Das diesjährige Designblok-Festival in Prag steht unter einem ebenso elementaren wie vielschichtigen Motto: „Licht“. Vom 7. bis 11. Oktober 2026 wird die tschechische Hauptstadt zur Bühne für mehr als 300 Designer, Studios und Marken. Festivaldirektorin Jana Zielinski will dabei Licht nicht nur als technische Funktion verstanden wissen, sondern als Symbol für Wissen, Wahrheit, Hoffnung und Leben. Ausstellungen, Installationen und eine Konferenz widmen sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven.
Dass ausgerechnet Prag Licht und Beleuchtung ins Zentrum rückt, hat auch eine historische Dimension. Die tschechische Designgeschichte verfügt über eine bemerkenswerte Tradition eigenständiger Leuchtenentwürfe. Ein Beispiel ist Josef Hůrkas Tischleuchte TYP 0518 aus dem Jahr 1963, die für jene Epoche steht, in der funktionale Konstruktion und skulpturale Form eine charakteristische Verbindung eingingen. Designleuchten waren nie bloß technische Objekte. Sie spiegeln vielmehr die ästhetischen, gesellschaftlichen und technologischen Vorstellungen ihrer Zeit wider. Designblok knüpft an diese Geschichte an und fragt zugleich danach, welche Rolle Licht heute spielen kann.

Zwischen Atmosphäre und Funktion
Die aktuellen Neuheiten zeigen, wie weit sich das Verständnis von Leuchten inzwischen von der reinen Lichtquelle entfernt hat. Mit Licht wird Atmosphäre erzeugt, es wird zum mobilen Objekt, bietet die Basis für Materialexperimente oder schafft manchmal sogar multisensorische Erlebnisse. RAMUN etwa interpretiert seine Bella Crystal Cut (Design: Marcel Wanders) als skulpturales Lichtobjekt. Die facettierte Oberfläche erinnert an geschliffenes Kristallglas und bricht das Licht in wechselnden Reflexionen. Die kabellose, wiederaufladbare Leuchte lässt sich flexibel zwischen Innen- und Außenräumen bewegen. Hinzu kommen 20 Helligkeitsstufen und sogar klassische Melodien, wodurch Licht und Klang zu einer gemeinsamen Inszenierung werden.
Noch stärker tritt die Leuchte als eigenständiges Objekt bei Vitor Boox in Erscheinung. Morchella (für Aifunghi) ist ein skulpturaler Kronleuchter, dessen organische Form Assoziationen an Pilze, Naturformen oder historische Ornamentik weckt. Eine mineralische Oberfläche beziehungsweise eine patinierte Variante unterstreicht den Objektcharakter. Hier wird nicht zwischen Kunst und Funktion entschieden, sondern die Kreation verbindet beides miteinander.
Einen anderen Weg geht Let’s Pause mit der Hängelleuchte Mikko. Ihre Schirmfläche wird aus Fique, einer pflanzlichen Faser aus den kolumbianischen Anden, auf einem traditionellen Webstuhl mit Guane-Technik gefertigt. Handwerk und organisches Upcycling werden hier zum Ausgangspunkt des Designs.
Bei Paola Navones Hat für Contardi wiederum steht die Weiterentwicklung eines bekannten Archetyps im Mittelpunkt. Die Kollektion nimmt die klassische Leuchte mit Schirm auf, interpretiert sie mit einer von den 1950er-Jahren inspirierten Formensprache neu und setzt dabei auf ein ungewöhnliches Detail: Seil umschließt die Metallstruktur beziehungsweise trägt den Schirm.
Licht als Installation
Wie stark sich die Grenzen zwischen Leuchte, Raum und Kunst auflösen, zeigen aktuelle Projekte. Bei der Ausstellung Ca’ Riflesso im Rahmen von Homo Faber in Venedig werden 13 einzigartige Soffio-Wandleuchten von Draga & Aurel zu einer leuchtenden Landschaft aus Murano-Glas. Unterschiedliche Farben, Texturen und Bearbeitungsspuren machen jede einzelne Leuchte zum Unikat. Transparenz, Einschlüsse und Unregelmäßigkeiten werden nicht kaschiert, sondern zum gestalterischen Prinzip.
Auch VENINI setzt auf die Verbindung von Lichtobjekt und Architektur. Für das neue Kreuzfahrtschiff Explora III entstanden vier eigens angefertigte Kronleuchter aus mundgeblasenem Murano-Glas. Drei davon greifen florale Formen auf, während ein weiterer die traditionelle Balloton-Technik aufnimmt. Licht wird damit Teil einer übergeordneten räumlichen Dramaturgie.
In London demonstriert Studio Waldemeyer mit Lumeable, wie digitale Technologie eine sehr alte Lichtquelle neu interpretieren kann. Die wiederaufladbaren Leuchten ahmen mit eigens entwickelter Elektronik und einem Algorithmus die Bewegungen einer echten Flamme nach. Bei einer Installation in der Kirche St Stephen Walbrook sollen im September Hunderte dieser künstlichen Kerzen gemeinsam mit Musik und Architektur eine immersive Lichtlandschaft erzeugen.
Der Blick zurück
Parallel zur Lust am Neuen wächst das Interesse an historischen Entwürfen. FontanaArte bringt mit dem Modell 1963 einen Entwurf aus dem eigenen Archiv zurück. Die reduzierte Leuchte setzt auf Glas und eine kontrollierte Lichtwirkung. Der Entwurf zeigt, dass gute Gestaltung nicht zwangsläufig einem schnellen Innovationszyklus folgt. Manche Formen gewinnen gerade durch ihre zeitlose Zurückhaltung an Aktualität.
Ein Jubiläum feiert Foscarinis Twiggy. Marc Sadlers 2006 vorgestellte Interpretation der klassischen Bogenleuchte wird 20 Jahre alt. Ihr schlanker Arm aus Materialien wie Karbon und glasfaserverstärktem Verbundstoff machte eine ungewöhnlich leichte und flexible Konstruktion möglich. Der Entwurf bewahrte damit zwar die Typologie der Bogenleuchte, gab ihr aber eine zeitgemäße technische und formale Identität.
Auch Luceplans Berenice, entworfen von Alberto Meda und Paolo Rizzatto, verweist auf die nachhaltige Kraft eines guten Entwurfs. Die 1985 vorgestellte Tischleuchte feiert ihr 40-jähriges Jubiläum. Ihr schlanker, federbalancierter Aufbau ermöglicht eine präzise und leichtgängige Verstellung – Eigenschaften, die ihre Gestaltung bis heute relevant machen.
Zwischen historischen Archiven und technologischen Experimenten zeigt sich damit eine Konstante: Die Designleuchte ist weit mehr als ein Gebrauchsgegenstand. Sie prägt Räume, beeinflusst Wahrnehmung und erzählt von technischen Möglichkeiten ebenso wie von kulturellen Vorstellungen. Ob als handwerklich gefertigtes Unikat, mobile Lichtquelle, digitale Illusion oder wiederentdeckter Klassiker – Licht bleibt ein Medium, an dem sich die Geschichte des Designs besonders unmittelbar ablesen lässt.