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Die chinesische Designbranche boomt

von Markus Schraml
Prideer Chair, SDE, Design Shanghai 2021

Design Shanghai (3. – 6. Juni 2021) ist laut Eigendefinition Asiens führender internationaler Designevent. Tatsächlich hat sich diese Veranstaltung in den acht Jahren ihres Bestehens erstaunlich entwickelt und vor allem an Größe zugelegt. Im Vergleich zum Vorjahr sogar um 25 %. Einerseits ist das dem wachsenden Zuspruch europäischer Marken zu verdanken, die diese Messe als Sprungbrett in den chinesischen Markt nutzen. Andererseits wächst die Designbranche im Land der Mitte selbst immer stärker. Marken, die hochwertige Möbel herstellen und Designstudios, die an einer eigenen Gestaltungssprache arbeiten, füttern die Nachfrage im eigenen Land, wo eine zunehmende Schicht der Bevölkerung nicht mehr auf Statussymbole von bekannten italienischen Lifestyle-Marken aus ist, sondern auf hochwertige Produkte, die von chinesischer Eigenständigkeit an kreativen Ideen und qualitativen Herstellungsprozessen zeugen.

Westliche Ausbildung, chinesische Kultur

Der Designnachwuchs in China ist gut ausgebildet. Meist an Hochschulen in Europa oder den USA. Junge Leute gehen nach Mailand, Eindhoven oder London, absolvieren ihr Studium und kehren mit einem State of the Art Know-how in ihre Heimat zurück. Oft gründen sie ihr Designstudio schon im Ausland und haben Ideen, die sich sowohl aus der chinesischen Kultur- und Handwerksgeschichte als auch der westlichen Designhistorie speisen. Schon lange geht es nicht mehr um ein Nachmachen von Vorbildern wie den Eames, Arne Jacobsen oder Enzo Mari, sondern darum, Gestaltungsprinzipien, die am Mailänder Polytechnikum oder am Central Saint Martins College in London gelehrt werden, auf ganz individuelle Art und Weise anzuwenden. Dabei ist die eigene kulturelle Prägung natürlich eine wichtige Einflussgröße für den Designentwurf.

Talents, kuratiert von Frank Chou

Design Shanghai ist ein Ort, an dem die vielen jungen chinesischen Designer*innen eine Plattform erhalten. So kuratiert zum Beispiel der bekannte chinesische Designer Frank Chou zum zweiten Mal die „Talents“-Ausstellung. 14 aufstrebende Designer*innen sind 2021 mit dabei. Unter anderem Emotive Soil, Mohno Studio, Dorisofia, Bang Office oder YANN design studio. Das Pekinger Cometabolism Studio widmet sich dem Thema Design im Zusammenhang mit Kunst im öffentlichen Raum. Leijie Zhou legt den Fokus auf digitale Algorithmen und 3D-Design. Suomu Design präsentiert außergewöhnliche Keramiken und Studio Sain sowie Paart Product Workshop beschäftigen sich mit dem Zusammenspiel von Funktion, Ästhetik und Material.

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Die Design Shanghai im Shanghai World Expo Exhibition and Convention Center ist in verschiedene Sektionen unterteilt. In der Contemporary Design Hall finden Besucher*innen zum Beispiel neue Tischobjekte und Tee-Sets von Shang Xia. Im „Tea Space“ wird ganz konkret diese chinesische Tradition gefeiert. Die von der Designerin Jiang Qiong Er gemeinsam mit Hermès 2010 gegründete Mode- und Designmarke ist darauf spezialisiert, traditionelle chinesische Ästhetik und Handwerk auf zeitgemäße Art zu interpretieren. Einer der bekanntesten chinesischen Designmöbelhersteller ist Stellar Works. In Shanghai präsentiert die Marke die jüngsten Kooperationen mit Sebastian Herkner, Neri&Hu, Michelle DeLucchi und Nendo.

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Ost trifft West

Dadurch, dass viele junge Designer*innen an westlichen Universitäten ausgebildet wurden, entsteht in deren Arbeiten – fast automatisch – eine Ost-West Designkultur. Eines von vielen Beispielen dafür ist 2-LA, eine innovative, global tätige Designberatungs- und Produktdesignfirma, die in Los Angeles gegründet wurde. Durch diesen Ost-West-Background entstehen einmalige kreative Ideen und Gestaltungslösungen, die oft in ikonischen Designs münden, internationale Design Awards inklusive. Das Mingdu Design Studio wiederum wurde von Designer Chen Liang 2016 in Hamburg gegründet. Es hat sich anfangs auf Möbeldesign und Accessoires spezialisiert. Mittlerweile tut er sich auch in Bereichen wie Interaction Design, Spatial Design und sogar der Buchbinderei um. Ihm geht es immer um eine Verbindung von Tradition und Moderne, von Kultur und Technologie sowie Ost und West. Mingdu betreibt Studios in Hamburg und Shenzhen.

