Home ArchitectureGeoffrey Bawa im Vitra Design Museum: Architektur für die Sinne

Geoffrey Bawa im Vitra Design Museum: Architektur für die Sinne

von Markus Schraml
Das Kandalama Hotel von Geoffrey Bawa in Dambulla, Sri Lanka. Foto 2026 © Iwan Baan

Geoffrey Bawa gehört zu jenen Architekten, deren Werk sich nur schwer in eine Stilgeschichte einordnen lässt. In seinen mehr als 200 Projekten verband der 2003 verstorbene Sri-Lanker die Prinzipien der Moderne mit lokalen Materialien, traditionellem Handwerk und den topografischen Bedingungen des jeweiligen Ortes. Die Ausstellung „Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne“ im Vitra Design Museum widmet sich erstmals umfassend diesem Werk und zeigt, warum seine Architektur heute wieder besondere Aktualität besitzt.

Architektur als räumliche Erfahrung

Bawas Weg zur Architektur begann vergleichsweise spät. Nach einer Tätigkeit als Anwalt studierte er ab 1952 an der Architectural Association in London und schloss seine Ausbildung 1957 ab. Seine frühen Arbeiten, darunter die St. Thomas’ Preparatory School, stehen noch deutlich unter dem Einfluss der westlichen Moderne. Bald entwickelte er jedoch eine eigenständige Architektursprache, in der Gebäude, Landschaft und Klima zu einer Einheit verschmelzen.

Ein Schlüssel zu diesem Verständnis sind Bawas eigene Häuser. Sein Anwesen Lunuganga in Bentota, an dem er von 1948 bis 2003 arbeitete, und das Wohnhaus Number 11 in Colombo wurden über Jahrzehnte zu Experimentierfeldern. Räume öffnen sich zur Landschaft, Wege führen durch unterschiedliche Atmosphären, Innen und Außen gehen ineinander über. Architektur wird damit weniger zum abgeschlossenen Objekt als zu einer Abfolge räumlicher Erlebnisse.

Dieses Prinzip lässt sich auch an Projekten wie dem Polontalawa Estate Bungalow oder dem Jayewardene House ablesen. Höhenunterschiede, Felsen, Bäume und vorhandene Geländeverläufe werden nicht beseitigt, sondern zum Bestandteil des Entwurfs. Ähnlich prägen beim Bentota Beach Hotel oder beim späteren Kandalama Hotel die Landschaft und die klimatischen Bedingungen die architektonische Organisation.

Zwischen Moderne, Handwerk und Landschaft

Die Ausstellung mit mehr als 250 Exponaten zeigt Bawas Architektur nicht allein anhand von Zeichnungen und Modellen. Möbel, Fotografien, Filme und Kunstwerke machen sichtbar, wie eng seine Gebäude mit ihrer Ausstattung und ihrer kulturellen Umgebung verbunden sind. Eine zentrale Rolle spielen dabei Künstler und Handwerker wie Ena de Silva, Laki Senanayake und Barbara Sansoni.

Ihre Batiken, Skulpturen und Textilien waren für Bawa keine nachträgliche Dekoration. Sie wurden zu Bestandteilen des räumlichen Konzepts und verwischten die Grenzen zwischen Architektur, Kunst und Design. Zugleich waren die beteiligten Werkstätten vielfach soziale Initiativen, die Ausbildung und Beschäftigung ermöglichten und lokale Handwerkstraditionen weiterführten.

Die vier Kapitel der Ausstellung erweitern diesen Blick um den politischen und wirtschaftlichen Kontext des unabhängigen Sri Lanka. Materialknappheit und gesellschaftliche Umbrüche beeinflussten Bawas Arbeit ebenso wie seine Auseinandersetzung mit lokalen Bauweisen. Einschränkungen wurden dabei häufig zum Ausgangspunkt für eigenständige Lösungen.

Ein anderes Verständnis von nachhaltiger Architektur

Bawa wird häufig als Pionier der Tropischen Moderne bezeichnet. Die Ausstellungsmacher greifen diese Einordnung auf, gehen aber darüber hinaus. Im Mittelpunkt steht ein Architekt, dessen Bauten nicht auf die Beherrschung der Natur zielten, sondern auf ein Zusammenspiel mit ihr. Vegetation, Topografie, Wasser und Klima werden zu aktiven Bestandteilen des Entwurfs.

Ausstellungsansicht: „Geoffrey Bawa: Architecture for the Senses“. © Vitra Design Museum, Foto: Bernhard Strauss
Ausstellungsansicht: „Geoffrey Bawa: Architecture for the Senses“. © Vitra Design Museum, Foto: Bernhard Strauss

Neue Fotografien von Iwan Baan sowie Arbeiten von Kavindu Sivaraj und Ruvin de Silva zeigen, wie diese Architektur heute erlebt wird. Die von Lina Ghotmeh entwickelte Szenografie überträgt Bawas Interesse an Raum, Bewegung und Atmosphäre auf die Ausstellung selbst. So entsteht im Vitra Design Museum weniger eine klassische Architektenretrospektive als eine Annäherung an eine Architektur, die man – ganz im Sinne Bawas – nicht nur betrachten, sondern erleben soll.


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