Home DesignDie Welt in Mailand – fünf internationale Positionen, die bei der MDW 2026 herausragen

Die Welt in Mailand – fünf internationale Positionen, die bei der MDW 2026 herausragen

von Markus Schraml
Industriedesign aus Singapur während der MDW 2026. Foto © Mark Cocksedge

Zugegeben – die Mailänder Designwoche ist in erster Linie ein Showcase für die italienische Designindustrie, doch dicht auf den Fuß folgt die internationale Beteiligung an dem Spektakel. Sowohl auf dem Messegelände als auch in der Stadt selbst, wo zahlreiche Installationen, Ausstellungen und besondere Events Bühnen für die Präsentationen aus aller Welt bilden. Gerade abseits der großen Markenauftritte offenbart sich dabei, wie vielfältig die globale Designszene derzeit denkt, produziert und kommuniziert.

Fünf Länder- und Kollektivpräsentationen stechen 2026 hervor: Sie erzählen von kultureller Identität, von Materialexperimenten, von Nachhaltigkeit und von der Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens. Zwischen Brera, 5VIE und Isola entsteht so ein Panorama, das weit über klassische Produktschauen hinausgeht.

Frankreich inszeniert Design als Defilee

Mit Le Design Défilé bringt Frankreich Bewegung ins Möbel. In der Via Statuto verwandelt das Architekturbüro Jakob+MacFarlane die Ausstellung in einen Laufsteg aus Holz, der Innen- und Außenraum miteinander verzahnt. Die Metapher ist naheliegend, aber wirkungsvoll. Möbel erscheinen nicht als statische Objekte, sondern als Begleiter des Körpers, als Akteure im Raum.

53 Arbeiten zeigen die Bandbreite französischen Designs – von präziser Formgebung bis zu handwerklicher Raffinesse. Besonders überzeugend ist dabei die szenografische Konsequenz. Der vollständig recycelbare Aufbau unterstreicht, dass Nachhaltigkeit hier nicht nur Thema, sondern Methode ist.

Saudi-Arabien baut Brücken

Im Palazzo Brera feiert Saudi-Arabien mit Jusoor Design Collections sein Debüt auf internationalem Parkett. Der Titel – Jusoor bedeutet Brücken – ist Programm. Fünf saudische Designerinnen und Designer arbeiteten mit Unternehmen aus Indien, Nepal und Spanien zusammen.

Die Schau zeigt Design als kulturellen Austausch. Material, Handwerk und regionale Traditionen treffen aufeinander, ohne folkloristisch zu wirken. Vielmehr wird sichtbar, wie sich eine junge Designnation selbstbewusst in globale Diskurse einschreibt.

Zunehmend dringt Design aus Saudi-Arabien in die internationale Öffentlichkeit. © Architecture & Design Commission

Ungarn kartiert das Dasein

Die Präsentation aus Ungarn gehört längst zu den Konstanten der Mailänder Woche. Unter dem Titel Budapest SelectPatterns of Being präsentiert Creative Hungary im 5VIE District 65 Arbeiten von 26 Gestaltern.

Kuratiert von Hanna Imre, untersucht die Ausstellung menschliche Existenz entlang von fünf Themenfeldern – von Verantwortung bis Zirkularität. Die Arbeiten beeindrucken durch ihre inhaltliche Präzision. Zukunftsfragen werden nicht spekulativ beantwortet, sondern mittels konkreter Gestaltungen im Jetzt.

Die Ausstellung mit dem Titel Budapest Select – Patterns of Being vereint 26 Designer und Marken anhand von 65 Werken. © Creative Hungary

Singapur als lebender Prototyp

Singapur nutzt die Mailänder Designwoche seit Jahren als Plattform, um seine Rolle als experimentierfreudige Designnation zu schärfen. Mit Prototype Island gelingt das 2026 besonders überzeugend. In der Foro Buonaparte versammelt der DesignSingapore Council 15 Projekte, die technologische Innovation, Materialforschung und soziale Verantwortung miteinander verknüpfen.

Ob individualisierte 4D-gedruckte Gipse, modulare Medizintechnik oder adaptive Struktursysteme – die Exponate zeigen, wie pragmatisch und zugleich visionär Singapurs Designansatz ist. Die extrem einheitlich wirkende Ausstellungsgestaltung übersetzt diese Haltung überzeugend in den Raum. Auffällig ist dabei, wie konsequent die präsentierten Arbeiten reale gesellschaftliche Herausforderungen adressieren: Gesundheit, Urbanisierung und Ressourceneffizienz stehen im Mittelpunkt. Statt Zukunft als abstraktes Szenario zu inszenieren, entwickelt Prototype Island konkrete Anwendungen für den Alltag von morgen. Gerade diese Verbindung aus technologischer Exzellenz und menschlichem Maßstab verleiht der Ausstellung ihre besondere Relevanz.

Bildmitte: Die A*STAR Innovation Factory@SIMTech für Castomize präsentiert ihr 4D-gedrucktes Gips-System, das eine maßgeschneiderte Alternative zu herkömmlichen Fiberglas-Gipsverbänden darstellt. © Mark Cocksedge

SOLIDIFIED vereint Europas freie Szene

Im Isola District schließlich entsteht mit SOLIDIFIED ein transnationales Designuniversum. 27 Studios sowie Gestalter aus ganz Europa und darüber hinaus loten aus, wie sich unterschiedliche Handschriften zu einem stimmigen Ganzen fügen lassen.

Kuratiert von Sanne Kaal und organisiert von David Heldt, setzt die Schau auf Spannung statt Harmonie. Keramik, Möbel und experimentelle Objekte treten in einen Dialog, der von Materialität und sorgfältiger Choreografie lebt. Gerade diese Offenheit macht SOLIDIFIED zu einer der spannendsten Entdeckungen der Woche.

Die zweite Ausgabe von SOLIDIFIED in Mailand steht unter dem Motto: from matter to form. Foto © Lotte Van Uittert

Mailand bleibt damit nicht nur Bühne für italienisches Design, sondern auch Resonanzraum einer global vernetzten Disziplin. Wer wissen will, wohin sich Design international entwickelt, findet zwischen diesen fünf Positionen recht präzise Anregungen.


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