Wie die Sony World Photography Awards nun bekanntgeben, stehen die 30 Finalisten und mehr als 65 Fotografen der Professional Competition 2026 fest. Nahezu zwei Jahrzehnte nach ihrer Gründung präsentieren sich die Awards erneut als Seismograf zeitgenössischer Bildkulturen. Über 430.000 Einreichungen aus mehr als 200 Ländern und Territorien belegen die globale Reichweite des Wettbewerbs. Die zehn Kategoriesieger werden am 16. April in London gekürt; aus ihnen geht der „Photographer of the Year“ hervor, verbunden mit 25.000 US-Dollar Preisgeld, Sony-Equipment und einer Einzelausstellung im kommenden Jahr. Eine Auswahl der Arbeiten ist vom 17. April bis 4. Mai 2026 im Rahmen der Ausstellung im Somerset House zu sehen.
Architektur im Fokus
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Kategorie Architektur & Design, die drei sehr unterschiedliche Annäherungen versammelt. André Tezza richtet in Everyday Structures den Blick auf die unscheinbare Architektur kleiner Nachbarschaftsläden im Süden Brasiliens – Bauten, die im Alltäglichen ihre soziale Bedeutung entfalten. Joy Saha dokumentiert in Homes of Haor die Bauweise der Haor-Region in Bangladesch, wo Häuser auf künstlich aufgeschütteten Erhebungen stehen, die während des Monsuns zu Inseln werden.
Chen Liang schließlich untersucht in Chinese Watchtowers die Wachtürme von Jiangmen in der Provinz Guangdong. Der 1890 errichtete Jin-Hong-Turm in Kaiping steht exemplarisch für diese hybride Bautypologie, die chinesische und westliche Einflüsse verbindet. Viele der zwischen 1912 und 1949 entstandenen Türme wurden von Rückkehrern aus der Diaspora finanziert und dienten als Schutzräume. Seit 2007 zählen die Kaiping Diaolou zum UNESCO-Welterbe – ein historisches Geflecht aus Migration, Macht und Identität, das Liang in präzisen Kompositionen sichtbar macht.

Dokumentarische und künstlerische Perspektiven
In der Kategorie Documentary Projects verfolgt Colin Delfosse mit Restitution die Wege afrikanischer Masken zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Belgien. Archivmaterial, zeitgenössische Szenen und Performances – etwa des Künstlers Junior Mungongu in Kinshasa – verdichten sich zu einer Reflexion über koloniale Narrative und die Frage, was Restitution heute bedeutet.

Einen anderen Zugang wählt Citlali Fabian in der Kategorie Creative. Ihre Serie Bilha, Stories of my Sisters kombiniert sie Porträtfotografie und digitale Illustration. In Zusammenarbeit mit Aktivistinnen und Künstlerinnen aus indigenen Gemeinschaften im mexikanischen Oaxaca entstehen Bildnisse wie jenes der Linguistin Yasnaya Elena Aguilar, die sich für sprachliche Vielfalt einsetzt. Die Arbeiten sind zugleich als Kinderbuchprojekt angelegt.

Natur und Autorschaft thematisiert Wolfgang Duerr in WILD (Wildlife & Nature). Mit Bewegungsmeldern ausgelöste Kameras dokumentieren Tiere im UNESCO-Biosphärenreservat Rhön in Nordbayern. Der entscheidende Moment liegt nicht mehr in der Hand des Fotografen, sondern entsteht in Ko-Produktion mit den Tieren.

Dynamik bestimmt Rob Van Thienens Serie It’s a Dog’s Life (Sport, Foto ganz oben). Auf Trainingsbahnen für Windhunde fängt er die Geschwindigkeit ehemaliger Rennhunde ein, die einem künstlichen Hasen nachjagen – ein Spannungsfeld zwischen Athletik, Fürsorge und Inszenierung.
Juryvorsitzende Monica Allende betont die erzählerische Kraft der eingereichten Serien. Viele Arbeiten feierten die menschliche Erfahrung in all ihren Brüchen und zeigten stille Formen von Resilienz. Die Finalisten 2026 demonstrieren damit eindrücklich, wie Fotografie gesellschaftliche Wirklichkeiten nicht nur abbildet, sondern formt.