Home ArtStille als Widerstand – Ahmet Güneştekins „Silenzio“ in Venedig

Stille als Widerstand – Ahmet Güneştekins „Silenzio“ in Venedig

von Markus Schraml
Stille in der Zeit, Serie „Stimmen in der Stille“, 2025, Bronzeskulptur, 120 x 154 x 99 cm. © Ahmet Güneştekin

Im Lärm der Biennale-Stadt setzt Ahmet Güneştekin auf eine Gegenposition: Schweigen. Mit der Ausstellung Sessizlik / Silenzio / Silence verwandelt der Künstler den venezianischen Palazzo Gradenigo in einen Ort der Konzentration, Erinnerung und stillen Konfrontation. Kuratiert von Sergio Risaliti, markiert die Schau zugleich den Auftakt der neuen Güneştekin Foundation im restaurierten Stadtpalais im Castello-Viertel.

Schon beim Betreten wird klar, dass diese Ausstellung weniger betrachtet als erlebt werden will. Bronzeplastiken von Arbeitern, Besuchern und allegorischen Figuren bevölkern die Räume. Viele von ihnen basieren auf den tatsächlichen Handwerkern, die den Palazzo restauriert haben. In Arbeitskleidung, erschöpft oder gedankenverloren, stehen sie zwischen den historischen Wänden wie Geister einer Gegenwart, die gerade erst vergangen ist.

Doch die Figuren wirken nicht dokumentarisch-realistisch. Ihre Körper erscheinen verfremdet: schwarze Oberflächen, grotesk überdimensionierte Schuhe und vor allem Gasmasken bestimmen ihre Erscheinung. Dadurch kippt die ursprünglich stille Atmosphäre der Ausstellung ins Bedrohliche. Das Schweigen, von dem Güneştekin spricht, erscheint plötzlich nicht mehr freiwillig oder meditativ, sondern wie ein erzwungenes Verstummen. Die Masken nehmen den Figuren buchstäblich die Möglichkeit zu sprechen – und sogar frei zu atmen. In Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung, digitaler Dauerbeschallung und zunehmender Kontrolle von Sprache lässt sich darin ein starkes Bild für eingeschränkte Meinungsfreiheit erkennen.

Auch die übergroßen Schuhe entfalten eine symbolische Wirkung. Sie lassen die Figuren schwerfällig erscheinen, beinahe entwurzelt oder deformiert. Vielleicht stehen sie für die Last von Geschichte und Erinnerung, vielleicht für Menschen, die ihren Platz verloren haben und dennoch weitergehen müssen. Gerade weil Güneştekin diese Zeichen nicht eindeutig erklärt, entwickeln sie eine verstörende Offenheit.

Im Zentrum der Ausstellung steht eine überlebensgroße Selbstfigur des Künstlers. Mit erhobenem Zeigefinger fordert sie die Besucher zum Schweigen auf – eine Geste, die an den antiken Gott Harpokrates erinnert. Für Güneştekin ist Stille jedoch kein Rückzug, sondern politischer Raum. Sie steht für ausgelöschte Sprachen, zensierte Kulturen und verdrängte Erinnerungen. Als Künstler kurdischer Herkunft kennt er dieses Verstummen aus eigener Erfahrung.

„In der Stille höre ich verlorene Stimmen, sammle unsichtbare Erinnerungen und zerbrochene Fragmente“, erklärt Güneştekin. „Kunst ist nicht nur Ästhetik, sondern auch der Versuch, Wunden zu heilen und eine Botschaft für die Zukunft zu hinterlassen.“

Diese Haltung prägt auch die monumentalen Gemälde der Schau. Türen aus anatolischen Dörfern, kunstvoll restauriert und in vibrierende Farbfelder eingelassen, werden zu symbolischen Portalen zwischen Kulturen und Zeiten. So entsteht eine eindringliche Bildsprache zwischen sozialer Realität und spiritueller Vision. Erinnerung wird hier nicht nostalgisch verstanden, sondern als Form des Widerstands – und die Stille als Echo all jener Stimmen, die nicht mehr gehört werden dürfen.


Weitere TOP-Artikel