Home DesignDie Poesie des Materials: Hella Jongerius im Vitra Design Museum

Die Poesie des Materials: Hella Jongerius im Vitra Design Museum

von Markus Schraml
Hella Jongerius, Polder Sofa, 2015. © Vitra

In einer Designwelt, die oft von industrieller Serienproduktion und schnell wechselnden Trends geprägt ist, wirkt das Werk von Hella Jongerius wie ein Gegenpol. Derzeit widmet das Vitra Design Museum der niederländischen Gestalterin mit „Whispering Things“ die erste umfassende Retrospektive, in der ihre dreißigjährige Auseinandersetzung mit Material, Farbe und Herstellungsprozessen nachgezeichnet werden.

Zwischen Handwerk und Industrie

Seit ihren frühen Arbeiten im Umfeld von Droog Design in den 1990er Jahren verfolgt Jongerius einen Ansatz, der Brüche nicht kaschiert, sondern sichtbar macht. Die Ausstellung, die auf dem seit 2024 im Museum verwahrten Archiv der Designerin basiert, versammelt über 400 Exponate. Sie zeigen, dass das „Unperfekte“ für Jongerius kein Makel ist, sondern Ausdruck von Individualität und Lebendigkeit.

Hella Jongerius, Pushed Washtub, 1996. © Jongeriuslab
Hella Jongerius, Pushed Washtub, 1996. © Jongeriuslab

Der Rundgang gliedert sich in vier thematische Kapitel: „Dirty Hands“ richtet den Blick auf Haptik und Herstellungsprozesse. Frühe Experimente zeigen, wie Jongerius durch handwerkliche Eingriffe eine Brücke zwischen Unikat und industrieller Serienproduktion schlägt. „Business Class“ beleuchtet dagegen ihre Rolle als Strategin und Beraterin für internationale Marken wie IKEA, Vitra oder KLM. Hier wird deutlich, wie sich auch innerhalb industrieller Produktionslogiken Raum für Materialbewusstsein und Nachhaltigkeit schaffen lässt.

Mit „Feeling Eye“ folgt eine farbintensive Sektion, die Jongerius’ intensive Auseinandersetzung mit Farbtheorie und Textilgestaltung zeigt. Projekte wie die „Coloured Vases“ verdeutlichen, dass subtil abgestufte Farbtöne Räume und Stimmungen verändern können. Der abschließende Bereich „Cosmic Mind“ öffnet den Blick in Richtung freier künstlerischer Arbeiten. Skulpturale Entwürfe wie der „Frog Table“ bewegen sich zwischen Designobjekt und Kunstwerk und laden dazu ein, die Beziehung zwischen Mensch, Tier und Objekt neu zu betrachten.

Hella Jongerius bei der Eröffnung der Delegiertenlounge im Jahr 2013. © Door Ministerie van Buitenlandse Zaken, commons.wikimedia.org, CC BY-SA 2.0

Ein Plädoyer für Achtsamkeit

Die Retrospektive stellt eine grundlegende Frage: Wie entwirft man in einer Welt, in der es scheinbar schon alles gibt? Jongerius antwortet mit einer Gestaltung, die auf Materialbewusstsein, Nuancen und Zeit setzt. Ihre Objekte „flüstern“ eher, als dass sie laut auftreten – und laden dazu ein, genauer hinzusehen. Damit zeigt die Ausstellung, wie konsequent Jongerius seit Jahrzehnten eine Haltung verfolgt, die Material, Herstellung und Nutzung gemeinsam neu denkt.


Weitere TOP-Artikel