Home ArtFalten der Zeit: Patrick Saytour in Venedig

Falten der Zeit: Patrick Saytour in Venedig

von Kilian Ivenrode
Der Palazzo Vendramin Grimani präsentiert die erste Ausstellung in Italien, die dem französischen Künstler Patrick Saytour (Nizza, 1935 – Aubais, 2023) gewidmet ist. Foto © Ugo Carmeni

Mit „Patrick Saytour. Le pli et le temps / La piega e il tempo“ zeigt die Fondazione dell’Albero d’Oro ab 18. April im Palazzo Vendramin Grimani die erste Einzelausstellung des französischen Künstlers in Italien. Die von Daniela Ferretti kuratierte Schau widmet sich einem zentralen Motiv in Saytours Werk: der Falte als künstlerisches und zugleich existenzielles Prinzip.

Saytour, Mitbegründer der Supports/Surfaces-Bewegung, verstand Malerei nie als statisches Bild, sondern als Prozess. Seine Arbeiten entstehen durch Falten, Schneiden, Flammen oder Ausbleichen von Stoffen – Eingriffe, die Material und Zeit gleichermaßen sichtbar machen. Die gezeigten Serien, darunter „Plié/Déplié“ oder „Brûlages“, lassen sich als Archive solcher Transformationen lesen. Oberflächen speichern Spuren von Licht, Hitze und Bewegung und verweigern eine endgültige Form.

Ausstellungsansicht: ganz rechts: Patrick Saytour, ‚Tuilage‘, 2020. Mixed media, 128 × 219 cm. Foto © Ugo Carmeni

Im historischen Ambiente des Palazzo Vendramin Grimani entfaltet sich ein Kontrast. Die fragilen Textilien treffen auf stuckverzierte Räume und die Massivität venezianischer Architektur. Diese Gegenüberstellung von Vergänglichkeit und Dauer ist zentral für die Inszenierung. Jede Raumfolge wird zur Erfahrungszone, in der sich Materialität, Erinnerung und Wahrnehmung überlagern.

Einen zusätzlichen Resonanzraum eröffnet der Dialog mit Werken von Piero Manzoni. Dessen Konzept des „Azzeramento“, der radikalen Reduktion, trifft auf Saytours gestische Eingriffe ins Material. Zwischen Reduktion und Transformation entsteht so ein Spannungsfeld, das grundlegende Fragen nach Autorschaft, Geste und Bedeutung aufwirft.

Historische Architektur trifft auf zeitgenössische Kunst. Unter anderem die kreisförmigen Arbeiten von Saytour (‚Tondo Pulp‘, 1976. Acrylic and wax, 133 × 133 cm). Foto © Ugo Carmeni

Die Ausstellung folgt keiner strengen Chronologie, sondern setzt auf eine offene Dramaturgie. Besonders die Arbeiten auf Papier verdichten Saytours Ansatz: minimale Eingriffe, konzentrierte Energie, eine leise, aber präzise Erforschung des Materials. „Le pli et le temps“ wird so zu einer Reflexion über Zeitlichkeit – und über die Möglichkeiten, Malerei jenseits klassischer Bildbegriffe neu zu denken.


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