Nachdem die 2018 bei TASCHEN erschienene Ferrari Collector’s Edition sowie die Art Edition längst vergriffen sind, legt der Verlag nun eine deutlich erschwinglichere Version dieses außergewöhnlichen Buches vor. Auch diese Neuerscheinung beleuchtet die faszinierende Geschichte eines Unternehmens, das 1947 von Enzo Ferrari gegründet wurde und dessen Wurzeln tief im Motorsport verankert sind. Ein zweites, ebenso bedeutendes Standbein bilden die Straßenfahrzeuge von Ferrari, die mit ihrer zeitlosen Schönheit und sportlichen Eleganz maßgeblich zum Kultstatus der Marke beigetragen haben.
Von Maranello in die Welt
Was einst mit dem Traum eines Mannes begann, ist heute Synonym für Stil, Leidenschaft und technische Poesie. Im Buch „Ferrari“zeichnet Autor Pino Allievi kein gewöhnliches Markenporträt, sondern erschafft ein Denkmal. Es ist eine Feier der italienischen Vorstellung von Schönheit sowie der Anschauung, dass Perfektion nur dann existiert, wenn sie auch verführt.
Ferrari, so Allievi, ist mehr als ein Autohersteller. Es sei ein kulturelles Phänomen, in dem Handwerk, Kunst und Emotion verbunden werden. Die Autos aus Maranello sind keine Maschinen, sondern „fahrbare Skulpturen“. Jede Linie spricht von einem ästhetischen Ethos, dessen Ursprünge in der Renaissance liegen. Wie einst in den Werkstätten von Florenz werden hier Formen „gemeißelt“ – allerdings nicht aus Marmor, sondern Aluminium.
Das Streben nach Vollkommenheit
Im Mittelpunkt steht Enzo Ferrari: Visionär, Antreiber, Träumer. Allievi beschreibt ihn als widersprüchliche Figur – rational und doch beseelt von einer fast mystischen Definition von Schönheit. Für ihn musste ein Auto zuerst schön sein, dann schnell, dann klangvoll. Schönheit war Pflicht, Stil ein Versprechen. Er schuf nicht bloß Fahrzeuge, sondern gleichsam eine Schule der Exzellenz. Seine Mitarbeiter, schreibt Allievi, formten Metall mit derselben Leidenschaft, mit der Künstler einst Farbe auf Leinwände setzten.
Ich war nie Designer, sondern ein Agitator von Menschen. – Enzo Ferrari
Autodesign als Kunsthandwerk
Die Kapitel über Sergio Scaglietti und Battista „Pinin“ Farina gehören zu den stärksten des Buches. Allievi würdigt sie als „Schneider des Automobils“ – Gestalter, die Linien nähten wie Schneider Haute Couture. Ihre Arbeit für Ferrari definierte das Automobildesign neu: fließend, sinnlich, zeitlos. Das Zusammenspiel von Technik und Kunst, von Funktion und Emotion, bildet den wahren Kern des Mythos. Im Jahr 2010 übernahm Flavio Manzoni dieses Konzept. Allerdings führte er die Tradition fort, indem er sie veränderte. Modelle wie LaFerrari oder Purosangue zitieren die Vergangenheit, ohne ihr zu erliegen. So bleibt Ferrari stets Gegenwart und wird nie zur Nostalgie.
Mehr als Geschwindigkeit
Zwar ist ein großer Teil des Buches dem Motorsport gewidmet, dem Ursprung der Marke, aber ein umfassendes Verständnis für die Bedeutung von Ferrari gewinnen Leser vor allem durch die Beschreibungen der Straßenfahrzeuge. In diesen rollenden Manifestationen italienischer Lebenskunst erkennt man die kulturelle Signifikanz Ferraris. Es ist der Glaube daran, dass Technik nur dann sinnvoll ist, wenn sie auch schön ist. Dass Ferrari praktisch ohne Werbung zu einem globalen Mythos wurde, erklärt Allievi als Paradox des Genies Enzo Ferrari. Dieser habe das Marketing erfunden, ohne es zu kennen. Er verkaufte keine Autos, sondern Träume.
Manchmal bin ich zu weit gegangen. Aber wenn ich es nicht getan hätte, wäre Ferrari nicht das, was es ist. – Enzo Ferrari
Mit „Ferrari“ gelingt Allievi und TASCHEN eine Publikation, die selbst zum Kunstobjekt wird: opulent bebildert, makellos gestaltet, würdig des Themas, das es feiert. „Ferrari“ ist die gedruckte Quintessenz eines Mythos – die Verbindung von Geschwindigkeit, Schönheit und Kulturgeschichte zu einem einzigen, leuchtend roten Traum.