Home DesignMehr als nur Geschmack: Wie Food Design unsere Sinne verführt

Mehr als nur Geschmack: Wie Food Design unsere Sinne verführt

von Markus Schraml
Visuell-akustisch-haptische Verführung – Food Design. © OpenAI

Stellen Sie sich vor, Sie beißen in einen knackigen Apfel. Das helle Knacken signalisiert Ihrem Gehirn sofort: frisch, saftig, perfekt. Würde dieses Geräusch fehlen, erschiene derselbe Apfel schnell mehlig oder alt. Essen ist eben nie nur Geschmackssache. Genau hier setzt Food Design an – eine Disziplin, die Lebensmittel als multisensorisches Erlebnis versteht und Gestaltung, Psychologie, Wissenschaft und Technologie miteinander verbindet.

Das Design des Essens: Von Prinzenrolle bis Toblerone

„Essen ist das wichtigste Designprodukt der Welt“, sagen die Wiener Food-Designer Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter vom Studio honey & bunny. Tatsächlich steckt in vielen Alltagsprodukten ausgeklügelte Gestaltung.

Die charakteristische Form der Prinzen Rolle ist mehr als Dekoration: Die Riffelung verbessert Stabilität, Griffigkeit und Wiedererkennbarkeit. Noch ikonischer ist die Toblerone. Ihre dreieckigen Segmente erleichtern das Portionieren, prägen das Mundgefühl und machen sie unverwechselbar – ein Paradebeispiel dafür, wie Form zur Marke wird.

Multisensorik: Warum Chips lauter knistern

Der Experimentalpsychologe Charles Spence hat gezeigt, dass wir mit allen Sinnen essen. In seinen Studien beeinflussten manipulierte Knuspergeräusche direkt die Wahrnehmung von Frische und Textur. Je lauter und hochfrequenter ein Knacken klingt, desto frischer erscheint ein Produkt.

Das gilt nicht nur für den ersten Biss, sondern bereits für die Verpackung. Dieses charakteristische Rascheln einer Chips-Tüte ist bewusst gestaltet. Noch bevor wir kosten, erwartet unser Gehirn Knusprigkeit.

Nicht nur die Chips selbst müssen knackig sein, schon das Aufmachen der Packung soll Vorfreude aufkommen lassen. © pixabay, Fotorech

Eating Design: Essen als Ritual

Während klassisches Food Design das Produkt gestaltet, rückt Eating Design den Akt des Essens selbst ins Zentrum. Die niederländische Designerin Marije Vogelzang brachte es auf den Punkt: „Es ist das Verb essen, das ich designe.“

Hier geht es um Rituale, soziale Interaktion und die Frage, wie Menschen miteinander essen. Nicht nur das Gericht wird gestaltet, sondern das gesamte Erlebnis.

Food Space Design: Essen und Raum

Auch die Umgebung beeinflusst unseren Geschmack. Licht, Farben, Geräuschkulisse und Möblierung verändern, wie intensiv oder angenehm Speisen wahrgenommen werden. Die Forschung spricht hier von Crossmodal Correspondence – der Verknüpfung verschiedener Sinneseindrücke.

Einer der bekanntesten Vertreter ist Heston Blumenthal. In seinem Restaurant The Fat Duck serviert er den legendären Gang „Sound of the Sea“. Gäste hören dabei über Muscheln oder Kopfhörer Meeresrauschen, während sie ein maritim komponiertes Gericht genießen. Der Effekt: Das Aroma wirkt intensiver, die Assoziation unmittelbarer.

Mehr als bloß Nahrung

Food Design zeigt, dass wir nie nur Zutaten konsumieren. Wir essen Formen, Geräusche, Erinnerungen und Erwartungen. Jeder Bissen ist ein faszinierendes Zusammenspiel aus Wahrnehmung, Kultur und Inszenierung.


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