Was normalerweise verborgen bleibt, wird in der Ausstellung „Tsudoi / Gathering“ zum Ausgangspunkt: die Welt hinter den Kulissen der Möbelproduktion. Bis 25. August 2026 zeigt Karimoku Furniture in der Galerie von Karimoku Commons Tokyo die Zusammenarbeit mit der niederländischen Textilkünstlerin und Designerin Mae Engelgeer, die heute in Kyoto lebt. Die Ausstellung knüpft an die Präsentation in Kyoto vom Januar an und entwickelt das Konzept mit neuen Arbeiten weiter.
„Tsudoi“ – japanisch für „Zusammenkommen“ oder „Versammlung“ – entstand aus Engelgeers Auseinandersetzung mit dem Alltag japanischer Handwerks- und Produktionskultur. Für ihre Recherche richtete sie den Blick auf Formen, Werkzeuge und Abläufe in den Fabriken von Karimoku Furniture: auf Schablonen, Sortiertrays, Markierungen und andere unscheinbare Ordnungssysteme. Was dort einem praktischen Zweck dient, übersetzt Engelgeer in eine eigenständige visuelle und haptische Sprache.

Ein Beispiel ist das bereits in Kyoto gezeigte GETA TRAY. Seine charakteristische Form erinnert an traditionelle japanische Geta-Sandalen, während eingravierte Muster auf hölzerne Produktionsformen verweisen. Auch das Stacking Tray greift die Funktionalität der Materialsortierung auf. In Tokio kommen neu entwickelte Holzplatten hinzu, deren Formen und Oberflächen von antiken Gefäßen inspiriert sind. Die aus den Produktionsformen abgeleiteten Schnitzmuster verleihen ihnen eine skulpturale Qualität zwischen Gebrauchsobjekt und Kunstwerk.
Prozess der Gestaltung
Die Ausstellung macht zugleich den Entstehungsprozess sichtbar. Originale Werkzeuge und Schablonen, Teststücke und Fotografien aus der Fabrik zeigen, wie eng Engelgeers Gestaltung mit der konkreten Produktionspraxis verbunden ist. Gerade darin liegt der besondere Ansatz der Kooperation: Nicht industrielle Fertigung und künstlerische Gestaltung werden gegeneinandergestellt, sondern ihre Gemeinsamkeiten offengelegt. Karimokus Konzept „high-tech & high-touch“, das moderne Maschinen mit handwerklicher Kontrolle verbindet, wird so aus einer neuen Perspektive lesbar.
Eine zentrale Rolle spielt außerdem Textil. HOSOOs Artisanal Hemp, ein aus einer langjährigen japanischen Materialtradition hervorgegangener Hanfstoff, wurde für die Ausstellung in Engelgeers eigener Farbpalette umgesetzt. Mit der Hikizome-Färbetechnik bearbeitete Stoffbahnen hängen auf hölzernen Stäben von Karimoku und formen einen zurückhaltenden Parcours durch den Raum. Möbel und Objekte werden darin nicht einfach präsentiert, sondern Teil einer atmosphärischen Installation, in der Holz, Weberei, Farbe und Bewegung ineinandergreifen. Mehrere mit Engelgeers HOSOO-Textil bezogene N-SW01 Swivel Chairs (Design: Norm Architects) überführen die textile Idee schließlich direkt in ein Möbelstück.

Engelgeers Arbeit bewegt sich zwischen Tradition und Gegenwart. Ihre zurückhaltende, poetische Formensprache setzt auf Farbe, Materialität und Maßstab, ohne die Herkunft der verwendeten Motive zu verdecken. In „Tsudoi / Gathering“ wird daraus eine Untersuchung darüber, wie Alltägliches sichtbar und neu bewertet werden kann. Die Ausstellung ist weniger eine klassische Produktpräsentation als ein Dialog zwischen Design, Handwerk und industrieller Fertigung – und macht aus den Spuren des Produktionsalltags ein eigenes ästhetisches Vokabular.
Im Anschluss an die Ausstellung in Tokio werden einige Werke nach Brüssel reisen, wo sie vom 10. September bis 15. November 2026 in der Galerie Spazio Nobile in der Ausstellung „Echoes of Wa“ präsentiert werden.