Seit 3. September 2026 ist im Museum of Modern Art in New York Yoko Onos Schriftzug IMAGINE PEACE zu sehen: weiße Buchstaben auf himmelblauem Grund, darunter „love, yoko“. Der Krieg in der Ukraine dauert an; im Februar begannen die USA und Israel ihren Angriffskrieg gegen Iran. Am 3. November kam es erneut zu US-Angriffen. 2025 verzeichnete die Konfliktforschung so viele zwischenstaatliche Konflikte wie nie seit 1946.
Auch Europa setzt auf Militär statt auf Gespräche. EU-Spitzen fordern nach wie vor mehr Unterstützung für Kiew; Deutschlands Kanzler Friedrich Merz kündigte zusätzliche Langstreckenwaffen an. Doch wer militärisch immer weiter nachlegt, muss sich vorwerfen lassen, wo Diplomatie und Deeskalation bleiben. Nach all den „Nie wieder Krieg“-Appellen des 20. Jahrhunderts wirkt das wie absolute Geschichtsvergessenheit.
Ono setzt dem keine fertige Lösung entgegen, sondern eine Möglichkeit. Nämlich sich Frieden doch zumindest vorzustellen. 1969 starteten sie und John Lennon während des Vietnamkriegs die Kampagne WAR IS OVER! (if you want it). Lennons „Imagine“ wurde zur Friedenshymne. Ono verbreitete IMAGINE PEACE seither auf Plakaten, Postkarten und online. Sie zählt zu den Wegbereiterinnen der Konzept- und Performancekunst. Bereits Anfang der 1960er-Jahre stellte sie mit experimentellen Arbeiten die Grenzen zwischen Kunstwerk, Alltag und Publikum infrage. Ihr Buch Grapefruit (1964) mit poetischen Handlungsanweisungen gilt als wegweisend für eine Kunst, die weniger auf das fertige Objekt als auf Vorstellungskraft und Beteiligung setzt. Auch ihre Performances, insbesondere Cut Piece (1964), in der das Publikum Teile ihrer Kleidung abschneiden durfte, gehören zu den prägenden Arbeiten der Avantgarde. Zu unrecht also steht Yoko Ono im Schatten John Lennons.
Dass Onos Appell heute so dringlich klingt, ist kein Triumph der Kunst, sondern ein Versagen der Politik.
Anmerkung: Das Uppsala Conflict Data Program registrierte 2025 insgesamt 65 bewaffnete Konflikte mit staatlicher Beteiligung und 13 Kriege.