Paris im Januar bleibt ein Seismograf für den internationalen Designzustand. Die jüngste Maison & Objet, flankiert von der Paris Déco Off, setzte mit dem Leitthema Past Reveals Future auf Rückbindung statt radikaler Neuerfindung. Ein Motto, das vieles erklärt – und manches entschuldigt.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand Harry Nuriev, der Designer of the Year der M&O. Ganz im Sinne seines Transformism-Manifestos inszenierte er bekannte Objekte in neuen Bedeutungszusammenhängen und verstand sie weniger als Produktshow denn als Kommentar zur Überproduktion. Möbel, Alltagsgegenstände und Kunst verschmolzen zu einem eindrucksvollen Bild in Silber. Das Ergebnis: visuell stark, intellektuell ambitioniert – zugleich typisch für eine Messe, die Ideen oft höher bewertet als konkrete Antworten.
Produktseitig überzeugte Alain Gilles mit der neuen Glas-Kollektion „Gusto“ für XL Boom. Die mundgeblasenen Gläser kombinieren eine klare Trinkgeometrie mit einer weich wirkenden, fast geschmolzenen Basis. Ein präzise gestaltetes Objekt, das Handwerk sichtbar macht, ohne sich in Nostalgie zu verlieren – und damit angenehm bodenständig im ansonsten theoriegeladenen Umfeld.

Alain Gilles gelingt eine Balance aus Präzision und organischer Unbeständigkeit. © Alain Gilles
Einen ruhigeren, fast kontemplativen Kontrapunkt setzte ML Ateliers von Meryam Lahlou. Ihre Möbel bewegen sich zwischen Skulptur und Architektur, geprägt von natürlichen Materialien, archaischen Formen und einer spürbaren Nähe zum Handwerk. In der Signature-Sektion wirkte ihr Auftritt wie ein Innehalten – und zeigte, dass Reduktion oft stärker ist als Inszenierung.
Ein absoluter Publikumsmagnet war das überraschende Seletti-BIC-Lamp-Objekt: Eine fast zwei Meter lange Leuchte, die die bekannte BIC-Kugelschreiberform in ein funktionales Lichtkunstwerk verwandelt – verspielt, ikonisch und sehr Instagram-tauglich.

Seletti
Die kuratierte Plattform Curatio präsentierte erneut sammelwürdige Einzelstücke zwischen Kunsthandwerk und Designobjekt. Sehenswert, aber auch symptomatisch für einen Markt, in dem Exklusivität zunehmend den Platz von Innovation einnimmt.
Abseits des Messegeländes überzeugte die Paris Déco Off mit vergleichbarer, teils größerer inhaltlicher Tiefe. Besonders hervorzuheben ist die Kollektion „Hommage – A Lovestory Between Past and Future“ von Création Baumann. Historische Textilentwürfe aus den 1960er- und 70er-Jahren wurden sensibel neu interpretiert und zeigten, wie produktiv der Dialog zwischen Archiv und Gegenwart tatsächlich sein kann.

Trotz faszinierender Einzelideen bleibt der kollektive Eindruck ambivalent. Die Branche feiert Transformation und Narrative, doch oft wirkt es so, als würde der Diskurs überhandnehmen gegenüber dem klaren Blick auf echte Innovation. 2026 zeigt einmal mehr, dass gutes Design nicht nur von Geschichten lebt – sondern vor allem von der Substanz dahinter.