Die heutige Auswahl zeigt vor allem eine Abkehr von standardisierten Lösungen. Das Badezimmer verliert seine makellose Katalogästhetik, junge Designer suchen beim London Design Festival nach Alternativen zu kommerziellen Präsentationsformaten und Bottega Veneta macht aus verformten Verpackungskartons individuelle Sitzobjekte. Selbst die Mailänder Modewoche lässt sich unter diesem Blickwinkel lesen: Perfektion, traditionelle Kleidungsregeln und vertraute Typologien werden gezielt infrage gestellt. Einen größeren gesellschaftlichen Rahmen geben Snøhettas gemeinschaftlich orientiertes Wohnmodell in Hongkong und Wangari Mathenges „Re-membering“ vor – beide beschäftigen sich auf sehr unterschiedliche Weise damit, wie Gemeinschaft und Identität räumlich beziehungsweise materiell Gestalt annehmen.
Domus – Snøhetta erweitert das Wohnen über die Wohnung hinaus
Mit dem „Sky House“ hat Snøhetta das Wohnprojekt Pavilia Farm in Hongkong abgeschlossen. Vier Clubhäuser bilden dort eine gemeinschaftliche Infrastruktur, die Natur, Freizeit und soziale Begegnung in den dicht bebauten Stadtteil Tai Wai bringen soll. Das neue Sky House konzentriert sich auf Spiel, Lernen und generationenübergreifende Aktivitäten: Stahlrutschen, Spielplätze, Unterrichts- und Musikräume treffen auf Sportangebote für ältere Bewohner. Gemeinsam mit Tea House, Well House und Farm House entsteht so ein Wohnmodell, bei dem sich Luxus weniger über private Quadratmeter als über gemeinschaftlich nutzbare Räume, Urban Farming und Nähe zur Natur definiert. (Quelle: Domus, https://www.domusweb.it/en/architecture/gallery/2026/09/29/snohetta-pavilia-farm-hong-kong-sky-house.html)
Core77 – Designkollektive als Gegenmodell zum Messestand
Core77 richtet beim London Design Festival den Blick auf unabhängige Kollektive, die sich gegen hohe Ausstellungskosten und die zunehmende Kommerzialisierung großer Designveranstaltungen organisieren. Ein Beispiel ist „Design Everything“: Nachdem Designer Lewis Duckworth für eine Ausstellungsfläche 900 Pfund pro Quadratmeter zahlen sollte, organisierte er 2025 eine Guerilla-Ausstellung aus einem Lieferwagen. 2026 zog das Kollektiv in den Keller von Aram und präsentierte dort über einen offenen, kostenlosen Aufruf Arbeiten von mehr als 100 Designern. Statt perfekter Showrooms entstehen niedrigschwellige Orte, an denen junge Gestalter selbst bestimmen, wie sie ihre Arbeiten zeigen. (Quelle: Core77, https://www.core77.com/posts/145407/LDF-2026-Design-collectives)
Interni – Das Bad 2027 wird persönlicher
Nach Jahren glatter Oberflächen, Beige und strengem Minimalismus zeichnet Interni ein deutlich sinnlicheres Bild des Badezimmers 2027. Gefragt sind strukturierte und haptische Materialien, tiefere Naturfarben wie Waldgrün, Braun und Terrakotta sowie maßgeschneiderte, modulare Lösungen. Waschbecken werden zu skulpturalen Solitären, während Sideboards, Regale und andere Elemente aus Wohn- und Schlafzimmer die traditionelle Trennung der Räume aufweichen. Technik bleibt präsent – von berührungsgesteuerten Armaturen bis zu beheizten WC-Sitzen –, tritt gestalterisch aber zunehmend in den Hintergrund. (Quelle: Interni, https://www.internimagazine.com/bagno-2-en/bathroom-trends-what-our-increasingly-popular-space-will-look-like-in-2027/)
Design Milk – Wangari Mathenge setzt Erinnerung neu zusammen
In „Re-membering“ bei Lévy Gorvy Dayan in New York beschäftigt sich die in Nairobi geborene Künstlerin Wangari Mathenge mit kultureller Erinnerung, Kolonialgeschichte und der Frage, wie Identität weitergegeben wird. Ausgangspunkt ist Ngũgĩ wa Thiong’os Buch „Something Torn and New“; Mathenge recherchierte dafür unter anderem kenianische Literatur und kulturelle Objekte aus der Kolonialzeit bis zur Unabhängigkeit 1963. Neben fünf neuen Gemälden zeigt sie erstmals öffentlich Skulpturen. Historische Formen werden dabei nicht einfach rekonstruiert: Mathenge versteht „Re-membering“ vielmehr als aktives Zusammenfügen dessen, was Geschichte auseinandergerissen hat. (Quelle: Design Milk, https://design-milk.com/wangari-mathenge-re-membering/)
designboom – Bottega Veneta lässt Kartons zu Sitzmöbeln werden
Bei Bottega Venetas Summer-2027-Show saßen die Gäste auf scheinbar zerknüllten Kartons. Dahinter stehen die „Karton Hocker“ des ukrainischen Künstlers Illya Goldman Gubin: Er verformt gewöhnliche Verpackungskartons durch direkten Körpereinsatz, anschließend werden sie mit Harz und Glasfaser stabilisiert. Falten, Dellen und Unregelmäßigkeiten bleiben sichtbar, wodurch jedes Stück zum Unikat wird. Die ineinandergreifenden Kartonlaschen nehmen zugleich Bezug auf Bottega Venetas Intrecciato-Flechttechnik. Aus einem Material, das normalerweise nach dem Transport entsorgt wird, entsteht so ein dauerhaftes Möbelstück. (Quelle: designboom, https://www.designboom.com/design/bottega-veneta-cardboard-boxes-sculptural-stools-summer-2027-show-illya-goldman-gubin/)
Wallpaper* – Mailand zwischen Rock, Handwerk und neuem Minimalismus
Wallpaper* zieht Bilanz der Mailänder Modewoche für Frühjahr/Sommer 2027. Prada machte den Rock zum Ausgangspunkt aller 63 Looks und variierte ihn von verstellbaren Modellen mit Klettverschlüssen bis zu Konstruktionen aus Kristallblüten, Latex und Nylon. Bei Jil Sander stellte Simone Bellotti dagegen die Perfektion des etablierten Minimalismus infrage und arbeitete gezielt mit verschobenen Proportionen, Falten und Unregelmäßigkeiten. MM6 Maison Margiela zerlegte vertraute Regeln darüber, wie Kleidungsstücke getragen werden, während Bottega Veneta unter Louise Trotter Leichtigkeit mit ausgeprägtem Handwerk verband. Die Saison zeigte damit weniger einen einheitlichen Trend als unterschiedliche Versuche, vertraute Modecodes neu zu lesen. (Quelle: Wallpaper*, https://www.wallpaper.com/fashion-beauty/best-shows-milan-fashion-week-ss-2027-review-round-up)