Als Ingo Maurer 2019 von uns ging, verlor die Designwelt einen ihrer poetischsten Querdenker. Seine Leuchten waren nie bloße Lichtspender, sondern Kommentare, Versuche, manchmal augenzwinkernde Interventionen. Dass dieser Geist nicht museal erstarrt ist, sondern lebendig blieb, ist dem Designteam in München zu verdanken, das die Philosophie des Meisters eindrucksvoll weiterträgt. Auch der neue Mehrheitseigentümer Foscarini (seit 2022) scheint verstanden zu haben, was die Marke ausmacht. Nämlich einige der spannendsten, witzigsten und kunstvollsten Leuchten der Branche zu erschaffen – mit unverwechselbarem Stil.
Besonders deutlich wird das an Strange Little Thing, vorgestellt zur Euroluce 2025. Die Hängeleuchte reduziert das Prinzip Licht radikal auf sein Minimum. Herzstück ist eine winzige Platine. Darauf eine Hochleistungs-LED, ein beleuchteter Taster sowie zwei USB-C-Anschlüsse – alles offen sichtbar. Keine Verkleidung, kein dekoratives Beiwerk. Die Technik wird nicht versteckt, sondern zelebriert. „Wie viel braucht es eigentlich, um ein funktionierendes Lichtsystem zu bauen, wenn man alle gängigen Vorstellungen mal kurz vergisst?“, fragt Axel Schmid, Head of Product & Project Design.
Die Platine sitzt auf einem asymmetrischen Aluminiumblech mit federleichter Klammer. Sie erlaubt, das Lichtelement frei entlang des Kabels zu verschieben – ein bewegliches, beinahe improvisiert wirkendes Lichtobjekt. Selbst der Baldachin ist eine radikale Geste: eine Schuko-Aufputzdose, in die das Steckernetzteil eingesteckt wird. USB-Kabel statt Spezialleitung, Treiber aus der Peripheriegerätetechnik – ein Remix aus Elektronikalltag und Lichtdesign. Strange Little Thing ist zudem modular gedacht. Über den zweiten USB-C-Anschluss lassen sich weitere Elemente durchschleifen. Aus dem Solitär wird ein minimalistischer Lüster. Kaum war Maurers Lust am Experiment so konzentriert formuliert worden.
Und immer wieder die Glühbirne
Auch Shhh! führt den poetischen Diskurs fort. Eine Glühbirne – scheinbar klassisch – steckt in einem schalldichten Kopfhörer. Die eigentliche Lichtquelle liegt im Inneren, zwei Spots projizieren Akzente nach unten. Die Birne selbst streut nur indirekt. Das Objekt spielt mit Erwartung und Identität, mit Lärm und Lichtverschmutzung. Ironie und Ernst liegen eng beieinander.

Mit Jasna Kuchnia transformiert das Team einen essenziellen Alltagsgegenstand. Fünf weiße Porzellanteller, hinterleuchtet von einer schmalen LED-Linie, lösen sich aus ihrer Funktion und gewinnen skulpturale Präsenz. Das Licht wird vom Material aufgenommen, gebrochen, in Nuancen zurückgegeben. Oder Nalum, entworfen von Sebastian Hepting: ein schwebendes, wellenförmiges Glasrohr, das von außen angestrahlt wird. Mehrfachspiegelungen zeichnen Lichtlinien wie auf einer Wasseroberfläche. Reizende kleine Surferfiguren reiten auf den Wellen – ein augenzwinkerndes Detail, das Technik, Poesie und Humor verbindet.
Es sind vier sehr unterschiedliche Leuchten, die jedoch eine klare Handschrift eint. Damit beweist das Münchner Designteam, dass Ingo Maurers poetischer Witz kein historisches Kapital ist, sondern produktive Gegenwart. Technik als Bühne, Humor als Erkenntnisinstrument, Poesie als funktionales Prinzip. In dieser fantasievollen, manchmal radikalen, immer neugierigen Weiterführung zeigt sich, dass Maurers Designphilosophie nicht abgeschlossen ist – sie bleibt in Bewegung. Ganz im Sinne des Meisters.