abgestimmtes Klangkonzept die Szenerie untermalte. Besonders gelungen: die täglichen Tastings, bei denen Artisias 3D-gedruckte Pasta in essbare Miniaturskulpturen verwandelt wurde. Zwischen Designobjekt und Dinner verschwammen die Grenzen auf ausgesprochen appetitliche Weise.

Licht als Architektur

Wie radikal sich ein Wohnraum transformieren lässt, zeigte Bocci mit „Light as Medium“. Gemeinsam mit Kurator David Alhadeff inszenierte Omer Arbel eine Abfolge atmosphärischer Räume in einem historischen Mailänder Apartment.

Hier war Licht kein Objekt, sondern Baumaterial. Glasformationen in unterschiedlichsten Maßstäben erzeugten Dichte, Rhythmus und Spannung. Dunkle Korridore öffneten sich in strahlende Räume, Treppenhäuser wurden zu Lichtskulpturen. Die Ausstellung war weniger eine Präsentation neuer Leuchten als vielmehr eine Untersuchung, wie Licht unsere Wahrnehmung von Raum verändert.

Wenn Möbel wachsen

Auch Dilmos bewies mit „Mimesis“, dass die spannendsten Arbeiten oft im Dialog mit der Natur entstehen. In der historischen Galerie an der Via San Marco begegneten sich der niederländische Designer Onno Adriaanse und die Turiner Künstlerin Valeria Vaccaro.

Besonders faszinierend war Adriaanses Weiterentwicklung seiner „Hedera“-Serie. Inspiriert von Kletterpflanzen, die Bäume umschlingen und irgendwann eigenständig werden, entstanden Möbel, die wie organisch gewachsene Strukturen wirkten. Holz traf erstmals auf Glas – eine Kombination, die Solidität und Transparenz elegant ausbalancierte.

Mimesis mit Arbeiten von Valeria Vaccaro und Onno Adriaanse. © Eller Studio Francesco Marano

Die von Verderame gestaltete Szenografie verstärkte diesen Eindruck noch. Botanische Skulpturen aus Metallgewebe, Amaranth und Bugania verwandelten die Galerie in eine hybride Landschaft zwischen Gewächshaus und Kunstinstallation.

Die Stärke der leisen Töne

Während andernorts monumentale Statements um Aufmerksamkeit rangen, bewiesen diese Projekte, dass die wahre Magie der Mailänder Designwoche in den Zwischentönen liegt. In Wohnungen, Gärten und Galerien war eine Art von Design zu erleben, das nicht auf Überwältigung setzte, sondern auf Nähe, Neugier und Entdeckung. Gerade deswegen war Mailand 2026 einmal mehr ein Fest der großen Ideen, die aber nicht immer der großen Geste bedurften, sondern eher der einfühlsamen Inszenierung.


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