Die heutige Auswahl für den Design-Ticker kreist um die Frage, wie Gestaltung unsere Wahrnehmung und unseren Alltag prägt. Domus thematisiert den Einfluss digitaler Empfehlungen auf den Geschmack, während Irving Penns Fotografien zeigen, wie eine präzise Bildsprache die Wahrnehmung von Mode verändert. Bei den Teppichen und dem historischen Wohnprojekt steht die Verbindung von Material, handwerklicher Tradition und zeitgenössischer Gestaltung im Vordergrund. Alice Diops Ausstellung erweitert diesen Blick um die gesellschaftliche Dimension von Bildern: Wer sichtbar wird und wer den Blick darauf bestimmt, ist auch eine Frage kultureller Macht.
Domus – Entscheidet das Internet zunehmend, was uns gefällt?
Wer heute ein Buch lesen, einen Film sehen oder ein Gebäude verstehen möchte, stößt in sozialen Medien auf unzählige Empfehlungen und Erklärungen. In ihrem Beitrag beschreibt Lucia Antista, wie kulturelle Influencer nicht mehr nur Informationen vermitteln, sondern zunehmend auch vorgeben, was als sehenswert, lesenswert oder relevant gilt. Während das frühe Internet mit Blogs, Foren und persönlichen Websites individuelle Entdeckungen begünstigte, liefern algorithmisch gesteuerte Feeds heute vorgefertigte Auswahlmöglichkeiten. Das Problem liegt dabei nicht allein in der Vereinheitlichung des Geschmacks. Wer ständig erklärt bekommt, wie etwas zu betrachten ist, verliert möglicherweise die Lust am eigenständigen Entdecken – und daran, sich auch einmal auf etwas einzulassen, das zunächst nicht gefällt. (Quelle: Domus, https://www.domusweb.it/en/news/2026/10/21/stiamo-lasciando-che-sia-internet-a-decidere-cosa-ci-piace.html)
Core77 – Ein Klappmechanismus im Mid-Century-Sessel
Auf den ersten Blick wirkt der Scissor Chair wie ein gewöhnlicher Stuhl aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Erst beim Verstellen zeigt sich seine Besonderheit: Ein verborgenes Scharnier erlaubt es, die Form des Möbels zu verändern. Der Designer ist nicht bekannt, produziert wurde das Möbel vom deutschen Unternehmen Wilhelm Knoll. Core77 nimmt den ungewöhnlichen Stuhl zum Anlass, auch die verzweigte Geschichte der Knoll-Familie nachzuzeichnen. Dabei wird deutlich, dass hinter dem heute bekannten Namen der Möbelbranche unterschiedliche Unternehmen und politische Biografien stehen. Walter Knoll unterstützte das NS-Regime, während sein Sohn Hans in die USA emigrierte und dort mit Florence Schust – später Florence Knoll – das Unternehmen aufbaute, das das moderne amerikanische Möbeldesign maßgeblich prägte. (Quelle: Core77, https://www.core77.com/posts/145698/A-Transforming-Mid-Century-Chair-and-Fun-Knoll-Facts)
designboom – Irving Penns Blick auf Mode über sechs Jahrzehnte
Die Maison Européenne de la Photographie in Paris widmet Irving Penn mit „Penn & Fashion“ eine Retrospektive über sechs Jahrzehnte Modefotografie. Die Ausstellung versammelt Arbeiten aus seiner langen Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Vogue und zeigt, wie Penn Kleidung und Körper in präzise komponierten Bildern auf ihre wesentlichen Formen reduzierte. Statt auf aufwendige Kulissen setzte er häufig auf schlichtes Licht, neutrale Hintergründe und eine sorgfältige Inszenierung der Modelle. Neben Aufnahmen der Haute Couture dokumentiert die Schau auch seine Porträts von Arbeitern in Berufskleidung sowie seine Zusammenarbeit mit Issey Miyake. Penns Fotografien machen damit sichtbar, wie Material, Silhouette und Haltung eine eigenständige Bildsprache entwickeln können. Die Ausstellung ist bis 17. Jänner 2027 zu sehen. (Quelle: designboom, https://www.designboom.com/art/six-decades-irving-penn-fashion-photography-mep-maison-europeenne-photographie-paris/)
Design Milk – Teppiche werden zu textilen Kunstwerken
Teppiche übernehmen im Interieur längst mehr als eine funktionale Rolle. Eine Auswahl aktueller Kollektionen von Design Milk zeigt, wie traditionelle Webtechniken, künstlerische Vorlagen und neue Materialkonzepte den Boden zur gestalterischen Fläche machen. Colin King und Beni beziehen sich mit der Chelsea Collection auf ornamentale Elemente historischer Gärten; Nanimarquina überträgt grafische Arbeiten von Lucia Eames in textile Strukturen. Andere Entwürfe setzen auf reine Seide, Naturfasern wie Abaka oder digital entwickelte Muster, die von biologischen Strukturen inspiriert sind. Trotz unterschiedlicher Ansätze verbindet die Beispiele das Interesse an Haptik und handwerklicher Präzision – und die Idee, dass ein Teppich ebenso viel über einen Raum erzählen kann wie ein Bild an der Wand. (Quelle: Design Milk, https://design-milk.com/artful-rugs-pattern-texture-craft/)
Interni – Ein Rückzugsort zwischen Geschichte und Gegenwart
In den Hügeln der italienischen Provinz Piacenza wurde eine Wohnung in einem historischen Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert neu organisiert. Zwei ursprünglich getrennte Einheiten wurden zu einem zusammenhängenden Wohnraum verbunden, wobei unterschiedliche Ebenen und Zugänge in eine fließende Raumfolge überführt wurden. Der Entwurf setzt auf Zurückhaltung: Freigelegtes Ziegelmauerwerk, Carrara-Marmor, Marmorino und Quarzit bilden eine reduzierte Materialpalette, die durch Kunst, Designklassiker und persönliche Sammlungsstücke ergänzt wird. Alte Türen wurden als Stauraum wiederverwendet, während gezielt gesetzte Trennwände und Lichtführungen die Übergänge zwischen gemeinschaftlichen und privaten Bereichen ordnen. So entsteht kein historisierendes Interieur, sondern ein zeitgenössisches Zuhause, das die Spuren des Bestands integriert. (Quelle: Interni, https://www.internimagazine.com/design/projects/il-privilegio-del-rifugio/)
Wallpaper* – Alice Diop stellt schwarze Künstlerinnen ins Zentrum
Für das Kulturprogramm von Miu Miu bei der Art Basel Paris hat die französische Filmemacherin Alice Diop die Ausstellung „Geste de Consolation“ entwickelt. In vier miteinander verbundenen Räumen bringt sie Arbeiten Schwarzer Künstlerinnen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, darunter eine Skulptur von Simone Leigh, Fotografien von Zanele Muholi und eine Performance der Choreografin Nadia Beugré. Eine Zweikanal-Videoinstallation Diops verbindet historisches Archivmaterial mit persönlichen Bildwelten und untersucht, wie Bilder den Blick auf schwarze Frauen geprägt haben. Das Projekt erweitert Diops bisherige Arbeit als Regisseurin um eine kuratorische Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kunst Erfahrungen von Gewalt sichtbar machen kann, zugleich aber auch Widerstand, Selbstbestimmung und gegenseitige Unterstützung ausdrückt. Die Ausstellung im Palais d’Iéna läuft vom 21. bis 25. Oktober. (Quelle: Wallpaper*, https://www.wallpaper.com/art/exhibitions-shows/alice-diop-miu-miu-art-basel-paris-2026-interview)