Home DesignWeniger Selbstsicherheit, mehr Demut – Nachdenken über die Zukunft

Weniger Selbstsicherheit, mehr Demut – Nachdenken über die Zukunft

von Markus Schraml
© Pixabay / ZAPSON

Der Design-Podcast von Lisa Gralnek, „Future of XYZ“ (präsentiert von iF Design), feierte unlängst seine 150. Episode. Zu Gast war der britische Industriedesigner Nick Foster, der für Firmen wie Apple, Sony, Dyson oder Nokia gearbeitet hat. Zudem war er Head of Design bei Google X. Gralnek sprach mit ihm über sein neues Buch: Could Should Might Don’t: How We Think About The Future (erschienen bei MacMillan) und über seinen Ansatz beim Nachdenken über die Zukunft.

Warum sind wir so schlecht, uns die Zukunft vorzustellen

Eine der Fragen, die sich Foster in diesem Zusammenhang stellte, war, was passiert in unseren Köpfen, wenn wir über die Zukunft nachdenken? Für ihn gibt es vier Hauptwege, wie wir darüber denken, die sich auch im Titel seines Buches wiederfinden: könnte, sollte, möchte, tue es nicht (Could Should Might Don’t). Dies seien starre Muster, wie Menschen zu denken pflegen, wenn es um die Zukunft geht. Das Bedenkliche dabei sei, dass Menschen oft nur einen dieser Wege verfolgen würden und die anderen drei vernachlässigen. Für Foster wäre schon viel gewonnen, wenn sich die Art des Denkens über die Zukunft auf alle vier Wege ausbreiten würde.

Im Lauf seiner langjährigen Karriere als Designer in großen Unternehmen hat Nick Foster immer wieder festgestellt, dass selbst sehr intelligente Menschen, wenn es darum geht, sich Gedanken über die Zukunft machen, die über derzeit verfügbare Daten hinausgehen, in ihren Aussagen plötzlich etwas schwammig werden. Das führte ihn zu der Ansicht, dass bei den allermeisten Menschen, auch Experten, Mangel an einer fundiert entwickelten Art über die Zukunft nachzudenken herrscht. Foster nennt es mangelnde Strenge oder Striktheit.

Nick Foster hat als Designer für einige der weltweit größten Tech-Unternehmen gearbeitet. © iF Design

Was meinen Sie damit?

Das sarkastische Sprichwort Prognosen zu machen, sei schwer, besonders wenn sie Zukunft beträfen, kommt hier ins Spiel. Nach Foster seien die meisten sogenannten Zukunftsforscher sehr schnell dabei, Strategien, Ideen und Szenarien zu verbreiten, blieben damit aber fast immer an der Oberfläche. Es würden kaum wirklich detailgenaue Landschaften gezeichnet. Da das Geschäft des Zukunftsforschens eine ziemlich risikolose Sache ist, gibt es seit ein paar Jahren fast ein Überangebot dieser Spezies, auch in großen Unternehmen. Gleichzeitig sehen die Konsumenten den Output dieser Menschen immer mehr als dubios und fragwürdig an. Und das ist laut Foster wichtig, denn je kritischer das Publikum wird, desto eher führt das dazu, dass sich Zukunftsforscher mehr anstrengen müssen. Mit Fragen wie: Was meinen Sie eigentlich damit? Sehr interessant, aber irgendwie verstehe ich es nicht? Werden Sie genauer? können sogenannte Experten des Themas Zukunft schnell in die Enge getrieben werden.

„Ich denke, wir leben in einer Zeit, in der wir mit den falschen Entscheidungen unserer Vorgänger leben und umgehen müssen“, sagt Nick Foster im XYZ-Podcast. Ginge es nach ihm, müsste das Element der Vorsicht viel stärker in Entscheidungsprozesse einfließen. Wir hätten im Lauf der Geschichte zur Genüge die Erfahrung gemacht, was alles daneben gehen kann. „8 Milliarden Menschen sind heute im Prinzip jede Sekunde des Tages miteinander verbunden. Ich denke, dass das dazu geführt hat, dass man sich der ständigen Veränderung und den Folgen davon mehr bewusst ist. Wir können die Veränderungen um uns herum, mit unseren eigenen Augen sehen“, erläutert Foster. Dieses Bewusstsein, dass Menschen heute sehr schnell einschneidenden Veränderungen anstoßen können, führt dazu, dass immer mehr sagen, warte mal einen Moment, wenn wir das jetzt machen, was bedeutet das eigentlich für die Zukunft? Im Grunde stellt dieser Trend die bedingungslose Fortschrittsgläubigkeit infrage – auf allen Ebenen, in allen Bereichen.

Nick Foster wuchs in den 80er-Jahren auf, wo alles recht positiv auf die Zukunft ausgerichtet war – ohne große Zweifel. „Alles war Technik, Technik, Technik – größer, schneller, mehr“, erinnert er sich. Zu dieser Grundeinstellung in der Bevölkerung kam der Turbo-Kapitalismus und der Aufstieg der Finanz-Kaste „Wohingegen heute jüngere Menschen nicht mehr so positiv auf die Zukunft blicken. Der Begriff Ambient Adolescent Apocalypticism bezieht sich auf junge Menschen unter zwanzig, die mit Unsicherheit und sogar Angst auf die Zukunft schauen.“

Das Mittelfeld

Foster plädiert dafür, die Zukunft als eine Erweiterung der alltäglichen Gegenwart zu sehen, in der wir unsere Erfahrungen machen. Der Blick nur auf Höhepunkte oder auf die katastrophalen Tiefpunkte sei irreführend. Was zählt, sei alles dazwischen. Der Alltag von normalen Menschen hat tatsächlich wenig mit dem zu tun, wie Eliten leben oder was in Science-Fiction-Filmen gezeigt wird. Daraus eine fundierte Idee über die Zukunft zu entwickeln, kann nicht gelingen und führt mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine falsche Richtung. Laut Nick Foster darf das Nachdenken über die Zukunft nicht den Experten überlassen werden: „Meine Hoffnung ist, dass in den nächsten 25 Jahren alle Menschen in das Denken über die Zukunft involviert werden. Dass es Unterricht zu diesem Thema gibt, weil es uns alle betrifft.“

Den ganzen Podcast (englisch) finden Sie unten diesem Link.


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