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Studio Monana wurde von Mona He ins Leben gerufen. Sie studierte am Central Saint Martins College in London und arbeitete als Produktdesignerin für Neri&Hu. Mit Monana erforscht sie die Bereiche Objektdesign und Installationen. Die Mittel, die sie dafür verwendet, reichen von Handwerk bis zu industrieller Produktion. Kultur und Geschichte spielen in ihren Arbeiten entscheidende Rollen. Sun at Six wurde 2017 in Brooklyn (New York) gegründet und zwar mit dem Anspruch, traditionelles chinesisches Handwerk zu erhalten und zu kultivieren. Ziel ist es, Möbel zu kreieren, mit denen sich Menschen wohlfühlen und die ein gutes Zusammenleben unterstützen. Klingt selbstverständlich, ist bei genauerer Betrachtung aber eine enorm wichtige und schwierige Designaufgabe.

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Generation Z und klassische Literatur

Zum ersten Mal ist die chinesische Möbelmarke U+ auf der Design Shanghai vertreten. Gezeigt wird die Shan Qiu Zhi Ge-Sofakollektion. Weitere Möbelmarken in der Contemporary Design Hall sind Donxi, die eine Kollektion vorstellen, die natürliche Materialien in den Fokus rückt. Oder Jianze, ein Studio, das sich ganz auf die junge Generation Z konzentriert. Diese Möbel sollen Ästhetik mit Haltung verbinden. Einen völlig anderen visuellen Eindruck machen die Produkte von THESHAW. Die futuristisch aussehenden Kreationen bestehen aus gewöhnlichen Materialien, die mit höchster Handwerkskunst in Form gebracht werden. Das Studio wurde 2017 von Shaw Liu gegründet.

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KUNDESIGN hat sich auf Outdoormöbel spezialisiert, besonders auf Blumen- und Pflanztöpfe, aber auch attraktive Sitzmöbel sind im Programm. Dem Designer geht es um den Gegensatz von Natur und urbanem Leben bzw. um die Relevanz und Notwendigkeit von Natur in dicht bebauten Gebieten. Die Geschichte der Outdoormarke VINEKO begann schon 2007. Auf der Design Shanghai präsentiert das Unternehmen nicht nur eine Reihe neuer Kollektionen, auch das Standdesign ist neu. Mit Displays ausgestattet, erlaubt es dem Publikum zu interagieren und modernes Outdoor-Living auf neue Art kennenzulernen. Im Jahr 2011 wurde in Shanghai PuSu von Yanfei Chen gegründet. Vom Leben traditioneller chinesischer Literaten inspiriert, versucht das Studio modern-klassische Möbel zu entwerfen. Sie sollen das Streben nach Harmonie unterstützen, indem sie den Literaten-Geist von damals wieder aufleben lassen.

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Eine Frage der Harmonie

Neben einem prominent besetzten Talks-Programm bietet Design Shanghai auch einige Installationen. IK Design, ein Interieurdesignstudio mit Büros in Peking und Shanghai hat den beeindruckenden Seesaw Roundtable kreiert. Er ist das Ergebnis eines Designforschungsprojekts von Isabelle Peng Zhao. Der runde Tisch ist eine Metapher für Harmonie und Ausgewogenheit. Er impliziert aber auch Regeln, denn je nach Sitzposition können damit auch Statusunterschiede der Gruppe zum Ausdruck gebracht werden. Mit diesem Projekt will die Designerin die verborgenen Regeln im Streben nach einem harmonischen, meist stillschweigenden sozialen Einverständnis hinterfragen und dabei die Grenzen von traditionellen Möbeln überschreiten, indem sie auf künstlerische Art innovative Anwendungsmöglichkeiten für gewöhnliche Objekte aufzeigt. Das Zentrum der Installation, die runde Tischplatte, ist statisch, während die wippenförmigen Lederstühle instabil sind. Die Herausforderung liegt in der Selbstkontrolle der Sitzenden und der Rücksichtnahme, um hier ein dynamisches Gleichgewicht zu erreichen.

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Das chinesische Architekturbüro ORI-A präsentiert mit seiner Installation „Touch“ eine Reflexion über das Missverhältnis in der Gesellschaft zwischen Realität und Ideal. Das nicht-zentrale Zentrum des Kreises und die „Perspektivenleiter“ fordern das Nachdenken über uns und das reale Leben geradezu heraus. Es geht um eine Übung in Selbstwahrnehmung, die dazu führen soll, dass wir das Leben nicht mehr als fixen Rahmen begreifen, sondern als etwas, dass durch unser ständiges Handeln entsteht.

ORI-A präsentiert mit der Installation „Touch“ eine Reflexion über das Missverhältnis in der Gesellschaft zwischen Realität und Ideal. © ORI-A

Mehr zum Thema – Interview mit Design Shanghai-Direktorin Zhuo Tan


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