Home Design20 Jahre Vienna Design Week: Wie ein Festival die Szene formte

20 Jahre Vienna Design Week: Wie ein Festival die Szene formte

von Markus Schraml
Die Festivalzentrale der VDW 2026 – Hochhaus am Hietzinger Kai. © Christoph Wimmer-Studio Sirene, Vienna Design Week

Die Vienna Design Week (VDW) feiert 2026 ihr 20-jähriges Jubiläum. Was einst von Lilli Hollein, Tulga Beyerle und Thomas Geisler gegründet wurde, hat die Designszene Österreichs nicht nur begleitet und ihr ein Forum gegeben, sondern hat sie auch kräftig mitgestaltet. Durch Aufträge, Ausstellungs-Initiativen und verschiedene weitere Wege der Unterstützung. Die größte Leistung war und bleibt das Festival selbst. Und die Tatsache, dass es gelang, einen Ort zu kreieren (und sei es auch nur für eine Woche im Jahr), den viele in der Branche als wichtige Präsentationsfläche und Networking-Chance betrachten. Nicht erst seit gestern ist es ebenso ein fixer Treffpunkt einer Szene, die die Gelegenheit nur zu gerne wahrnimmt, sich selbst zu feiern. Gemeinsam.

Neben jahrelang erfolgreichen Programmschienen wie Stadtarbeit und Passionswege hat das Festival 2026 auch etwas Brandneues im Angebot: die Tech Tales. Diese Programmschiene richtet den Blick auf eine Zielgruppe, die bei Designveranstaltungen sonst eher selten im Mittelpunkt steht: Kinder. Ausgangspunkt sind bekannte Märchen, die hier nicht einfach neu illustriert, sondern mit digitalen und interaktiven Mitteln weitergedacht werden. Besonders interessant ist dabei, dass die Kinder nicht nur Publikum sind. In Workshops konnten sie selbst an den Geschichten arbeiten und ihre Vorstellungen in Zeichnungen, Animationen und Töne übersetzen. Daraus entsteht eine Ausstellung, die zum Mitmachen auffordert und nebenbei Fragen aufwirft, die auch für Erwachsene relevant sind: Wie entstehen Rollenbilder? Was bedeutet Zugehörigkeit? Und wie verändert sich eine Geschichte, wenn unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen?

Vielfalt als Prinzip

Dass die VDW längst mehr ist als eine Abfolge kuratierter Ausstellungen, zeigt sich an PLATFORM besonders deutlich. Das Format öffnet das Festival für eine Vielzahl von Akteuren – von kleinen Designbüros und etablierten Marken bis zu Museen, Hochschulen und Kulturinstitutionen. Entscheidend ist dabei, dass die Beiträge über die ganze Stadt verteilt sind und so Wien selbst zum Ausstellungsraum machen. PLATFORM wird auf diese Weise zu einer Art Netzwerk, das die ohnehin heterogene Designlandschaft während des Festivals sichtbar macht.

Das Organisationsteam der VDW – oben rechts Festivaldirektor Gabriel Roland. © Elsa Okazaki, Vienna Design Week

Mit FOKUS verfügt das Festival über ein vergleichsweise neues Format, das sich stärker auf einzelne Themen und Positionen konzentriert. Mission Acoustic geht wiederum einer Frage nach, die im Design oft hinter dem Visuellen verschwindet: Wie klingt ein Raum? Aus der bisherigen Onlineplattform wird heuer ein reales Veranstaltungsformat, das gemeinsam mit der Universität für angewandte Kunst Wien entwickelt wurde. Studierende arbeiten dabei mit Herstellern an Prototypen, die sich mit Materialien, Schall und räumlicher Wahrnehmung beschäftigen. Das macht Akustik nicht länger zum technischen Hintergrundthema, sondern zum eigentlichen Gestaltungsmittel.

Die Stadtarbeit führt das Festival schließlich dorthin, wo Design unmittelbar gesellschaftlich wirksam werden kann: in den öffentlichen Raum. Zum 20. Geburtstag steht das Feiern im Mittelpunkt. Leon Theodor verwandelt mit mobilen Partytischen Garagenvorplätze in temporäre Treffpunkte. Das Saliva Collective beschäftigt sich mit der kulturellen Bedeutung von Dunkelheit, während Your Club Is Not My Club einen gläsernen, multisensorischen Clubraum schafft. Drei sehr unterschiedliche Ansätze, die gemeinsam zeigen, dass Social Design nicht zwingend Antworten liefern muss, sondern auch Situationen erzeugen kann, in denen Menschen anders miteinander umgehen.

Das Saliva Collective beschäftigt sich in „Dark Times“ mit Ritualen rund um Dunkelheit und Licht. Programmschiene: Stadtarbeit. © Saliva Collective, Vienna Design Week

Ähnlich charakteristisch für die VDW sind die Passionswege. Seit zwei Jahrzehnten bringen sie Designer mit Wiener Handwerksbetrieben zusammen – und erzeugen dabei oft Ergebnisse, die weder klassische Auftragsarbeit noch herkömmliche Ausstellung sind. Heuer trifft das Studio GROOVIDO auf die Hietzinger Friedhofsgärtnerei Blumen Weisz. Hier geht es um Blumenkränze, Erinnerung und die Rituale rund um Tod und Abschied. Christophe de la Fontaine arbeitet mit A.E.Köchert Juweliere und nähert sich dem Schmuck aus einer zeitgenössischen Perspektive. Anna Paul wiederum untersucht gemeinsam mit der Seilerei Haanl textile Strukturen und deren räumliche Möglichkeiten. Gerade diese Begegnungen gehören zu den Formaten, die den besonderen Charakter des Festivals ausmachen. Design entsteht nicht am Schreibtisch allein, sondern im Austausch mit Material, Handwerk und konkreten Menschen.

Im Rahmen der „Passionswege“ arbeitet Anna Paul mit Haanl zusammen. © Anna Paul, Vienna Design Week

Luxemburg zu Gast

Mit Luxemburg rückt heuer ein Land ins Zentrum, das in der internationalen Designwahrnehmung nicht unbedingt zu den lautesten Akteuren zählt. Gerade deshalb ist der Blick dorthin interessant. Ergänzt wird das Gastlandprogramm durch Projekte der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der Fachhochschule Potsdam. Das Festival bleibt damit seinem Anspruch treu, unterschiedliche Generationen, Ausbildungsstätten, Disziplinen und geografische Perspektiven zusammenzuführen.

Der passende Ort dafür ist die diesjährige Festivalzentrale am Hietzinger Kai 101. Das von Harry Glück geplante Hochhaus, einst Sitz der Allianz, ist selbst ein Stück Wiener Architektur- und Stadtgeschichte. Büros, ehemalige Gemeinschaftsräume, Garten, Terrasse und sogar eine Kegelbahn werden temporär zu Ausstellungs- und Begegnungsorten. Das Gebäude ist damit mehr als eine Adresse für das Festival. Es verkörpert ein Prinzip, das die Vienna Design Week seit 20 Jahren erfolgreich verfolgt – Design nicht nur zu zeigen, sondern einen zeitlich begrenzten Raum zu schaffen, in dem eine Szene zusammenkommt, sich austauscht – und nicht zuletzt auch gemeinsam feiert.


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