Um 1900 war Wien ein Labor der Moderne. Zwischen Ringstraße und Vorstadt entstand eine kulturelle Verdichtung, in der sich Malerei, Architektur, Design und Alltagskultur wechselseitig befeuerten. Die Wiener Secession formulierte den Bruch mit dem Historismus programmatisch, während die Wiener Werkstätte den Anspruch erhob, Kunst und Leben im Sinne des Gesamtkunstwerks zu durchdringen. Das Ornament wurde zur Haltung, das Interieur zur Bühne einer neuen Ästhetik. In diesem Spannungsfeld aus Reformwillen, Internationalität und lokaler Prägung entwickelte sich ein Stil, der bis heute Maßstäbe in Gestaltungsfragen setzt.

Mit der Neuaufstellung seiner Schausammlung WIEN 1900 – Alltag. Gesamtkunstwerk greift das MAK – Museum für angewandte Kunst diese Dynamik auf. Mehr als 700 Objekte aus einem der international bedeutendsten Bestände zur Wiener Moderne werden nicht länger chronologisch, sondern thematisch inszeniert. Der interdisziplinäre Künstler Markus Schinwald entwickelte gemeinsam mit dem Sammlungsteam ein Konzept, das historische Tiefenschärfe mit gegenwärtigen Perspektiven verbindet. Sein Zugang sei „weniger bestimmten Medien verpflichtet als vielmehr spekulativen historiografischen Methoden“ – Erkenntnis entstehe als Zusammenspiel von Wissen und Erfahrung.

Schinwald bricht mit der linearen Erzählung: „Konventionelle Kunstgeschichtsschreibung stellt eine bestimmte, meist chronologische Ordnung her. Manche nennen das Tiefe. Oft fehlt es dieser Tiefe aber an Breite.“ Deshalb arbeitet die Schau mit „unterschiedlichen Brennweiten“ – mal im Close-up, mal in der Totale. „Die Ausstellung montiert solch unterschiedliche Perspektiven und Brennweiten. Ich glaube, dem Wiener Idiom lässt sich nur näherkommen, wenn man die Distanz zu den Objekten, zur Raumkunst und zur Idee des Gesamtkunstwerks ständig wechselt und variiert.“
Von Hoffmann bis Klimt
In 20 Themenfeldern entfaltet sich eine „Architektur der Dinge“, die Möbel, Glas, Textil und Grafik als aufeinander abgestimmtes Ensemble begreift. „Die Idee des Gesamtkunstwerks basiert auf flacher Korrespondenz, nicht auf einem Zentrum und auf einer einzigen Komponente“, so Schinwald. Rekonstruktionen wie die Fassade des Hoffmann-Pavillons der Pariser Weltausstellung 1925, die Neupräsentation von Gustav Klimts Entwurfszeichnungen für das Palais Stoclet oder intime Aufstellungen von Postkarten der Wiener Werkstätte verdeutlichen, wie eng Gestaltung, Medienkultur und Technik verbunden waren.

Zugleich rückt die Ausstellung die Vielfältigkeit dieser Zeit in einer Epoche des Umbruchs in den Fokus. Einflüsse von Richard Wagner, japanischer Kultur, Elektrizität, Science-Fiction oder neuen Bildmedien wie Stereoskopie und Film verschränken sich mit strenger Arbeitskultur und eskapistischen Fantasien. Im Rückblick darauf, ergibt dies kein nostalgisches Panorama, sondern ein vielschichtiges Bild einer Epoche, deren Fragen nach Form, Funktion und Lebensreform bis in die Gegenwart reichen.