Home DesignNeue Technologie, neue Ästhetik – Patrick Jouins TA.TAMU

Neue Technologie, neue Ästhetik – Patrick Jouins TA.TAMU

von Markus Schraml
Der Stuhl TA.TAMU von Patrick Jouin und Dassault Systèmes wird in zugeklapptem Zustand in einem Durchgang gedruckt. © Charles Seuleusian

Der 3D-Druck ist im Möbeldesign eine gängige Technik, vor allem um Modelle schnell herzustellen. Fertige Einrichtungsobjekte damit zu produzieren, war bisher eher eine Seltenheit bzw. erlaubten dies der Entwicklungsfortschritt und die Größe der Druckmaschinen nicht. Nun präsentiert Patrick Jouin als Ergebnis jahrelangen Experimentierens den klappbaren Stuhl TA.TAMU, der in zusammengeklapptem Zustand in einem einzigen Block gedruckt wird. Der Druckvorgang wurde dahingehend optimiert, dass nur die exakt benötigte Materialmenge dafür zum Einsatz kommt. Das Interesse des französischen Designers für diese Technologie reicht weit zurück. „Im Grunde ist das ein Forschungsprojekt, an dem ich bereits 20 Jahre lang arbeite. Damals kamen die ersten 3D-Drucker auf, aber wir arbeiteten schon davor mit 3D-Software wie Autodesk und Solidworks (Anm.: 3D-CAD)“, erläutert Jouin im FORMFAKTOR-Exklusivinterview.

„Am Anfang arbeiteten wir mit Rapid Prototyping, wie es damals hieß, um Modelle und Prototypen herzustellen. Als ich bei der Milano-Messe 2000 das Projekt von Ron Arad sah, wo er mit 3D-Druck experimentierte, erkannte ich, dass man Dinge auf neue Art und Weise machen kann, die mit herkömmlichen Methoden unmöglich waren“, erzählt Jouin. Aufgrund dieser Beobachtung wollte er einen Stuhl im 3D-Druckverfahren herstellen. Glücklicherweise hatte das Unternehmen, mit dem er dafür zusammenarbeitete, eine Woche zuvor einen großen 3D-Drucker bekommen, sodass Jouin der Erste war, der Stereolithografie zur Herstellung eines Objekts im 1:1-Maßstab einsetzte und den 3D-Druck ins Zentrum seines experimentellen Designs rückte. Das war 2004 und der Stuhl hieß Solid. „Es ging wirklich darum, etwas zu designen, das nur mit dieser neuen Technologie produziert werden konnte. In der Geschichte des Designs war es ja immer so, das neue Designs durch neue Technologien möglich wurden“, weiß der Designer.

3D-Druck und Natur

Für Patrick Jouin erschien die Art, wie die Dinge mittels 3D-Druck entstehen, den Vorgängen in der Natur sehr ähnlich zu sein: „Wenn man beginnt mit einer neuen Technologie zu experimentieren, betritt man völliges Neuland. Man ist völlig frei und agiert total intuitiv. Spannend war, dass die Ästhetik der Dinge, die ich auf diese Weise designte, wie etwas Gewachsenes war. Das heißt, wir haben hier eine Verbindung zur Natur“, erläutert er und meint, dass es schon ganz zu Beginn die Faszination für die Ästhetik der Natur war, die ihn diese neue Technologie verfolgen ließ, aber auch die Freiheit des kreativen Arbeitens. „Dieser Zwiespalt von Geometrie und den Strukturen in der Natur ist spannend. Auf den ersten Blick wirkt die Natur chaotisch, aber es herrscht dort in allem eine Logik. Ich bin beeinflusst von Standardisierungen, von der Moderne und Produktionsmethoden, aber gleichzeitig auch von Art Nouveau, von der Kunst, von Freiheitsgedanken. Die 3D-Druck-Technologie gibt mir die Möglichkeit, so wild wie die Natur zu sein und so pur wie die Geometrie“, fasst Jouin zusammen.

Wild wie die Natur – der „Solid“-Stuhl aus dem Jahr 2004 – ein erster Versuch. © Thomas Duval

TA.TAMU

Für das Projekt TA.TAMU arbeitete Patrick Jouin mit der Technologiefirma Dassault Systèmes zusammen. Die Designerin und Vizepräsidentin des Unternehmens, Anne Asensio, lernte er bereits beim Projekt „Banc Monolithique“ kennen, eine intuitiv gestaltete Bank, die von einer knochenartigen Struktur getragen wurde. „Sie sagte damals, dass sie mir mit der Software helfen könnte. Es ging wirklich um die Verbindung von Wissenschaft und Design. Man designt etwas und die Wissenschaft (die Software) kann dabei helfen, überflüssiges Material zu entfernen“, betont Jouin.

