Home BrandingDie Rückkehr des Makels: Warum wir uns nach dem Unperfekten sehnen

Die Rückkehr des Makels: Warum wir uns nach dem Unperfekten sehnen

von Kilian Ivenrode
Imperfection by design

In einer Gegenwart, in der Künstliche Intelligenz visuelle Perfektion in Sekunden erzeugt, verschiebt sich der ästhetische Referenzrahmen des aktuellen Designs spürbar. An die Stelle makelloser Oberflächen und algorithmischer Symmetrie tritt eine wachsende Wertschätzung des Unregelmäßigen. Unter dem Begriff „Imperfection by Design“ etabliert sich das Unvollkommene als gestalterische Haltung – weniger als Provokation denn als Kommentar zur digitalen Glätte der vergangenen Jahre. Trends wie organische Texturen, asymmetrische Kompositionen und sichtbare Materialität prägen die visuellen Sprachen quer durch Markenkommunikation und Interfaces.

Vor allem im Branding und Grafikdesign wird dieser Wandel sichtbar. Dort, wo visuelle Identitäten traditionell normiert und reproduzierbar sein mussten, gewinnt ein organischer, weniger glatter Ausdruck an Bedeutung. Marken nutzen handwerkliche Elemente, unregelmäßige Typografie, Collagen und haptische Texturen, um Nähe, Persönlichkeit sowie Charakter zu vermitteln.

Ein prägnantes Beispiel liefert der Hafermilch-Pionier Oatly. Die Marke arbeitet mit handgezeichnet wirkender Typografie, skizzenhaften Illustrationen und Texten im Ton spontaner Notizen. Verpackungen und Kampagnen verzichten auf die visuelle Strenge klassischer Lebensmittelmarken und setzen stattdessen auf eine fast improvisiert wirkende Kommunikationsform, die Nähe und Persönlichkeit erzeugen soll. Das Erscheinungsbild wirkt weniger wie ein abgeschlossenes Corporate Design als ein lebendiger Dialog mit dem Publikum.

Hafermilch-Kaffeesahne im typischen Oatly-Design. © Oatly

Alltagsnähe statt Hochglanz

Auch in der Beauty- und Lifestylekommunikation zeigt sich eine Abkehr vom Hochglanzideal. Marken wie Glossier haben ihre visuelle Identität stark über Community-Bilder, User-Generated Content und alltagsnahe Fotografien aufgebaut. Statt makellos retuschierter Studioinszenierungen stehen reale Menschen, natürliche Hauttexturen und scheinbar beiläufige Situationen im Mittelpunkt. Der Effekt ist weniger ein demonstrativ „unperfekter“ Look als vielmehr eine ästhetische Nähe zum echten Leben.

Im weiteren kulturellen Kontext prägen Bewegungen wie „Ugly-Beautiful“ das ästhetische Klima der Modewelt. Labels wie Balenciaga oder Vetements arbeiten mit überzeichneten Proportionen, ungewöhnlichen Materialien und irritierenden Silhouetten. Dadurch verschieben sich etablierte Vorstellungen von Eleganz und Harmonie. Das Unbequeme wird zum Gestaltungsmittel.

Parallel dazu verändert sich die Bildsprache kommerzieller Fotografie insgesamt. Dokumentarisch wirkende Kampagnen, scheinbar spontane Momentaufnahmen und Bilder mit sichtbarer Körnung oder unperfekter Komposition lösen zunehmend die frühere Studio-Perfektion ab. Diese visuelle Strategie vermittelt Nähe und Individualität – Qualitäten, die in einer Zeit hochgradig standardisierter digitaler Bilder an Bedeutung gewinnen.

Grenzen des Unperfekten im Industrie- und Möbeldesign

Auffällig ist jedoch, dass diese Offenheit für das Unvollkommene ihre größte Wirkung dort entfaltet, wo Gestaltung vor allem kommunikative Funktion hat. Im Industrie- und Möbeldesign zeigt sich diese Strömung zurückhaltender. Zwar gewinnt hier die Wertschätzung von Vergänglichkeit, Unvollkommenheit und asymmetrischer Schönheit an Bedeutung, doch funktionale Anforderungen, Serienfertigung und ergonomische Präzision setzen klare Grenzen. Je nach Kontext erscheinen Abweichungen eher als feine Nuancen in Materialwahl, Oberflächen oder Formensprache, nicht als radikale Abkehr von Gebrauchs-bestimmter Logik.

Philosophische Einflüsse wie das japanische Wabi-sabi, das Schönheit in Unregelmäßigkeit und Vergänglichkeit erkennt, wirken dabei als kultureller Hintergrund. Auch in technologischen Produkten lässt sich eine Abkehr von perfekter Glätte beobachten. Das Technologieunternehmen Nothing etwa arbeitet mit transparenten Gehäusen und einer reduzierten, an frühe Digitalästhetik erinnernden Punktmatrix-Typografie. Sichtbarkeit von Technik ersetzt hier die frühere Strategie, Komplexität hinter glatten Oberflächen zu verbergen.

In diesem Sinne lässt sich die Rückkehr des Unperfekten weniger als universeller Designtrend verstehen denn als Reaktion auf visuelle Übersättigung. Gerade im Branding und Grafikdesign fungiert das Unregelmäßige als Zeichen von Glaubwürdigkeit. Es markiert nicht nur eine andere Optik, sondern eine veränderte Haltung gegenüber Wahrnehmung, Autorenschaft und menschlicher Präsenz in einer zunehmend automatisierten visuellen Kultur.


Weitere TOP-Artikel