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Bio, Plastik, Metall – Material Future

von Markus Schraml
Materialized, DDW 2020

Ein Designbereich, der in den letzten Jahren enormes Interesse ausgelöst hat, ist die Erforschung von und der Umgang mit Materialien. Im Zuge von Ressourcenknappheit und Kritik an herkömmlichen Produktionsprozessen beschäftigen sich vor allem Nachwuchsdesigner*innen und unabhängige Designstudios immer intensiver mit neuen Materialien. Einen Einblick, wie vielfältig und engagiert sich junge Designer*innen den Themen Biomaterialien oder Materialien aus Verbraucherabfällen widmen, gab die kuratierte Ausstellung des Mailänder Isola Design District im Rahmen der diesjährigen Dutch Design Week. Unter dem Titel „Materialized“ wurden zahlreiche Forschungsprojekte und innovative Ansätze für nachhaltige Produkte vorgestellt.

Das gezüchtete Material

Züchten und Wiederverwerten lauten die beiden Parameter für nachhaltige Materialien der Zukunft. Mit ihrem Projekt „Biotic“ forscht Lionne van Deursen an biologischen Materialien. Sie verwendet Mikroben, um diese wachsen zu lassen. Das Material besteht aus Bakterien-Zellulose, die unter Verwendung von Hefe und Bakterien in einem Fermentationsprozess hergestellt wird. Jede bakterielle Zellulose-Folie ist in ihrer Farbe und Transluzenz unterschiedlich, da der Wachstumsprozess nicht vorhersehbar ist. Neben dem Prozess des Wachsens beschäftigt sich van Deursen auch mit Pflanzenfarbstoffen und Farbstoffen aus Fruchtabfällen, um festzustellen, wie diese Farbstoffe die Textur und Farbintensität des Materials beeinflussen können. Mit der Leuchtenkollektion LUNA findet dieses Material eine erste Anwendung. Das Vorbild für Carolin Perez Leons Materialforschungen ist der Zahn der Napfschnecke, dem stärksten natürlichen Material der Welt. Ursprünglich wollte sie diesen Zahn im Labor nachbilden und ein Biomaterial, das besonders stark ist, entwickeln. Aufgrund von COVID-19 nahm das Projekt einen Umweg über die Küche Leons, wo sie während des Lockdowns versuchte, neue Materialien herzustellen, nur aus den Zutaten, die in der eigenen Küche zu finden waren. Derzeit erforscht sie das Potenzial biomimetischer Methoden für den Aufbau regenerativer Systeme.

Nikoletta Karastathi, die als Architektin arbeitet, bereits an den Universitäten von Newcastle und Edinburgh gelehrt hat und derzeit ihren Doktor an der UCL, The Bartlett macht, interessiert sich für den Zusammenhang von Biologie und Textilien sowie der Programmierbarkeit von Materialien. Mit „Bio Plexis“ hat sie selbst gestrickte Biotextilien entwickelt, die auf das Verhältnis von Mensch und Mikrobiom fokussieren. Die Bio-Garne werden dabei mit bioaktiven Meeresalgen versetzt. Dies soll die Haut „nähren“ und als Schutzschild wirken. Mikroben, die auf der Haut des Menschen leben, können sowohl nützlich als auch schädlich sein. Durch die richtige Materialzusammensetzung hofft Karasthati, einen positiven Einfluss auf den menschlichen Körper zu erreichen. Das Material hat unterschiedliche Härtegrade, anfangs ist es weich und geschmeidig – und würde sich für Kleidung eignen – lässt man es völlig austrocknen, wird es fest und starr, sodass eine Anwendung im Einrichtungsbereich denkbar ist. Das Projekt „Algae Pattern“ von Maria Mayer stellt industrielle Textilveredelungstechniken infrage. Ihre farbig gedruckten Muster werden nach einem eigens entwickelten Verfahren aus dem Rohstoff Rotalge hergestellt. Der Designprozess ist zirkular angelegt. Die dafür verwendeten, sich schnell erneuernden ökologischen Ressourcen beinhalten großes Potenzial für die derzeit alles andere als umweltfreundliche Textilindustrie.

„Mycelium Millennium“ von Maria Pita Guerreiro ist ein Projekt, das biologische Ressourcen, insbesondere Myzel (Pilzfäden), dazu verwendet, um alltägliche Objekte herzustellen und dabei Biofabrikation mit Handwerk verbindet. Guerreiro geht es aber nicht nur um das Biomaterial, sondern auch um eine ganz andere Ästhetik, die damit einhergehen muss. Die Eigenschaften des Myzels – antibakteriell, feuerfest, wärmeisolierend und wasserbeständig – fließen in die ungewöhnlichen Designs ein. Mykor ist ein Unternehmen von Valentina Dipietro, das sich auf Biotechnologie und Design spezialisiert hat. Mykor ist ein Biokomposit, das aus Myzel, Holzabfällen und natürlichen Farbstoffen besteht. Die verwendeten Pilzstämme binden das Abfallmaterial und wachsen unter den richtigen Umgebungsbedingungen innerhalb von Wochen. Sie benötigen wenig Wasser und das Endmaterial kann an der Luft getrocknet werden. Wang Shih-Yuan und Huang Chih-Chieh aus Taiwan verwenden biologisch inspiriertes Computing für die Herstellung neuer Formen. Mittels Skulpturen (Growth Sculptures) untersuchen sie die Prozesse natürlichen Wachstums, die zu bestimmten Wachstumsmustern führen. Für den Druck mit dem Roboter wird ein glasähnliches Material verwendet, dass die Computerästhetik in reale Formen verwandelt. Die spezifischen Wachstumsmuster werden dabei visualisiert.