Die Monolithic Bench (2017) wurde für die Ausstellung „Le rêve des formes“ im Palais de Tokyo entwickelt und ist von der unsichtbaren Komplexität und Präzision natürlicher Strukturen inspiriert. © Thomas Duval

Dem jetzt präsentierten Stuhl ging eine erste Version, TAMU, im Jahr 2019 voraus. Auch hierbei handelte es sich um einen klappbaren Stuhl. Der Grund dafür liegt in den Beschränkungen der Technik, denn die 3D-Druck-Maschine ist zu klein, um einen Stuhl in voller Größe zu drucken. Als Material wurde Polyamid verwendet, weil es nicht bricht und sehr flexibel ist, Grundvoraussetzung für die Stabilität eines Stuhls. „Für die erste Version wollten wir etwas Superflaches machen. Das Ganze wog 3 kg und die Struktur konnte zwar Gewicht tragen, aber man musste sich vorsichtig darauf setzen. Bewegungen wie bei einem herkömmlichen Stuhl waren nicht möglich“, erinnert sich der Designer. Über fünf Jahre später und mit unzähligen Versuchen konnte das Team aus Designer und Technikern TA.TAMU präsentieren, einen Stuhl, der nun wirklich stabil ist. „TA.TAMU haben wir ein bisschen stärker gemacht. Das Gewicht liegt jetzt bei 3,9 Kilo. Um das zu erreichen, hatten wir Hohlräume entworfen, in die wir ein Polyurethan-Harz gefüllt haben. Das heißt, wir drucken quasi eine Form und injizieren Polyurethan. Es wird also nicht nur die Technik des 3D-Drucks für diesen Stuhl verwendet, sondern ein Mix“, erklärt Jouin.

Das ausführende Unternehmen Dassault Systèmes hat mit diesem Stuhl eine äußerst komplexe Aufgabe gemeistert. Tatsächlich war es der komplexeste Druck überhaupt und schwieriger als etwa die Teile, die für die Flugzeugindustrie hergestellt werden. „Man musste ein 3-Kilo-Objekt herstellen, das 100 Kilo tragen kann. Weil der Stuhl nicht aus einem Teil, sondern aus 32 Teilen besteht, war auch die Kalkulation sehr aufwendig“, sagt Jouin.

Software, Maschine und Ästhetik

Über das Aussehen des Stuhls lässt sich streiten und Patrick Jouin gibt selbst zu, dass er von sich aus nie auf die Idee gekommen wäre, etwas Derartiges zu designen. Warum der Stuhl dennoch so aussieht, liegt an dem Aufeinandertreffen der ursprünglichen Designidee und der Software, die in den Prozess der Herstellung eingegriffen hat, um der Prämisse zu entsprechen, sowenig Material wie möglich zu verwenden. Jouin nennt es das Eingreifen der Wissenschaft. „Wir haben etwas produziert, das jeder Modernist ablehnt, aber durch das Mitwirken der Wissenschaft, sieht der Stuhl eben so aus. Es ist eine Ästhetik, die viel zu üppig erscheint, aber tatsächlich überhaupt nicht üppig ist, sondern minimalistisch. Es ist ein minimalistischer Stuhl, für den sehr wenig Material verwendet wurde, aber wenn man ihn durch das aktuelle Dogma der Ästhetik betrachtet, ist er das nicht. Man weiß nicht, was man davon halten so“, gibt der Designer zu und meint, das würde auch auf ihn selbst zutreffen. „Auf so etwas wäre ich nie gekommen. In der Natur allerdings kommen solche Dinge vor. Und hier hat die Wissenschaft für diese Art der Form gesorgt.“

Patrick Jouin beim Probesitzen auf TA.TAMU. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit 3D-Druck. © Charles Seuleusian

Über die Erfahrungen aus diesem langen Projekt und die Anwendungsmöglichkeiten in der Designarbeit sagt Jouin, dass es für ihn und sein Studio nun ein Leichtes sei, die heutige Vorgabe für Designer, möglichst wenig Material zu verwenden, zu erfüllen. Man wisse welche Software dafür wie eingesetzt werden kann. Was die Zukunft des 3D-Drucks anbelangt, meint er: „Ich weiß nicht, wohin sich das Ganze entwickeln wird, aber es ist spannend.“ Als nächstes Vorhaben in diesem Bereich möchte sich Patrick Jouin mit Metall beschäftigen und dessen Möglichkeiten für den 3D-Druck erforschen.


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