Wie lassen sich Gewalt, gesellschaftliche Brüche und historische Traumata erzählen, ohne sie auf dokumentarische Beweisführung zu reduzieren? Seit mehr als zwei Jahrzehnten bewegt sich Amar Kanwar zwischen Dokumentarfilm, visuellem Essay und poetischer Erzählung. Der 1964 in Neu-Delhi geborene Künstler verbindet persönliche Geschichten mit politischen und historischen Ereignissen. Dekolonisierung, die Teilung Indiens und Pakistans, Vertreibung, Macht, Gerechtigkeit und Erinnerung bilden dabei wiederkehrende Bezugspunkte.
Noch bis 31. Jänner 2027 widmet Serpentine North in den Londoner Kensington Gardens Kanwar eine große Einzelausstellung. Die abgedunkelten Räume werden zu einer Bild- und Klanglandschaft aus drei Filmarbeiten: The Peacock’s Graveyard von 2023, dem 85-minütigen Such a Morning von 2017 und der neuen Filminstallation The Charcoal Man, die auf sieben Bildschirmen gezeigt und in London erstmals präsentiert wird.
Kanwars Ausgangspunkt ist dabei keineswegs nur historisch. „Unsere Fähigkeit zum Bösen ist nicht neu, und doch hat das vergangene Jahrzehnt dieses Messer tiefer in unsere Seelen gedreht“, sagt der Künstler. Seine Arbeiten suchen keine einfachen Erklärungen, sondern verbinden Fakten, Fiktion, Erinnerungen, Fabeln und persönliche Erfahrung zu offenen Erzählräumen.
Drei Filme, drei Perspektiven
Den Auftakt bildet The Peacock’s Graveyard. Schon diese ursprünglich für die Sharjah Biennial 15 entstandene Installation verteilt ihre Bilder auf sieben Bildschirme und verbindet sie mit von Kanwar geschriebenen Geschichten, alten und zeitgenössischen Fabeln sowie mündlichen Überlieferungen. Im Zentrum stehen Vergänglichkeit und der Kreislauf des Lebens, aber auch menschliche Arroganz und Gewalt. Kanwar versteht die Arbeit weniger als Klage denn als Sammlung von Geschichten, die Möglichkeiten für Widerstand, Versöhnung und Veränderung eröffnen kann.

Such a Morning, erstmals bei der documenta 14 gezeigt, erzählt dagegen eine moderne Parabel über Wahrheit und Dunkelheit. Ein angesehener Mathematikprofessor zieht sich unvermittelt in einen verlassenen Eisenbahnwaggon im Wald zurück und verdunkelt dessen Fenster. Zwischen Erkenntnis und Halluzination entstehen Briefe über 49 Formen der Dunkelheit, gesammelt in einem „Almanac of the Dark“. Parallel entwickelt sich die Geschichte einer Frau, die sich einer eindeutigen Interpretation entzieht. Die Briefe werden in der Ausstellung durch Projektionen, Videos und Texte auf handgeschöpftem Ramie- und Baumwollpapier räumlich weitergeführt.
Mit The Charcoal Man kommt schließlich eine neue, über drei Jahre entwickelte Filminstallation (ebenfalls auf sieben Bildschirmen) hinzu. Sie knüpft an Kanwars langjährige Auseinandersetzung mit der Teilung des indischen Subkontinents 1947 an. Bilder und Texte verfolgen Zyklen von Verrat, Rache, Täuschung, Leidenschaft, Eifersucht und Wut. Kanwar beschreibt seinen Ansatz als Suche nach „Kohärenz aus Zerfall, Erkenntnis aus Verschmelzung und Geschichten innerhalb von Geschichten“.

Ein anderer Rhythmus des Sehens
Für Serpentine-CEO Bettina Korek schließt die Schau zugleich einen Kreis. Bereits vor 18 Jahren war Kanwar Teil der Gruppenausstellung Indian Highway, die anschließend international tourte. Nun erhält sein Werk erstmals eine eigene Ausstellung.
Artistic Director Hans Ulrich Obrist hebt vor allem Kanwars Erweiterung des Mediums Film hervor. Dessen Werk sei „poetisch, politisch, ökologisch und zutiefst ethisch“. Statt der Beschleunigung der Gegenwart zu folgen, schlage es einen „anderen Rhythmus“ vor – eine aufmerksamere Art, auf die Welt zu blicken.
Gerade darin liegt die Verbindung zwischen den drei sehr unterschiedlichen Arbeiten. Kanwar behandelt Geschichte nicht als abgeschlossene Vergangenheit. Er zerlegt lineare Erzählungen, verschränkt Realität und Fiktion und macht Erinnerung zu einem Prozess, in dem sich persönliche Erfahrung und politische Geschichte gegenseitig verändern. Die Ausstellung verlangt damit weniger nach schnellen Antworten als nach Zeit – zum Sehen, Hören und Nachdenken.