In der norditalienischen Stadt Piacenza wird Licht derzeit nicht bloß ausgestellt – es wird inszeniert und präzise komponiert. Die monografische Schau „One Hour of Light“ widmet sich dem Werk des Lichtdesigners Davide Groppi und entfaltet dabei weit mehr als eine klassische Retrospektive. Sie ist eine begehbare Erzählung durch einen Ansatz, der Licht als poetisches Medium begreift.
Licht als poetische Praxis
Groppis Arbeit folgt keiner vordergründigen Formensprache, sondern einer radikalen Reduktion des Objekts. Seine Leuchten treten oft zurück, werden beinahe unsichtbar. Sie folgen der Intention des Designers, dem Licht den Vorrang zu lassen. Technik ist dabei stets präsent, hoch entwickelt und präzise eingesetzt, jedoch nie Selbstzweck. Sie ermöglicht jene Lichtqualität, die in Groppis Projekten – von privaten Räumen bis zu musealen Inszenierungen – den eigentlichen Maßstab bildet.
Der häufig verwendete Begriff der „Poesie“ beschreibt diese Herangehensweise treffend. Groppi arbeitet mit Licht wie ein Autor mit Sprache: verdichtet, reduziert, offen für Assoziationen. Seine Entwürfe erzeugen Situationen, keine Objekte im klassischen Sinn. Sie überraschen, irritieren und schaffen Momente, die sich auf den ersten Blick nicht immer rational erklären lassen. Inspirationen aus Kunst, Ready-made und Illusion durchziehen sein Werk und verleihen ihm eine eigenständige, unverwechselbare Handschrift.
Raum als visueller Resonanzkörper
Ort der Ausstellung ist die ehemalige Kirche Chiesa di Sant’Agostino, die heute das Projekt Volumnia beherbergt. Die freigelegte Renaissance-Architektur bildet einen eindrucksvollen Rahmen für Groppis Interventionen. Entlang des Kirchenschiffs entwickelt sich eine Abfolge klarer Setzungen, die den Raum in Form von zauberhaften Bildern zu einem Erlebnisparcours machen.
Am Eingang markiert die Leuchte „MOON“ den Übergang von außen nach innen. Im weiteren Verlauf folgen die sogenannten „Utopien des Lichts“ – Arbeiten zwischen Realität und Illusion, die das Verhältnis von Natürlichkeit und Künstlichkeit ausloten. Licht erscheint hier als Ereignis im Raum, als ein wunderbarer Eingriff in die Wahrnehmung.
Auch neue Arbeiten sind Teil der Ausstellung: Mit „VERA“ präsentiert Groppi eine limitierte Tischleuchte, deren Lichtquelle als holografische Erscheinung auftritt – ein Spiel mit Wahrnehmung und Materialität. „UMASI“ wiederum gibt einen Ausblick auf aktuelle Entwicklungen im Werk des Designers und vergrößert das Spektrum um eine weitere, formal reduzierte Position.
Historische Architektur trifft in der ehemaligen Kirche auf kuratierte Objekte und zeitgenössische Positionen, wodurch ein vielschichtiger Dialog entsteht. In „One Hour of Light“ zeigt sich dies besonders eindrücklich. Groppis Lichtarbeiten treten in Beziehung zu den architektonischen Fragmenten und den ausgestellten Objekten. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich in einer ruhigen, präzisen Choreografie.
Eine Stunde Licht mag genügen, um sich von den poetischen Bildern dieser Ausstellung in eine eigenständige Welt tragen zu lassen. Zugleich erscheint sie fast zu knapp bemessen, um die Tiefe von Groppis gestalterischem Ansatz zu erfassen. Denn seine Arbeiten entfalten ihre Wirkung nicht im schnellen Blick, sondern im Verweilen – in der allmählichen Annäherung an jene feinen Abstufungen von Helligkeit, Raum und Atmosphäre, die seine Entwürfe prägen. So bleibt am Ende weniger ein abschließendes Verständnis als vielmehr eine leise Verschiebung der Wahrnehmung – und die Ahnung, dass Licht weit mehr sein kann als bloße Funktion.
Volumnia, Stradone Farnese 33 – Piacenza. Die Ausstellung läuft bis 26. Mai 2026.