Home ArchitectureBauen für die Macht – Architektur zwischen Vision und Vereinnahmung

Bauen für die Macht – Architektur zwischen Vision und Vereinnahmung

von Kilian Ivenrode
Karl Moser, Planungsstudie für die Zürcher Altstadt, 1933. © gta Archiv / ETH Zürich, Karl Moser

Mit der Ausstellung „Bauen für die Macht“ rückt der Zürcher Pavillon Le Corbusier eine Kontroverse ins Zentrum, welche die Architektur seit jeher begleitet – ihr Verhältnis zu politischer, ökonomischer und ideologischer Autorität. Die Schau beleuchtet diese Wechselwirkung nicht nur historisch, sondern auch als aktuelle Fragestellung.

Im Fokus steht das Werk von Le Corbusier, dessen Entwürfe der Zwischenkriegszeit zwischen utopischem Fortschrittsglauben und autoritären Ordnungsvorstellungen oszillieren. Projekte wie die „Ville contemporaine“ oder der „Plan Voisin“ zeigen eine radikale Neuorganisation urbanen Lebens, in der Effizienz und Kontrolle zentrale Leitmotive sind. Architektur erscheint hier weniger als neutraler Rahmen denn als Instrument gesellschaftlicher Steuerung.

Dabei verschweigt die Ausstellung nicht die politische Ambivalenz ihres Hauptprotagonisten. Le Corbusiers Nähe zu unterschiedlichen Machtzentren – von der Sowjetunion bis zu autoritären Regimen in Europa – wird kontextualisiert, ohne vorschnell moralisch zu bewerten. Er interessiert sich zwar für Mussolini, hat andererseits aber keine Berührungspunkte zu den Nazis in Deutschland. Es eröffnet sich ein differenziertes Bild eines Architekten, der zwischen Anpassung, Opportunismus und gestalterischem Anspruch agierte.

Diese historische Perspektive wirkt in die Gegenwart hinein. Denn die Frage, inwiefern Architektur Machtverhältnisse stabilisiert oder hinterfragt, stellt sich heute erneut – etwa im Kontext großmaßstäblicher Bauprojekte in den Golfstaaten oder in Saudi-Arabien. Internationale Büros bewegen sich dabei in einem Spannungsfeld aus globaler Sichtbarkeit, ökonomischem Interesse und politischer Verantwortung.

Nicht zuletzt fungiert der Pavillon selbst als Exponat. Es ist ein spätes Werk Le Corbusiers, das die Ideale der Moderne in gebaute Form übersetzt. Die Ausstellung nutzt diesen Rahmen, um Architektur als kulturelle Praxis sichtbar zu machen – eine Praxis, die nie losgelöst von den Machtstrukturen ist, in denen sie entsteht.

Die Ausstellung „Bauen für die Macht“ (Kurator und Szenograf: Christian Brändle, Direktor Museum für Gestaltung) läuft vom 17. April bis 29. November 2026.


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