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Die Welle der Moderne: 90 Jahre Aalto-Vase

von Simone Hofgrunde
Designikone: 2026 feiert die Aalto-Vase ihr 90-jähriges Jubiläum. © Iittala

Wenige Designobjekte haben den modernen Formkanon so nachhaltig geprägt wie die Aalto-Vase. Als Alvar Aalto 1936 seinen Entwurf für die Karhula–Iittala Design Competition einreichte, durchbrach er die strengen Geometrien der Moderne. Die Vase – später als „Savoy Vase“ weltbekannt – war eine Absage an gerade Linien und ein Bekenntnis zur Natur, zum Körperlichen, zur Bewegung. Im Vorfeld des 90-jährigen Jubiläums im kommenden Jahr feiert Iittala nicht nur ein ikonisches Objekt, sondern auch eines der poetischsten Kapitel finnischer Designgeschichte.

Die humanistische Formensprache von Alvar Aalto

Aalto galt als der Humanist unter den Modernisten. Sein Werk – vom Paimio Sanatorium bis zu Villa Mairea – zeugt von einem tiefen Vertrauen in organische Formen und der Fähigkeit, das Leben durch Gestaltung menschlicher zu machen. Gemeinsam mit Aino Aalto entwickelte er eine Idee von Funktionalismus, die Wärme ausstrahlt. Die Vase bildet diesen Ansatz exemplarisch ab. Ihre asymmetrischen Wellen erinnern an finnische Seenlandschaften, an Felsformationen, an einen freien, ungebändigten Linienfluss. Ein Entwurf, der sich der technischen Perfektion entzieht und dadurch unvergängliche Modernität erreicht.

Die ikonische Silhouette als lebendige Momentaufnahme der Glasbläserkunst. Foto © Timo Junttila

Dass die Aalto-Vase bis heute handgefertigt wird, ist mehr als Traditionspflege – es ist eine Notwendigkeit. In der Iittala-Glashütte wird jedes Stück von einem eingespielten Team aus sieben Glasexperten hergestellt. Der Prozess beginnt bei über 1.100 Grad Celsius, wenn das glühende Material an der Pfeife aufgenommen und Schicht für Schicht geformt wird. Die berühmte Wellenkante entsteht in dem kritischen Moment zwischen Hitze und Abkühlung, wo es auf die Intuition der Glasbläser ankommt. „Es braucht ein kleines Orchester, um eine Aalto-Vase zu erschaffen“, sagt Master Glassblower Tero Välimaa. Die Hand der Hersteller bleibt als unsichtbare Signatur im Objekt eingeschrieben – jedes Exemplar trägt eine individuelle Nuance, eine Miniaturbiografie seiner Entstehung.

Neues Kapitel für eine Ikone

Zum Jubiläumsjahr 2026 entfaltet Iittala den Geist dieser Freiheit weiter. Mit der neuen Aalto Bubble Vase bringt Creative Director Janni Vepsäläinen die traditionelle Technik der eingeschlossenen Luftblasen nun erstmals in die ikonische Aalto-Form ein. Dabei wird Soda auf die Oberfläche des heißen Glases aufgetragen, wodurch feine Luftblasen im Material eingeschlossen werden. Jede Bubble-Vase ist ein Unikat: Die Menge, Größe und Anordnung der eingeschlossenen Luftpunkte entstehen im Zusammenspiel von Hitze, Handwerk und Zufall. Das Ergebnis ist eine Vase, die Licht auf neue Weise bricht und die ursprüngliche Idee des Organischen in eine zeitgenössische Variante übersetzt.

Die neue Aalto Bubble Vase debütiert im Januar 2026. Foto © Timo Junttila

90 Jahre nach ihrem Debüt bleibt die Aalto-Vase ein Manifest für emotionale Gestaltung – ein Objekt, das die Distanz zwischen Kunst und Alltag überbrückt. Mit der Bubble Vase führt Iittala diese Geschichte weiter: als Einladung, Glas nicht nur als Material zu begreifen, sondern als Medium für Bewegung und Atmosphäre.


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