Wie wir essen, ist weit mehr als eine Frage des Geschmacks. Es erzählt davon, wie Gesellschaften sich darstellen, wie sie Macht inszenieren, welche Werte sie teilen, welche sie verstecken. Das opulent gestaltete Buch Aufgetischt. Eine kulinarische Weltreise. Zur Kultur des Essens und Trinkens (arnoldsche Art Publishers) nimmt diese scheinbar alltägliche Handlung ernst – und eröffnet ein Panorama globaler Esskulturen von der Antike bis zur Gegenwart. Herausgegeben vom Schmuckmuseum Pforzheim, verbindet die Publikation auf 256 Seiten Designgeschichte, Ethnografie und Kunsthandwerk zu einer kulturhistorischen Entdeckungsreise.
Wenn Tafeln erzählen
Goldene Prunkschalen, filigrane Glaspokale, Besticktes und Bemaltes – die Objekte, die sich in den reich bebilderten Kapiteln präsentieren, waren einst Bühne sozialer Kommunikation. Am römischen Gastmahl lag man zu Tisch, im Barock verschmolzen Architektur und Bankett zum Gesamtkunstwerk, und bis ins 18. Jahrhundert brachte man sein persönliches Besteck mit: ein Statussymbol in der Tasche. Der Blick wandert aber nicht allein über höfische Opulenz, sondern auch über Objekte aus Alltagskulturen verschiedener Kontinente: Gefäße für Palmwein, handgefertigte Körbchen oder Keramiken mit Ritualgeschichte. Sie machen deutlich: Essen stiftet Gemeinschaft – und Identität.
Materialgeschichte im Spiegel der Zeit
Das Buch zeigt, wie Handel und Migrationsbewegungen Geschmack und Tischsitten veränderten. Exotische Früchte, Porzellan aus China oder Gewürze aus dem Orient fanden ihren Weg in europäische Küchen und Werkstätten. Porzellan, das sogenannte „Weiße Gold“, avancierte zur globalen Erfolgsgeschichte – ein Thema, das Autoren wie Schoole Mostafawy anschaulich nachzeichnen. Ebenso faszinierend: Kintsugi, eine Keramikreparaturmethode, bei der Porzellanbruchstücke mit Urushi-Lack oder Urushi-Kittmasse (vermischt mit Gold-, Silber oder Platinpulver) verklebt werden. Dabei bleiben die Schäden bewusst sichtbar und werden nicht versteckt. So wird die Spur der Zeit selbst ästhetisch – ein Gedanke, der sich vom Zen-Buddhismus bis in die zeitgenössische Schmuckkunst zieht.

Der Esstisch als Bühne der Gesellschaft
Die Publikation begreift Essen als soziale Choreografie. Wer wo sitzt, wie serviert wird, welche Geste erlaubt ist – all das formt Hierarchien. Friederike Zobel schreibt über den Esstisch „als Bastion der Geselligkeit“ – und zeigt, wie gemeinsames Essen Nähe schafft, aber auch Macht demonstriert. Die Essays schlagen den Bogen bis heute: Food-Trends, Nachhaltigkeit, bewusster Konsum und neue Gemeinschaftsformen am Tisch lassen die historische Perspektive erstaunlich aktuell wirken.
Vom Buch in den Ausstellungsraum
Aufgetischt erscheint im Kontext der gleichnamigen Ausstellung im Schmuckmuseum Pforzheim (bis 19. April 2026). Dort treten historische Objekte der Gold-, Glas- und Porzellankunst in einen Dialog mit zeitgenössischem Design und ethnografischen Leihgaben. Eine Multimedia-Installation „Tischlein deck dich“ sowie Werke von Künstlern wie Yasutaka Okamura greifen die Themen des Buches räumlich auf. Die Ausstellung wird so zur sinnlichen Erweiterung der Lektüre – und macht sichtbar, was im Buch analysiert wird: Essen ist Kultur in ihrer vielleicht unmittelbarsten Form.

Schmuckmuseum Pforzheim (Hg.). 256 S., 22 x 29 cm, 223 Abb., Hardcover mit Tiefprägung, Deutsch. ISBN 978-3-89790-746-1. Verlag: arnoldsche ART PUBLISHERS
Genuss mit Erkenntnisgewinn
Dieses Buch ist ein kunsthistorisches Kompendium, das Genuss und Erkenntnis verbindet. Die sorgfältige Gestaltung – farbige Schnitte, ungewöhnliche Typografie, ästhetische Klarheit – unterstreicht den Anspruch. Aufgetischt ist selbst ein Objekt der Tafelkultur. Und vor allem ein inspirierender Beitrag zu einer Frage, die uns alle betrifft: Was sagt das, was wir essen, über uns aus?