Ein Würstelstand ist in Wien mehr als ein Ort, an dem man sich schnell ein Paar Debreziner oder eine Käsekrainer holt. Er gehört zum Stadtbild, zur Nacht und zum sozialen Gedächtnis der Stadt. Potpourri Studio nimmt diesen besonderen Status zum Ausgangspunkt einer Installation im ATELIER FĒ. Im Rahmen der 20sten Ausgabe der Vienna Design Week wurde der Würstelstand zum Zentrum eines Projekts, das Wiener Handwerk, Kunst und zeitgenössische Gestaltung zusammenführt.
Dabei war der Stand keineswegs bloß Kulisse, Potpourri Studio hatte ihn als eigenes Ausstellungsobjekt konzipiert und mit Arbeiten traditioneller Wiener Gestaltungsbetriebe sowie junger Designer bespielt. Glaswaren und Leuchten von Lobmeyr sowie Messingobjekte der Werkstätte Carl Auböck trafen auf Arbeiten von ADAMGEORG, mariedares und Marco Dessí. Der Wiener Künstler Rudolf Fitz ergänzte den positiven Gesamteindruck um sieben eigens entstandene Würstelstand-Bilder. Alles in allem war es kein nostalgisches Abbild Wiens, sondern ein räumlicher Dialog zwischen Handwerk, Kunst und zeitgenössischer Gestaltung.
Der Würstelstand als gemeinsamer Nenner
„Wir sind beide aus Wien“, sagen Sara Mayer und Félix de La Forest de Divonne von Potpourri Studio. Für Mayer gehören zum Würstelstand vor allem nächtliche Erlebnisse; de La Forest de Divonne beschreibt ihn als Treffpunkt, an dem man mit Freunden aus dem Ausland auf eine Käsekrainer und ein kleines Bier geht, ins Gespräch kommt und andere Menschen kennenlernt. „Es ist einfach ein Ort der Begegnung, wo viel geredet und gelacht wird.“
Gerade diese Offenheit macht den Würstelstand für das Konzept interessant. Menschen unterschiedlichster Herkunft, Berufe und Lebenssituationen treffen hier aufeinander. Für Sara Mayer verweist das Projekt zugleich auf ein kulturelles Erbe, das im Wiener Alltag leicht übersehen wird: „Wir vergessen vielleicht manchmal, dass wir eigentlich ein sehr schönes Erbe haben.“ Gemeint ist damit vor allem die Wiener Handwerkskultur und die Qualität jener Betriebe, die bis heute mit traditionellen Techniken und Materialien arbeiten. Der Würstelstand wird zum Rahmen, um dieses handwerkliche Wissen sichtbar zu machen und mit aktuellen Positionen zu verbinden. Es ist auch eine Zusammenschau unterschiedlicher kultureller Ebenen, die sich gegenseitig befruchten. Dabei wird der Würstelstand zum Spiegel eines Wiener Lebensstils, in dem handwerkliche und künstlerische Traditionen ebenso verankert sind wie zeitgenössische Formen des Gestaltens.
Marco Dessí: Vom Industrieprofil zum Möbel
Eine zentrale Rolle spielte Marco Dessí. Seine Pendelleuchte über dem Würstelstand war nur ein Teil seines Beitrags zur Ausstellung. Im ATELIER FĒ waren auch Möbel, Studio-Editionen und Prototypen von ihm zu sehen: der Dakar Chair und die JET Side Tables sowie Arbeiten, in denen Dessí das geriffelte, stranggezogene Glas seiner Leuchte weiter untersuchte. Hinzu kamen neu entwickelte Weinkühler.
Dessís Arbeitsweise passte besonders gut zum Grundgedanken des Projekts. Er macht die Eigenschaften von Materialien zum Ausgangspunkt des Entwurfs. „Es ist immer ein Pingpong zwischen einer Idee und einer Aufgabe“, erklärt er. Der Werkstoff kann den Prozess zunehmend selbst bestimmen: „Das ganze Projekt verselbständigt sich ab einem gewissen Punkt. Man ist Initiator, kuratiert es und auf einmal bestimmt das Projekt selbst, wo es hinwill.“
Besonders interessiert ihn die industrielle Herkunft der Materialien. Dessí spricht von einem „Fetisch für industrielle Halbfabrikate“. Was ursprünglich für technische Anwendungen gedacht war, wird aus diesem Zusammenhang gelöst und sein gestalterisches Potenzial neu interpretiert. Beim geriffelten Glas entdeckt er eine „Mikroarchitektur“, die an Glasfassaden und Fabrikhallen erinnert. Aus industriellen Ausgangsmaterialien entstehen so Objekte, die zwischen technischer Präzision, handwerklicher Bearbeitung und eigenständiger Ästhetik changieren.
Zwischen Käsekrainer und Kulturgeschichte
Dass der Würstelstand diese unterschiedlichen Positionen zusammenbrachte, war mehr als ein charmantes Ausstellungsmotiv. Marco Dessí, der aus Südtirol stammt und seit Langem in Wien lebt, kennt auch dessen nächtliche Seite. Viele durchzechte Nächte habe er am Würstelstand beendet, „für einen letzten Absacker oder als Retter in der Not“.
Gleichzeitig beobachtet er die Entwicklung hin zu einer neuen Food Culture. Neben der klassischen Wurst gäbe es heute Natural Wine, hochwertige Biere, vegane und Bio-Würste oder Experimentelles wie Kimchi-Pommes. Seine Hoffnung bleibt aber ausgesprochen bodenständig: Es sollten weiterhin Orte existieren, „wo es leistbare Würste und leistbares Bier gibt“.
Genau in dieser Mischung aus Veränderung und Kontinuität lag die Stärke des Projekts. Der Würstelstand ist Teil der Wiener Gegenwart, weil er sich verändert – und bleibt zugleich erkennbar in seiner ursprünglichen Funktion: als unkomplizierter Treffpunkt, als Teil des Stadtlebens und als Ort, an dem soziale Grenzen für einen Moment weniger wichtig sind. Potpourri Studio machte daraus ein kleines Wiener Designlabor, in dem Tradition nicht konserviert, sondern weitergedacht wird.