Home DesignWohnen statt arbeiten? Warum die Rolle des Bürostuhls neu erfunden wird

Wohnen statt arbeiten? Warum die Rolle des Bürostuhls neu erfunden wird

von Markus Schraml
Auf der Orgatec 2026 wird Thonet unter anderem den neuen Drehsessel 521 von Marco Dessí präsentieren. © F. Frinzel

Lange Zeit war die Sache eindeutig: Der Bürostuhl stand im Büro, der Esszimmerstuhl am Esstisch. Beide folgten unterschiedlichen Regeln – hier maximale Ergonomie, dort gestalterische Eleganz. Doch mit dem Siegeszug hybrider Arbeitsmodelle verschwimmen diese Grenzen zunehmend. Das Homeoffice hat Wohn- und Arbeitswelt näher zusammengebracht, während Unternehmen ihre Büros immer stärker als Orte der Begegnung und Kommunikation verstehen. Was einst streng getrennte Möbelwelten waren, verschmilzt zunehmend zu einer neuen Typologie. Dabei verliert der klassische Bürostuhl seine Alleinstellung – zugunsten eines Sitzmöbels, das mühelos zwischen Homeoffice, Konferenzraum, Co-Working-Space oder Wohnbereich hin und her bewegt werden kann.

Dieser Wandel ist mehr als eine Modeerscheinung. Er spiegelt eine Arbeitswelt wider, in der feste Schreibtische seltener werden und Büros zunehmend Orte des Austauschs und der Zusammenarbeit sind. Gleichzeitig hat das Homeoffice den Wunsch nach Möbeln verstärkt, die ergonomischen Komfort bieten, ohne nach klassischer Büroausstattung auszusehen. Dieser Entwicklung folgend entsteht eine neue Generation von Sitzmöbeln, deren größte Stärke ihre Vielseitigkeit ist.

Ergonomie ohne sichtbare Technik

Der Bürostuhl galt Jahrzehnte lang als sichtbares Versprechen maximaler Ergonomie. Große Rückenlehnen, markante Mechaniken und zahlreiche Hebel signalisierten Funktionalität. Heute verfolgen viele Hersteller den entgegengesetzten Ansatz. Die Technik verschwindet im Hintergrund, während Materialität, Proportionen und wohnliche Anmutung in den Vordergrund rücken.

Ein Schlüsselbeispiel ist Mynt, den Erwan Bouroullec für Vitra entwickelt hat. Der Entwurf verzichtet auf die typische Bürostuhlästhetik und erinnert eher an einen eleganten Universalstuhl. Seine patentierte Mechanik reagiert automatisch auf das Körpergewicht und fördert dynamisches Sitzen, ohne dass der Nutzer Einstellungen vornehmen muss. Das Ergebnis ist ein Stuhl, der im Büro ebenso funktioniert wie am Esstisch.

Einen ähnlichen Weg geht Sedus mit se:mission. Der Drehstuhl entstand aus der Erkenntnis, dass sich der Arbeitsplatz heute harmonisch in den Wohnraum einfügen soll. Unterschiedliche Rückenlehnenhöhen, Holzfurniere und vielfältige Materialkombinationen verleihen ihm eher den Charakter eines hochwertigen Wohnmöbels als den eines technischen Arbeitsgeräts.

Neue Räume verlangen neue Möbel

Mit dem Drehsessel 521 interpretiert Thonet diese Entwicklung aus der Perspektive eines traditionsreichen Möbelherstellers. Marco Dessís Entwurf verbindet die wohnliche Ausstrahlung eines Polstersessels mit den funktionalen Anforderungen moderner Arbeitsplätze. Ob Besprechungsraum, Co-Working-Space, Hospitality oder Homeoffice – der Stuhl ist nicht mehr für einen bestimmten Ort gedacht, sondern für unterschiedliche Situationen. Entscheidend ist weniger die Möbelkategorie, sondern vielmehr das Nutzungsszenario.

Doch dieser Gedanke ist keineswegs neu. Bereits 1973 entwarfen Bruce Hannah und Andrew Morrison den Morrison Hannah Chair für Knoll mit dem Anspruch, Ergonomie möglichst unkompliziert und wohnlich zu gestalten. Seine aktuelle Neuauflage wirkt deshalb weniger nostalgisch als enorm zeitgemäß. Der Entwurf scheint auf jene hybride Arbeitswelt gewartet zu haben, in der sich Wohnen und Arbeiten immer stärker durchdringen.

Selbst Möbel, die ursprünglich gar nicht für den Arbeitsplatz entwickelt wurden, finden heute ihren Weg in moderne Bürolandschaften. Der Koala Chair, den Zaven für S-CAB entworfen hat, entstand als vielseitiger Objektstuhl und wird inzwischen auch als Outdoor-Modell angeboten. Seine weichen Proportionen, die ergonomisch geformte Sitzschale und die zurückhaltende Formensprache machen ihn jedoch ebenso interessant für kommunikative Arbeitsbereiche, Bibliotheken oder Meetingzonen. Gerade diese Offenheit gegenüber unterschiedlichen Nutzungskontexten macht ihn zu einem Sinnbild der neuen Möbelgeneration.

Universell einsetzbar – Koala Chair im Design von Zaven für S-CAB. Foto © Odeon

Der Mensch entscheidet

Es scheint als verabschieden sich die Möbelhersteller von der Vorstellung, dass jeder Raum einen eindeutig definierten Stuhl benötigt. An die Stelle von Büro-, Konferenz- oder Esszimmerstuhl tritt ein universelles Sitzmöbel, das sich flexibel an wechselnde Lebens- und Arbeitswelten anpasst. Und genau darin liegt die spannendste Entwicklung des zeitgenössischen Möbeldesigns. Denn nicht mehr der Ort bestimmt den Stuhl, sondern der Mensch und seine wechselnden Bedürfnisse.


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