Was haben ein Lautsprecher und ein Stuhl gemeinsam? Auf den ersten Blick wenig. Der eine ist dafür konstruiert, Schall möglichst präzise wiederzugeben, der andere soll dem Körper Halt geben. Doch beide beschäftigen sich mit Proportion, Material, Konstruktion und dem Verhältnis zu ihrem räumlichen Umfeld. Genau an diesem Punkt setzt die Zusammenarbeit zwischen dem New Yorker Audio-Designer, Künstler und Ingenieur Devon Turnbull und dem japanischen Möbelhersteller Karimoku an. Unter dem Namen „Oto no Kagu By OJAS and Karimoku Furniture“ ist daraus eine eigenständige Möbelmarke mit 15 Produkten entstanden, deren gestalterische Grundlage nicht aus der klassischen Möbeltradition, sondern aus der Welt der Audiotechnik stammt.
Der Ausgangspunkt liegt im Jahr 2021. Für die Ausstellung „Not For Sale“ zerlegte Turnbull die Konstruktion seiner Lautsprecher der Marke OJAS gedanklich in ihre wesentlichen Bestandteile: Proportionen, Materialien, geometrische Formen und strukturellen Aufbau. Anschließend übertrug er diese Prinzipien auf einen Stuhl. Was bei einem Lautsprecher die Schallwand bildet, wurde zur Sitz- und Rückenfläche, das Gehäuse zur architektonisch anmutenden Tragstruktur. Es ging dabei nicht darum, einen Lautsprecher als Möbelstück nachzubauen. Vielmehr sollte ein Sitzmöbel nach derselben konstruktiven Logik entstehen wie ein Audiogerät.
Aus diesem Experiment entwickelte sich eine Zusammenarbeit, die 2025 im Rahmen des Forschungsprogramms KARIMOKU RESEARCH begann. Das Projekt Survey 03: FORM FOLLOWS FEELINGS stellte eine grundsätzliche Frage: Was ist Funktion und wie verhält sie sich zum Gefühl? Turnbull untersuchte dabei nicht nur die technische Leistungsfähigkeit von Objekten, sondern auch deren emotionale und räumliche Wirkung. Die Begegnung seiner akustischen Denkweise mit der Holzverarbeitung von Karimoku eröffnete neue Möglichkeiten. Komplexe Rundungen und Formen wurden mithilfe von 3D-Bearbeitung und Furniertechniken umgesetzt. Industrielle Präzision und handwerkliches Können ergänzen einander, ohne dass die Eigenheiten des Materials Holz verloren gehen.
Die daraus hervorgegangene Kollektion umfasst neben verschiedenen Sitzmöbeln auch niedrige Tische, Regale und freistehende Akustikpaneele. Letztere erinnern in ihrer Funktion und Beweglichkeit an traditionelle japanische Paravents. Die Regale wiederum sind speziell auf die Anforderungen hochwertiger Audiogeräte abgestimmt. Sie tragen das Gewicht von Schallplattensammlungen und bieten Plattenspielern sowie Röhrenverstärkern geeignete Stellflächen. Die Sitzmöbel lassen sich zu unterschiedlichen Konfigurationen kombinieren.
Die Gemeinsamkeiten von Möbel- und Lautsprecherbau liegen in der sorgfältigen Abstimmung von Material, Form und Konstruktion. Wie nah sich beide Welten mittlerweile gekommen sind, zeigt auch die Ausstellung „Shadow, Light & Sound – The Presence of Sound, the Contours of Shadow“ im The Conran Shop Daikanyama in Tokio. Bis 29. Dezember 2026 ist dort ein Listening Room eingerichtet, der die neue Möbelkollektion mit Lautsprechern von OJAS Tokyo und der gemeinsam mit dem Studio WAKA WAKA entwickelten Marke wagetsu zusammenführt. Die Präsentation macht das Forschungsprojekt als räumliches Gesamterlebnis erfahrbar. Möbel, Klang und Architektur werden nicht getrennt betrachtet, sondern als Teile einer gemeinsamen Gestaltungsidee.