Die Ausstellung „Neue Wildnis“ im Gewerbemuseum Winterthur widmet sich einem Phänomen, das im urbanen Alltag meist übersehen oder vorschnell abgewertet wird: der Spontanvegetation. Was zwischen Pflastersteinen, auf Brachen oder entlang von Infrastrukturen wächst, erscheint hier nicht länger als Störung, sondern als eigenständige Form von Stadtnatur mit ökologischem und gestalterischem Potenzial.
Im Zentrum steht die Frage, wie sich diese „andere Natur“ lesen und nutzen lässt. Franziska Kloses fotografische Serie „Cohabitat“ zeigt die Stadt als dicht verwobenes Habitat, in dem sich eine überraschend hohe Artenvielfalt entspinnt. Ihre präzisen Beobachtungen unterlaufen die gängige Dichotomie von Natur und Urbanität und verweisen auf eine Koexistenz, die weniger geplant als vielmehr emergent ist.

Einen analytischeren Zugang verfolgt Johanna Just mit „Towards a Vital Milieu“. Ihre Untersuchung technisierter Landschaften legt offen, dass gerade stark regulierte Räume langfristig neue ökologische Dynamiken hervorbringen können. Hier wird Wildnis nicht romantisiert, sondern als Produkt komplexer Wechselwirkungen verstanden.

Mit Matthew Gandys „Natura Urbana“ erhält diese Perspektive eine historische Tiefenschärfe. Am Beispiel West-Berlins wird deutlich, wie politische und räumliche Brüche urbane Ökologie hervorbringen kann, die später zum Referenzmodell wird. Céline Baumanns Collage „Trial of Invasives“ wiederum verschiebt den Diskurs ins Normative. Die Kategorisierung „invasiver“ Arten erscheint hier weniger als biologische Tatsache denn als kulturelle Zuschreibung. Ein Ansatz, der möglicherweise auch Kritik auslösen kann.
So überzeugend viele der gezeigten Positionen sind, bleibt die Ausstellung nicht frei von Ambivalenzen. Die Aufwertung spontaner Vegetation läuft Gefahr, vereinnahmt zu werden – gerade dort, wo sie in kuratierte Kontexte überführt wird. Zudem stellt sich die Frage, wie viel „Wildnis“ Städte tatsächlich zulassen können, ohne bestehende Nutzungsansprüche zu verdrängen.
Dennoch gelingt „Neue Wildnis“ ein wichtiger Perspektivwechsel: Urbane Räume erscheinen nicht länger als Gegenentwurf zur Natur, sondern als deren Erweiterung. Die Herausforderung liegt künftig weniger im Gestalten als im Zulassen – und im präzisen Austarieren zwischen Kontrolle und Offenheit. Vor dem Hintergrund der weltweit fortschreitenden Urbanisierung gewinnt dabei jede Form von Grünraum an Bedeutung, ob geplant oder spontan entstanden. Denn eines zeigt die Ausstellung eindrücklich: Die Natur ist kein statisches Gegenüber der Stadt, sondern eine dynamische Kraft – und sie findet immer einen Weg.