Abfall ist die neue Ressource

Salty Studio ist ein Food & Experience Design Studio mit Sitz in London, das von Maud de Rohan Willner gegründet wurde. Mit dem Projekt „Can we change?“ hinterfragt sie die Art unseres Konsums mit seinen Unmengen von Verpackungsmüll. Einer der Lösungsansätze liegt in der Kreation von essbaren Verpackungen. Das große Problem bei solchen Entwicklungen sind die derzeitigen Hygieneregeln und Lebensmittelsicherheitsanforderungen. „Bio’c“ ist eine Marke, die Verpackungen für Fast Food- und Takeaway-Läden aus Materialien herstellt, die bei der Müll-intensiven Systemgastronomie anfallen. Gemeint sind die Überreste der verarbeiteten Lebensmittel, die wiederum zu Verpackungsmaterial für dieselbe Gastronomie aufbereitet werden sollen. Diese Idee stammt von Zumra Yagmur Centinler. Sie möchte damit dem Verpackungswahnsinn ein sinnvolles System aus Biomaterialien entgegensetzen. „Calcáreo“ von Caro Pacheco untersucht die Möglichkeit, neue Herstellungsverfahren im Design zu entwerfen, die auf der Bioreferenz von kalkhaltigen Organismen des marinen Ökosystems basieren. In der chilenischen Muschelindustrie fallen enorme Mengen von Muschelschalenresten an, die normalerweise einfach entsorgt werden. Pacheco verwendet dieses Material und kreiert ein Biokomposit aus gemahlenen Muschelschalen und einer Algenlösung, einem Polysaccharid aus Braunalgen. Aussehen und Eigenschaften erinnern an Keramik. Pacheco stellt seine Verfahren Open Source zur Verfügung, um auch andere zu ermuntern, Materialexperimente zu beginnen.

„Butts Ocean“ begann als Abschlussprojekt am Mailänder Polytechnikum, in dem Carolina Giorgiani das Materialpotenzial von Celluloseacetat in Zigarettenkippen untersuchte. Ihre Forschungen zeigen, dass Kippen sehr wohl das Potenzial haben, als neues Kunststoffmaterial wiederverwendet zu werden. Wie viele andere junge Designer*innen sieht Giorgiani ihre Arbeit auch als Aufruf zu mehr Problembewusstsein im Hinblick auf achtlos weggeworfene Zigarettenkippen, die Strände und Meer verunreinigen. Auch Ming Hong Wu macht mit seinem Projekt „Echinoderms“ auf die erschreckende Verschmutzung des Meeres durch Abfälle aufmerksam. Er schlägt vor, recycelte Eierkartons aus der Massenproduktion als Schlüsselmaterial für das Design von ästhetisch hochwertigen Leuchten zu verwenden. Den Beweis, dass schöne Produkte aus Abfallmaterial entstehen können, will auch Wisse Trooster führen. Der niederländische Designer kreierte die „Circular wall lamp“-Kollektion, die aus recyceltem Acryl und Kunststoff besteht. Unter anderem verwendet Trooster dafür Kunststoff aus Schneidebrettern. Die Leuchte ist so konstruiert, dass sie wieder leicht zerlegt und die Komponenten wiederverwendet oder recycelt werden können. Lucas Zito hat für seine „Cancer objects“ recycelte Zigarettenfilter ausgesucht. Dieses in ihrem ersten Leben einem gesundheitsschädlichen Zweck dienende Material, wird in seiner weiteren Existenz zu einer unschädlichen Leuchte, Vase oder einem Behälter. Thed Konings „Bags of Waste“ für CooLoo ist eine Serie von Mobilier d’Art, die vollständig im Kreislauf produziert wird. Die Basisplatte, auf der die Mini-Müllsäcke stehen, besteht aus Plattenmaterial von Ecor. Gebrauchte Sandwichbeutel, die auf Schulhöfen gesammelt werden, bilden die Müllsäcke. Gefüllt sind sie mit Abfällen aus der Polsterindustrie. Und die Bespannung des Sofas besteht aus Lederresten. Die Serie entstand nach einer Reihe von Besprechungen zwischen Konings und Ricco Fiorito, dem kaufmännischen Leiter von CooLoo. Das Know-how des Unternehmens, das sich auf die Veredelung von Abfallströmen spezialisiert hat, war entscheidend für diese Kollektion. „Light Knit“ des Designstudios „Drag and Drop“ ist ein Lampenschirm aus recyceltem PET. Die Ästhetik wird durch eine neue Webtechnik bestimmt, die ein gezacktes Muster aus Reflexionen und Brechungen erzeugt und gleichzeitig eine wichtige strukturelle Rolle spielt. Im Zuge des Entwurfsprozesses wurden auch eigene Softwaretools inhouse entwickelt, die diese besondere Ästhetik trotz der Einschränkungen des FDM 3D-Drucks erst möglich machen.

