Home DesignSkulpturen des Alltags: Der Esstisch als kultureller Fixpunkt

Skulpturen des Alltags: Der Esstisch als kultureller Fixpunkt

von Markus Schraml
Der Esstisch Palazzo (Design: Matilde Sessolo für Bonaldo) übersetzt die kraftvolle Architektur der florentinischen Renaissance in ein zeitgenössisches Möbeldesign, geprägt von einem skulpturalen, lichtdurchwirkten Untergestell. © Bonaldo

Kaum ein Möbelstück vereint Funktion, Symbolik und Gestaltung so selbstverständlich wie der Tisch. Seit jeher ist er ein Ort der Zusammenkunft. Hier wird gegessen, verhandelt, gearbeitet und gefeiert. In seiner kulturhistorischen Bedeutung reicht der Tisch weit über den reinen Gebrauchsgegenstand hinaus. Besonders der Esstisch steht sinnbildlich für Gemeinschaft, Austausch und Rituale des Alltags – als physisches und soziales Zentrum des Wohnraums.

Zudem stellt die Gestaltung eines Tisches für Designer eine ganz besondere Herausforderung dar. Es geht wie so oft darum, Konstruktion und Ausdruck in Balance zu bringen. Die Tischplatte definiert Präsenz und Proportion, ihre Materialität entscheidet über Haptik und Atmosphäre. Das eigentliche Experimentierfeld jedoch sind die Tischbeine. Sie tragen nicht nur Last, sondern erzählen von statischen Konzepten, formaler Innovation und handwerklicher Präzision.

Ob skulptural, reduziert, technisch oder expressiv – in jedem Fall spielen Materialien eine zentrale Rolle. Massivholz, Stein, Metall, Glas oder innovative Verbundstoffe prägen Charakter und Wirkung eines Tisches ebenso wie ihre Verarbeitung. Zwischen industrieller Präzision und handwerklicher Geste entstehen Objekte, die im Zentrum des Alltags stehen und diesen – wenn es sich um hochwertiges Design handelt – ästhetisch bereichern.

Zwischen Platte und Bein

Anhand ausgewählter Entwürfe von italienischen Herstellern wie Bonaldo, Zanotta, Dilmos, Neutra und Desalto zeigt sich, wie vielfältig der Tisch heute interpretiert wird. So vereint das Projekt Dining Table von Ron Gilad (für Dilmos) Einflüsse des Surrealismus und des Absurden – inspiriert von Meistern wie Magritte und Duchamp – mit einer minimalistischen Formsprache. Im Zentrum steht Gilads Bestreben, „das Volumen des Objekts auf das notwendige Minimum zu reduzieren, um die maximale Wirkung zu erzielen“. Dies zeigt sich in einer filigranen Konstruktion aus einer extra-leichten Glasplatte und einem reduzierten Eisengestell, dessen Linienführung die Skyline des New Yorker Viertels Tribeca abstrahiert. So entsteht ein Möbelstück, das durch visuelle Leichtigkeit besticht und die Grenze zwischen funktionalem Objekt und künstlerischer Abstraktion neu definiert.

„Dining Table“ ist ein Projekt, das aus der kreativen Vision von Ron Gilad hervorgegangen ist. Das Gestell wurde von dem Wunsch des Designers inspiriert, einen Ort zu abstrahieren, der ihm sehr am Herzen liegt: Tribeca in New York, wo er über zehn Jahre lang lebte. © Dilmos

Der von Zaven für Zanotta entworfene Tisch Bol interpretiert das klassische Einsäulengestell neu und besticht durch einen skulpturalen, zylindrischen Sockel, der je nach Tischgröße einzeln oder paarweise eingesetzt wird. Das Design zeichnet sich durch ein faszinierendes Spiel mit Licht und Schatten aus, welches durch die verschiedenen matten oder glänzenden Lackierungen – von Talk bis Espresso – betont wird. Erhältlich in runden und ovalen Formaten, verbindet Bol minimalistische Ästhetik mit funktionaler Stabilität und schafft durch monochrome Farbkombinationen von Basis und Platte ein harmonisches Gesamtbild.

Durch seine verschiedenen Oberflächenausführungen interagiert „Bol“ mit dem Licht und erzeugt Reflexionen und Schatten, die sich je nach Blickwinkel verändern. Foto © Simone Barberis

Der von Draw Studio entworfene Tisch ISLAS (Hersteller: Neutra) definiert das konventionelle Esszimmer-Design neu, indem er zwei gegensätzliche Komponenten zu einer skulpturalen Einheit verschmilzt, die an harmonisch koexistierende Atolle erinnert. Das Design spielt mit Dualitäten: Eine organisch geformte, luftige Tischplatte trifft auf ein monolithisches Untergestell aus massivem Marmor und handgefertigten Metallkeilen. Laut den Designern Luca Martorano und Mattia Albicini ist ISLAS ein „visionäres Werk zwischen Feierlichkeit und Dynamik“, das handwerkliche Tradition mit modernster technologischer Innovation verbindet. Erhältlich in zwei großzügigen Größen (285×145 cm und 320×160 cm), schafft der Tisch ein spannungsvolles Zusammenspiel aus lebendigen, spontanen Formen und minimalistischer Strenge.

