Home DesignGegen die Langeweile im Möbeldesign – Martin Mostböcks „Mezzasferas“

Gegen die Langeweile im Möbeldesign – Martin Mostböcks „Mezzasferas“

von Markus Schraml
In einer Welt, in der alles überall verfügbar ist, gewinnt das Einzigartige wieder an Bedeutung – Mezzasferas von Martin Mostböck. Ein Design im Auftrag von Kohlmaier Wien. © Nathan Murrell

In der Welt des Möbeldesigns ist das Attribut „langweilig“ nicht gerade ein Kompliment. Es steht für Ideenlosigkeit, gestalterische Konformität oder mangelnde Identität. Dabei bewegt sich Möbeldesign stets im Spannungsfeld zwischen Funktionalität, Ästhetik, Materialität und dem Alltag der Nutzer. Langweiliges Möbeldesign – das klingt wie ein Widerspruch in sich. Schließlich ist Gestaltung per definitionem ein kreativer, individueller Akt. Doch ein Blick in aktuelle Möbelkataloge, Einrichtungshäuser oder Online-Shops zeigt: Viele Produkte ähneln sich bis zur Ununterscheidbarkeit. Klare Kanten, matte Oberflächen, gedeckte Farben. Alles wirkt „aufgeräumt“. Und alles irgendwie gleich.

Der Wiener Architekt und Designer Martin Mostböck begründet seinen jüngsten Entwurf auch mit dem Argument, gegen die Langeweile im aktuellen Möbeldesign angehen zu wollen. Er tut dies mit einem Sessel, der aus der Welt des Space Designs der 50er- und 60er-Jahre in die Gegenwart gebeamt worden zu sein scheint.

Hinter „Mezzasferas“ steht die fokussierte Beschäftigung Mostböcks mit der Kugel. Diesen völlig runden geometrischen Körper zerschneidet er und setzt in kreativ zusammen. Es ist ein Spiel mit Kugelsegmenten und Kugelkappen, um wieder „runde, pralle, sphärische Formen und Blasen in der Design-Gegenwart“ zu bringen.

Rückansicht: Ein kleiner Tisch und eine erhöhte Abstellfläche erweitert das Funktionsangebot des Möbels. Foto © Nathan Murrell

Ein gerader Schnitt durch den größeren der beiden Kugelkörper ergibt ein halbkugelförmiges Sitzkissen und eine Kugelkalotte als Rückenlehne. Das Sitzkissen scheint knapp über dem Boden zu „schweben“ und kann durch einen zentralen Drehmechanismus 360° in alle Richtungen gedreht werden. Die Rückenlehne ist an die Sitzfläche sozusagen „angelehnt“, also mit ihr unsichtbar verbunden. Der kleinere Kugelkörper wird wiederum zur „Armlehne“ und ermöglicht, dank seiner asymmetrischen Positionierung, auch ungewöhnliche Sitzhaltungen.

Design braucht Persönlichkeit

Martin Mostböck widersetzt sich mit diesem Design dem anhaltenden Trend zum Minimalismus. Der Reduktion als Selbstzweck erteilt er hiermit eine Absage, denn Möbel sind mehr als nur Gegenstände – sie begleiten uns täglich, prägen Räume, spiegeln Haltungen wider. Ein Möbel ohne Charakter bleibt zwar funktional, aber es bleibt nicht im Gedächtnis. Gerade im oberen Preissegment ist es problematisch, wenn Design nichts erzählt. Menschen, die sich für hochwertige Möbel entscheiden, suchen oft nach einem ästhetischen Erlebnis, nach etwas Besonderem.

Umgedrehte Kugelhälfte als Couchtischchen und Mezzasferas als 2-Sitzer Sofa. Fotos © Nathan Murrelll

Wo Design mehr leisten soll

Ob Möbeldesign als langweilig empfunden wird, hängt stark vom jeweiligen Kontext, Anspruch und Blickwinkel ab. In funktionalen Räumen oder für eine breite Zielgruppe kann zurückhaltendes Design sinnvoll sein. Doch dort, wo Design mehr leisten soll – als Markenbotschafter, als Ausdruck von Persönlichkeit oder als kulturelles Objekt – ist Langeweile ein No-Go. Oder um es mit den Worten von Paula Scher zu sagen: „Wenn niemand Dein Design bemerkt, hat es vielleicht nie existiert.“

„Mezzasferas“ wird von Kohlmaier Wien hergestellt.


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