Kork, Stahl und Aluminium

Die LED-Wandleuchte „Galileo“ der italienischen Architektin Valentina Rocco ist von der Form des Mondes und seiner Phasen inspiriert. Außerdem ist sie zu 100 % recycelt. Rocco hat sich auf recyceltes Plastik spezialisiert und die Möglichkeiten, die es für Anwendungen in Interieur und Urban Design eröffnet. „Galileo“ besteht aus drei Teilen: Der Rahmen aus Abfällen, die bei der Verarbeitung von Stahl anfallen, eine recycelte Kunststoffplatte von Smile Plastic und einer LED. „Dross“ ist eines der Projekte von Rashmi Bidasaria. Die indische Designerin untersucht damit die Rückgewinnung von Abfallprodukten aus der Eisenschmelze. Die entstehenden Produkte sind eng mit dem Ort ihrer Entstehung verknüpft. Bidasaria bleibt im industriellen Kontext und setzt auf Methoden und Herstellungstechniken, die den Fabrikarbeitern vertraut sind. Der Hintergrund ist natürlich auf den Zusammenhang von Materialverbrauch und Herstellungsprozess aufmerksam zu machen und ein Gespür für den Umgang mit Ressourcen zu entwickeln.

Die „Jiggle Box“ von Jesslyn Sutisna besteht aus Kork, der so bearbeitet wurde, dass er extrem flexible Eigenschaften annimmt. Durch lineare Schnitte entsteht eine federnde Oberfläche, die ein angenehmes Sitzgefühl vermittelt. Die Würfelform macht den funktionalen Zweck des Objekts mehrdeutig und verführt die Nutzer*innen dazu, zu interagieren und das Material zu berühren, um festzustellen, wie es reagiert. „Während meiner Experimente habe ich versucht, den Kork mit der Tischkreissäge zu schneiden, um verschiedene Muster und Schnitte zu erzeugen, und festgestellt, dass sich je nach Schnittmuster die Art des Materials verändert“, berichtet die indonesische Designerin. „Kork ist bereits von Natur aus weich und beweglich, aber mit den zusätzlichen Schnitten kann er extrem flexibel und auch federnd sein.“ Dall’ astronave allo spillo ist der Name eines Designduos, das von Fleur Chiarito und Matteo Dal Lago gegründet wurde. In einer ihrer Arbeiten untersuchen sie den Produktionsprozess und das Recyclingsystem von Aluminium. Seit 1886 wurde 1 Milliarde Tonnen Aluminium produziert. Drei Viertel dieses Volumens werden heute noch verwendet. Das heißt, Aluminium ist das am meisten recycelte Industriemetall. Dennoch ist der Kreislauf nicht geschlossen und bedenkt man die steigende Nachfrage nach Aluminium, führt in Zukunft kein Weg an einem kreislaufmäßigen Recycling-System vorbei. Chiarito und Dal Lago wissen aber auch, dass es einen negativen Faktor beim Recycling von Aluminium gibt und das ist der Energieverbrauch. Ihr Vorschlag lautet also, das Material nicht gleich zu recyceln, sondern es erst einmal wieder zu verwenden.

Der lebende Sarg, das biobasierte Haus

Das Thema Material war auf der DDW 2020 auch außerhalb der „Materialized“-Ausstellung zu sehen. Etwa der „Living Coffin“ von Studio Hendrikx und Loop Biotech. Der „lebende Sarg“ besteht aus Myzel, dem Wurzelnetzwerk der Pilze, das tote organische Stoffe und Schadstoffe in frische Nahrung für Pflanzen verwandeln kann. Dieselbe Funktion kann dieser Stoff und das daraus hergestellte Material auch als Behältnis für den letzten Weg des Menschen übernehmen. Der Mensch sollte allerdings nicht erst nach dem Tod wieder Teil der Natur werden. Ein Bewusstsein für die Mensch-Natur-Beziehung auch im Leben schafft diese Aktion allemal.

Die von der CLICKNL-Organisation veranstaltete Online-Videotalk-Serie während der DDW 2020 bot unter dem Titel DRIVE vier Programmschwerpunkte an vier Tagen. Ein Talk beschäftigte sich mit „Circular and Biobased Building“, wo es um die Zukunft des Bauens ging. Auch in diesem Bereich sind Materialien ein enorm wichtiger Aspekt. Niemand konnte dies besser vermitteln als der Belgier Lucas de Man von „New Heroes“. In dem Projekt „The Exploded View“ werden eine Vielzahl von nachhaltigen, zirkularen Methoden und biobasierte Baumaterialien versammelt, die die Zukunft des Baugewerbes in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen.


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