Kaum ein anderes Material entfaltet mehr skulpturale Kraft: Marmor. Bester Beweis: der Islas-Tisch von Neutra. Foto © Leo Torri

Der von Luca Pevere für Desalto entworfene Tisch Zinco ist eine Hommage an das Metall und dessen handwerkliche Verarbeitung – zwei Kernelemente der DNA von Desalto. Inspiriert von industriellen Strukturen, besticht der Entwurf durch seine essenzielle Ästhetik. Sichtbare Schrauben, Bolzen und mechanische Befestigungen sowie gebogene Bleche legen die Konstruktion des Tisches offen dar. Trotz seiner vollständig demontierbaren Struktur, die Transport und Fertigung optimiert, bewahrt Zinco ein monolithisches und monochromes Erscheinungsbild, das sowohl im Innen- als auch im Außenbereich überzeugt. Das Gestell aus Stahlrohr trägt eine Tischplatte aus gefaltetem Blech, die wahlweise mit Holzfurnier oder Marmor veredelt werden kann.

Der Tisch „Zinco“ (Design: Luca Pevere) feiert die industrielle Ästhetik und das Metallhandwerk von Desalto. Foto © Daniel Farò

Der Tisch Flatiron (Design: Mauro Lipparini für Bonaldo) besticht durch eine unkonventionelle, asymmetrische Architektur, die ihm eine skulpturale Präsenz und starke visuelle Wirkung verleiht. Inspiriert vom ikonischen New Yorker Fuller Building – besser bekannt als „Flatiron Building“ – greift der Entwurf dessen unverwechselbare, bügeleisenähnliche Form auf, die bereits 1903 durch den Fotografen Alfred Stieglitz als Symbol moderner Architektur verewigt wurde. Die leicht trapezförmige Platte mit ihren sanft geschwungenen Kanten ist in drei Größen erhältlich und fügt sich natürlich in anspruchsvolle Wohnumgebungen ein. Um unterschiedlichen Designansprüchen gerecht zu werden, bietet Flatiron vielseitige Materialkombinationen: von der „Mono Material“-Version komplett aus Holz über die „Double Material“-Variante mit Marmorsockel bis hin zur „Free Combination“.

Mit dem Tisch „Flatiron“ wird die markante, asymmetrische Silhouette des berühmten New Yorker Wahrzeichens in ein elegantes Möbelstück übersetzt. © Bonaldo

Mit Superlight 1 schafft das Atelier Ferraro ein Objekt, das von der Balance zwischen Dynamik und Fragilität lebt. Die Kombination aus einer segelförmigen Glasplatte und einem extrem reduzierten Untergestell aus gebogenem Aluminium erzeugt eine visuelle Spannung, die den Tisch fast schwebend erscheinen lässt. Es ist ein minimalistischer Entwurf, der technische Präzision mit einer poetischen Anspielung auf maritime Formen verbindet. Hersteller: Dilmos milano.

Mit „Superlight 1“ schafft Atelier Ferraro ein Objekt, das von der Balance zwischen Dynamik und Fragilität lebt. © Dilmos

Vom Gebrauchsobjekt zum Statement

Ob die grafische Reduktion von Ron Gilads Dining Table oder die industrielle Ehrlichkeit von Luca Peveres Zinco – die aktuelle Generation der Designtische bewegt sich in einem spannungsreichen Feld zwischen skulpturaler Schwere und nahezu immaterieller Leichtigkeit. Während Entwürfe wie Flatiron oder Islas ihre Identität aus einer monolithischen Präsenz beziehen und dabei die haptische Wertigkeit von Marmor und Holz betonen, arbeiten Bol und Superlight 1 mit dem Prinzip der Leere, mit Linie, Rhythmus und optischer Durchlässigkeit. Größer könnten die Gegensätze kaum sein. In der Gesamtschau zeichnet sich jedoch ein gemeinsamer Nenner ab: die Abkehr vom rein funktionalen Möbel zugunsten eines erzählerischen, raumprägenden Objekts, das architektonische Referenzen oder persönliche Herkunftsbilder in eine zeitlose, formal attraktive Sprache übersetzt.


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