Der australische Architekt und Filmemacher Liam Young denkt Architektur radikal neu – als Werkzeug, um die Zukunft zu verhandeln. Im Gespräch auf dem Louisiana Channel beschreibt er eine Gegenwart, die von globalen Krisen geprägt ist und klassische Maßstäbe sprengt: „Die Krisen, mit denen wir es zu tun haben, existieren nicht mehr im Maßstab von Nationalstaaten, sondern auf planetarer Ebene.“ Die Werkzeuge die Architekten zur Verfügung stehen würden, seien außerordentlich vielfältig, um diesen Krisen zu begegnen, und doch würde die tatsächliche Arbeit der meisten Architekturbüros in althergebrachten Bahnen feststecken.
Young sieht auch ein Versagen der kollektiven Vorstellungskraft. „Im Moment haben wir keine gemeinsamen Bilder davon, wie eine wünschenswerte Zukunft aussehen könnte“, sagt er. Film werde deshalb zu einem zentralen Medium: „Die Zukünfte, die wir uns vorstellen, sind am Ende die, in denen wir leben.“ Seine spekulativen Filme begreift er als Proben für mögliche Welten – zwischen Utopie und Dystopie.
Dabei kritisiert Young die schwindende Rolle der Architektur im gesellschaftlichen Diskurs. Öffentliche Räume würden längst nicht mehr primär von Planern geprägt, sondern von digitalen Plattformen: „Heute bestimmt eher ein Typ im Hoodie, was gesagt werden darf und was monetarisiert wird.“ Architektur müsse deshalb neue Kompetenzen entwickeln, um mit der Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen Schritt zu halten.
Besonders eindrücklich ist Youngs Bild der Zukunft als „dunkles, unbekanntes Terrain“. Jede Erzählung sei „wie ein kleiner Lichtstrahl“, der einen Ausschnitt sichtbar mache. Je mehr Geschichten wir erzählen – positive wie negative –, desto klarer werde dieses Terrain. Für Young ist klar: Zukunft ist kein fernes Szenario, sondern ein kollektiver Entwurf, an dem aktiv gearbeitet werden muss.
Liam Young wurde von Marc-Christoph Wagner im Danish Architecture Center (DAC) in Kopenhagen, Dänemark, interviewt. Das Gespräch fand im Februar 2026 statt.
Kamera: Simon Weyhe, Schnitt: Nanna Dahm, Produktion: Marc-Christoph Wagner
Musik via Upright Music:
„Stronger“ – Komponisten: Jack Ruston, Ben Townsend
„Below the Radar“ – Komponist: Morten Thorhauge
Copyright: Louisiana Museum of Modern Art, 2026.
Louisiana Channel wird unterstützt von Den A.P. Møllerske Støttefond.