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Türen werden intelligenter sein als wir – Philippe Starck

von Markus Schraml
Philippe Starck, Welcome

Der französische Designer Philippe Starck hat für Lualdi die Kollektion „Welcome“ gestaltet, ein Türsystem, das speziell für die Hotelindustrie gedacht ist. Nach Starck sind Hoteltürsysteme eine äußerst komplexe Sache, weil sie viele Funktionen erfüllen müssen. So die Aussage des Designers im Rahmen der Präsentation im Mailänder Lualdi-Showroom in der Foro Buonaparte 74.

„Interaktiv und vernetzt, wie es Philip K. Dick in seinem Roman Ubik vorhersah“, so solle die neue Kollektion laut Starck sein. „Die Türkollektion Welcome beinhaltet eine Reihe von Services: Menschen erkennen, einheizen, Nachrichten senden, zum Bildschirm werden. Und das alles, um uns Willkommen zu heißen und uns zu beschützen“, erläutert Starck. Deshalb bildet den Kern dieses Projekt ein System von Zubehör: der Türgriff, das Willkommenslicht, die Schrittmarkierung oder die Nummer, zu der auch ein Bildschirm gehört, der die verschiedenen Gästedienste wie Check-in oder Raumautomation koordiniert.

Die Elemente der Kollektion können individuell gestaltet und an die Ästhetik verschiedener Hoteltypen angepasst werden. Ein Hintergrundlicht hebt die Dreidimensionalität der Oberfläche der wandbündigen Tür hervor. In der präsentierten Ausführung erscheinen Griff und Nummer wie Steine. Allerdings können sowohl die Tür als auch die Accessoires in einer breiten Palette von Finishes hergestellt werden.

Für Lualdi ist der Hospitality-Bereich ein Hauptgeschäftszweig. „Der Hotel-Sektor ist sehr herausfordernd“, weiß Pierluigi Lualdi, Contract Manager des Unternehmens. „Er erfordert die außerordentliche Fähigkeit, ein Produkt anpassen zu können, ein Know-how, für das wir seit Langem bekannt sind“. Dabei gelingt es Lualdi industrielle Produktionsprozesse mit individueller Ausführung zu kombinieren. So entstehen maßgeschneiderte Designs durch hochtechnologische Lösungen. „Mit Philippe Starck haben wir es geschafft, nun ein Objekt herauszubringen, das in die Zukunft weist“, sagt Pierluigi Lualdi.


Im formfaktor-Interview spricht Philippe Starck über seine Beziehung zu Türen, seine Ideenfindung inmitten der Natur und darüber, ob etwas wirklich notwendig ist.

formfaktor: Eine Tür öffnet und schließt sich. Eine Tür kann in die Freiheit führen oder ins Gefängnis. Wie sehen Sie die Funktion einer Tür in einem weitergehenden Sinn?

Philippe Starck: „Ich bin von Türen besessen, denn sie sind kein Objekt, sondern eine Aktion. Wenn Sie die Tür schließen, ist es vorbei, wenn Sie die Tür öffnen, geht es los. Sie wissen nicht, ob Sie auf der richtigen oder der falschen Seite sind. Durch eine Tür kann alles passieren.

formfaktor: Wie sah die Kernidee für Welcome aus?

Philippe Starck: Der Herzstück des Projekts „Welcome“ war die Bereitstellung von Dienstleitungen durch ein System von Elementen: dem Griff, dem Licht und der Nummer mit Bildschirm auf der Türoberfläche. Die Idee, die Tür mit einer Reihe von Zubehörteilen auszustatten, ist Teil einer Vision der Gegenwart, die die Anforderungen eines sich schnell entwickelnden Marktes vorwegnimmt.

