Home DesignZeitgenössische Schmuckkunst: Robert Baines und Typhaine Le Monnier bei arnoldsche ART Publishers

Zeitgenössische Schmuckkunst: Robert Baines und Typhaine Le Monnier bei arnoldsche ART Publishers

von Markus Schraml
Aus den Venus-Studien von Typhaine Le Monnier: Stein-Kreis-Galalith. © Typhaine Le Monnier

Zwei Positionen, zwei Generationen, ein gemeinsamer Nenner sowie die Frage, was Schmuck jenseits des Ornaments sein kann. Mit Plenitude und Playtime legt arnoldsche ART Publishers zwei Monografien vor, die gegensätzlicher kaum sein könnten – und gerade dadurch eindrucksvoll zeigen, wie vielfältig zeitgenössische Schmuckkunst heute ist.

Archäologie trifft Gegenwart

Robert Baines, geboren 1949 in Melbourne, gehört zu den international renommiertesten australischen Schmuckkünstlern. Seine Laufbahn begann mit einem Studium der Gold- und Silberschmiedekunst am damaligen Royal Melbourne Institute of Technology (RMIT), wo er später selbst über Jahrzehnte lehrte. Wegweisend wurde für ihn die Auseinandersetzung mit antiker und mittelalterlicher Goldschmiedetechnik, insbesondere der Granulation – jener winzigen Kügelchentechnik, die schon griechische und etruskische Goldschmiede beherrschten. Seine Forschung führte ihn in Museen Europas und Nordamerikas, wo er antike Originale analysierte und historische Herstellungsverfahren rekonstruierte. Dieses Wissen bildet bis heute das Fundament seines künstlerischen Schaffens.

Doch Baines interessiert sich nicht für museale Rekonstruktionen. Vielmehr nutzt er historische Präzision, um Sehgewohnheiten gezielt zu irritieren. In der Serie The Intervention of Red etwa bricht Baines mit der Erwartung materieller und stilistischer „Korrektheit“, die für Kuratoren, Restauratoren und Kunsthistoriker Grundlage jeder Zuschreibung ist: Kunststoff, Glas oder sogar Alltagsobjekte wie Elemente aus Coca-Cola-Verpackungen dringen in filigrane Goldschmiedearbeiten ein und stellen die Frage nach Echtheit und Wert auf den Kopf. Plenitude versammelt über vier Jahrzehnte dieses Schaffens, ergänzt um Textbeiträge unter anderem von Rüdiger Joppien, Diane Soumilas und Nicholas Bastin, der mit Baines ein aufschlussreiches Gespräch über dessen künstlerischen Werdegang führte.

Spiel als Methode

Ganz anders der Zugang von Typhaine Le Monnier. Die 1980 in Paris geborene, heute in Portugal lebende Künstlerin kam über einen Umweg zum Schmuck: Ursprünglich wollte sie Filmemacherin werden, entschied sich dann aber für ein kleineres, konzentrierteres Format. Ausbildungsstationen bei Ar.Co in Lissabon und an der Hochschule Trier – mit Schwerpunkt Edelstein und Schmuck in Idar-Oberstein – führten sie zu einer fast obsessiven Beschäftigung mit dem Stein selbst und mit prähistorischen Venusfigurinen.

Stone Circle © Typhaine Le Monnier

Ihre Monografie Playtime folgt der Struktur einer Bühneninszenierung. In Teilen wie „Rehearsal“, „Play“ oder „Performance“ begleiten Chorgesänge und Sprecherstimmen die fotografisch dokumentierten Werkgruppen. Im Zentrum steht der Hals als skulpturale Form, das Collier als Kreis, der sich nie ganz der geometrischen Perfektion fügt. Wiederholung, Widerstand des Materials und die Erfahrung des Tragens werden zum Thema – Schmuck nicht als fertiges Objekt, sondern als andauernder Versuch. Autorin Doreen Timmers beschreibt diesen Werdegang, während Cristina Filipe, Le Monniers prägende Lehrerin, mit einem Interludium zu Wort kommt.

Zwei Wege, eine Haltung

So verschieden die Bildsprachen sind – hier die historisch inspirierten Goldschmiedearbeiten, deren Authentizität durch moderne Materialien unterlaufen wird, dort die reduzierten, geometrischen Studien in Stein, Leder und lackiertem Stahl – eint beide Künstler ein experimenteller Kern. Baines hinterfragt historische Gewissheiten, indem er sie gezielt irritiert. Le Monnier untersucht dagegen die elementaren Bedingungen des Schmucks – Form, Material und Körper – und macht den Entstehungsprozess selbst zum Thema. Beide Bücher zeigen: Schmuck ist bei ihnen kein abgeschlossenes Objekt, sondern eine offene Untersuchung zur Frage, was ein Werk eigentlich „richtig“ macht.

Plenitude (Robert Baines) und Playtime (Typhaine Le Monnier) sind bei arnoldsche ART Publishers erhältlich.


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