Filterkuchen, Keramikscherben und Glasurstaub: Was bei der Herstellung von Sanitärkeramik anfällt, lässt sich bislang nur teilweise wieder in die Produktion einbringen. Im Projekt „Unused Matters“ untersuchen LAUFEN, das Wiener Designstudio mischer’traxler und bioregional.agency, wie sich diese Reststoffe für andere keramische Anwendungen nutzen lassen. Am Standort Gmunden haben sie daraus eine gießbare Masse entwickelt und erste Objekte hergestellt – darunter Keramikschindeln, die als Fassadenelemente eingesetzt werden könnten.
Am Anfang stand allerdings kein fertiger Produktentwurf. Zunächst mussten die Beteiligten herausfinden, welche Eigenschaften die verfügbaren Restmaterialien besitzen und wie sie sich miteinander verarbeiten lassen. Dafür wurden Filterkuchen, Scherben und Glasurstaub in wechselnden Anteilen gemischt und in zahlreichen Versuchen getestet. Nach etwas mehr als einem Jahr Forschungsarbeit entstand eine keramische Masse, die laut den Projektpartnern zu 92 Prozent aus Restmaterialien besteht. Gebrannt wird sie im elektrischen Tunnelofen des Gmundner Werks.
„Für uns war von Anfang an klar: Wir müssen zuerst das Material verstehen, bevor wir über ein konkretes Produkt nachdenken können“, erklärt Thomas Traxler. Aus den verschiedenen Mischungen entwickelte das Studio keramische Testobjekte. An ihnen ließ sich untersuchen, welche Formen und Anwendungen mit dem Material möglich sind und wo weitere Entwicklungsarbeit notwendig ist. Gestaltung dient hier also auch als Untersuchungsmethode.
Unterschiede als Gestaltungsfrage
Zu den bisherigen Ergebnissen zählen gegossene und glasierte Keramikschindeln sowie stapelbare Objekte für den Innenraum. Sie veranschaulichen zwei mögliche Einsatzgebiete jenseits der Sanitärkeramik. Zugleich zeigen sie eine Herausforderung, die bei der Arbeit mit Reststoffen entsteht: Die Zusammensetzung des Ausgangsmaterials ist nicht immer gleich.
Für die gezeigten Objekte wurde beispielsweise Glasurstaub aus unterschiedlichen Produktionswochen verarbeitet. Abhängig davon, welche Farben im jeweiligen Zeitraum im Werk verwendet wurden, ergaben sich andere Nuancen. Die laufende Fertigung beeinflusst damit das Erscheinungsbild der daraus hergestellten Keramik.
In einer Industrie, die auf verlässlich gleichbleibende Ergebnisse angewiesen ist, müssen solche Abweichungen zunächst bewertet werden. Das führte mischer’traxler zur Frage: Können Farbunterschiede und Unregelmäßigkeiten zu akzeptierten Merkmalen eines Produkts werden? Katharina Mischer formuliert es so: „Wie können wir mit dieser Varianz arbeiten und sie als Charakter statt als Fehler verstehen? Und wie können wir eine Ästhetik entwickeln, in der diese Unterschiede nicht versteckt werden müssen, sondern einen eigenen Wert bekommen?“
Das Projekt untersucht somit auch, welche ästhetischen Anforderungen an Produkte aus wechselnden Reststoffmischungen sinnvoll sind. Was bei einem standardisierten Sanitärprodukt als unerwünschte Abweichung gilt, könnte bei einer anderen Anwendung möglicherweise Teil des Entwurfs sein.
Mögliche Anwendungen in der Region
bioregional.agency ergänzt die Materialversuche um die Untersuchung regionaler Zusammenhänge. Dabei geht es um die Herkunft der Stoffe, mögliche Abnehmer und Anwendungen in der Umgebung des Werks. Die Überlegung: Wenn Produktionsreste vor Ort zu einem neuen Material verarbeitet werden, könnten auch die daraus gefertigten Elemente in der Region Verwendung finden.
„Wir finden den Gedanken sehr spannend, dass aus diesen Materialien beispielsweise Elemente für eine Fassade, einen Eingangsbereich oder einen öffentlichen Raum in der Region entstehen könnten“, sagt Gordon Selbach von bioregional.agency. Solche Anwendungen sind vorerst Perspektiven, keine bereits realisierten Bauprojekte.
Auch der Schritt zur breiteren industriellen Nutzung steht noch aus. Als Nächstes wollen die Beteiligten die Reproduzierbarkeit verbessern und die Methode standardisieren. Entscheidend wird sein, ob sich die bisherigen Versuchsergebnisse bei größeren Produktionsmengen verlässlich wiederholen lassen und ob das Verfahren auch an anderen Standorten funktioniert.
Christian Schäfer, Managing Director LAUFEN Austria, sieht dafür die Zusammenarbeit der Disziplinen als Voraussetzung: „Nur wenn Produktion, Materialforschung und Design eng zusammenarbeiten, können daraus innovative Lösungen für die Zukunft entstehen. Genau diese Offenheit brauchen wir, um unser Unternehmen sowie die Produktion langfristig weiterzuentwickeln.“
Die bisherigen Materialstudien und Objekte sind noch bis 4. Oktober in der Festivalzentrale der Vienna Design Week am Hietzinger Kai 101 zu sehen. Vorgestellt und diskutiert wurde das Projekt auch bei einem Gesprächsabend am im LAUFEN space Wien.