Bevor man über das Produkt nachdenkt, muss man über das ganze Projekt nachdenken. Das Zentrum des Projekts und nicht das, was es umgibt: nicht die Ästhetik oder die Mode. Warum verdient es ein Projekt oder Objekt überhaupt zu existieren? Diese Existenzberechtigung ist unabdingbar. In einer Gesellschaft des Überkonsums müssen wir sehr vorsichtig sein und uns zuallererst die Frage stellen: „Ist es notwendig?“. Der Mensch, die Öffentlichkeit muss dazu gebracht werden, sich zu fragen: „Brauche ich das wirklich?“.

Die Tür ist kein Objekt, sondern eine Aktion. Zitat: Philippe Starck. © Rossella Putino, Foto: Omar Boccuto

formfaktor: Sie haben einmal gesagt, dass sie Städte nicht mögen, sondern den Wald. Ist das auch der Ort, an dem Sie Ihre Ideen entwickeln?

Philippe Starck: Ich lebe allein oben in den Bergen, unten im Schlamm, auf den Dünen, in den Wäldern. Das erlaubt mir, ruhig zu denken, allein, um sicher zu sein, dass ich eine originelle persönliche Idee habe. Weil ich dort mit niemandem spreche, kann ich mich nicht wiederholen.

Das Wichtigste, um harmonisch zu leben, ist ein ehrliches, sentimentales Haus. Mit echten Materialien, Möbeln und Gegenständen, die nicht leicht beschädigt werden können, die nicht altern, aber eine Patina bekommen. Designs aus soliden, natürlichen Materialien, hauptsächlich Holz, durchdachte Planung, wenige Gänge, große Räume mit viel Licht.

Sich für eine Tür zu entscheiden, ist keine Kleinigkeit. Die moderne Welt zwingt uns dazu, gerade in der Hotellerie, Türen zu bauen, die nicht bloß ein Objekt sind, sondern ein Universum. Wie das Telefon einst ein Objekt war, nun ist es ein Universum.

formfaktor: Sie designen viele sehr unterschiedliche Dinge. Was interessiert Sie eigentlich an Türen?

Philippe Starck: Die Tür ist ein wichtiges Element, das ich in vielen meiner Projekte verwendet habe. Ich mag große universale Symbole wie Uhren, Fenster, Dächer oder eben Türen, die sehr aktive Symbole sind. Eine Tür ist nicht ein Objekt, sondern ein Moment, eine Aktion. Türen sind magisch. Nicht immer wissen wir, was dahinter liegt. Sie führen zu Träumen, zu Dramen, sie führen immer zu etwas. Die Tür ist der Anfang einer Geschichte.

formfaktor: In einem Film von Lualdi aus dem vergangenen Jahr sprechen Sie von dem Zusammenhang zwischen Türen und Künstlicher Intelligenz. Welche Möglichkeiten gibt es hierbei?

Philippe Starck: Vor allem anderen ist Künstliche Intelligenz die Zukunft unserer natürlichen Intelligenz. Die Türen der Zukunft werden so intelligent sein, dass sie untereinander kommunizieren können. Dank Künstlicher Intelligenz werden sie sich selbst organisieren, um die Aktivitäten im Haus zu managen. Tür werden wahrscheinlich intelligenter sein als wir.

formfaktor: Gibt es etwas, das sie an unserer modernen Lebenswelt besonders stört?

Philippe Starck: Mangel an Eleganz und Unehrlichkeit.


Lualdi ist ein italienisches Designunternehmen im Bereich Innentüren, maßgefertigte Möbel und Objektmöbel, das 1859 als Tischlerei gegründet wurde und derzeit in vierter Generation von der Familie geführt wird. Der Übergang zur industriellen Produktion begann in den Sechzigerjahren dank der Zusammenarbeit mit dem Architekten Luigi Caccia Dominioni. Heute kooperiert das Unternehmen mit den wichtigsten Architekten der Welt und verfügt über Showrooms in Mailand, New York und Miami.

V.l.n.r.: Alberto Lualdi (CEO), Philippe Starck, Olga Lualdi (Kommunikation), Pierluigi Lualdi (Contract). © Rossella Putino, Foto: Omar Boccuto

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