Was kann Gestaltung bewirken, wenn eine Gesellschaft aus den Fugen gerät? Dieser Frage widmet sich die Ausstellung „Avantgarde – Grafikdesign im Aufbruch“ im Museum für Gestaltung Zürich. Vom 3. September 2026 bis 21. Februar 2027 zeigt sie mehr als 150 Plakate sowie Fotografien, Filme, grafische Arbeiten und Beispiele der Alltagskultur aus den 1920er- und frühen 1930er-Jahren – und eröffnet damit auch einen erhellenden Blick auf die Gegenwart.
Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution waren geprägt von sozialen Spannungen, politischen Umbrüchen und der Hoffnung auf einen radikalen Neuanfang. Gestaltung sollte dabei mehr sein als Dekoration. Typografie, Fotografie und geometrische Abstraktion wurden zu Werkzeugen, mit denen eine neue Gesellschaft sichtbar und mitgestaltet werden sollte. Internationale Netzwerke entstanden, Werkstätten ersetzten traditionelle Ateliers, Massenmedien gewannen an Bedeutung und der öffentliche Raum wurde zum Experimentierfeld.
Rund hundert Jahre später wirken manche dieser Voraussetzungen vertraut. Technologische Umwälzungen, gesellschaftliche Polarisierung, zunehmende geopolitische Spannungen und wieder mehr Kriege prägen die Gegenwart. Auch heute stellt sich die Frage, welche Rolle Gestaltung in Zeiten des Umbruchs übernehmen kann – als Spiegel der Realität, als Instrument der Kommunikation oder sogar als Mittel gesellschaftlicher Veränderung.
Die Ausstellung präsentiert diese Parallelen nicht als plakative Gleichsetzung, sondern lässt sie aus den historischen Arbeiten heraus entstehen. Zu sehen sind unter anderem Werke von El Lissitzky und Valentina Kulagina, Adolphe Mouron Cassandre, Jan Tschichold, Lucia Moholy und Binia Bill. Rekonstruktionen von El Lissitzkys „Prounenraum“ und Hannes Meyers „Co-op Interior“ erweitern den Blick auf die enge Verbindung von Grafik, Architektur und Design.
Dass diese experimentelle Phase Mitte der 1930er-Jahre mit dem Aufstieg totalitärer Regime weitgehend endete, verleiht der Schau eine zusätzliche Dimension. Ihre Ideen aber überlebten – und prägen visuelle Kommunikation bis heute. „Avantgarde“ zeigt damit nicht nur, wie Design einst auf eine Zeit des Umbruchs reagierte, sondern stellt die Frage, was Gestaltung in einer ähnlich unruhigen Gegenwart leisten kann.
