Home ArtDas vergessene Wissen der Frauen: Anselm Kiefer im Palazzo Reale

Das vergessene Wissen der Frauen: Anselm Kiefer im Palazzo Reale

von redaktion
Anselm Kiefer © Paolo Pellegrin

Mit The Women Alchemists bespielt Anselm Kiefer einen der geschichtsträchtigsten Räume Mailands neu: die Sala delle Cariatidi im Palazzo Reale. Dort, wo noch immer die Wunden der Bombardierungen von 1943 sichtbar sind und 1953 Picassos Guernica gezeigt wurde, entfaltet sich ab Februar 2026 ein monumentaler Zyklus aus 38 großformatigen Leinwänden – eigens für diesen Raum geschaffen, als immersive Konfrontation von Geschichte, Material und Erinnerung.

Im Zentrum stehen Frauen, die aus der offiziellen Geschichtsschreibung weitgehend verschwunden sind: Alchemistinnen, Forscherinnen, Heilerinnen. Kiefer gibt ihnen Gestalt – Caterina Sforza ebenso wie Mary the Jewess oder Isabella Cortese, aber auch nahezu unbekannten Figuren wie Marie Meudrac oder Mary Anne Atwood. Ihre Körper und Gesichter tauchen aus den schweren, symbolisch aufgeladenen Bildoberflächen auf wie Erscheinungen. Malerei wird hier zur archäologischen Praxis, die Verdrängtes freilegt.

Die Wahl Mailands ist kein Zufall. Mit Caterina Sforza, Tochter des Mailänder Herzogs Galeazzo Maria Sforza, rückt Kiefer eine frühe Naturwissenschaftlerin in den Fokus, deren alchemistische und medizinische Schriften weit ihrer Zeit voraus waren. Die Alchemie erscheint dabei weniger als esoterische Randnotiz, sondern als Vorform experimentellen Denkens – geprägt von Fürsorge für Körper und Geist, nicht vom abstrakten Traum des Steins der Weisen.

Kiefer. Le Alchimiste. Milano, Palazzo Reale, Sala delle Cariatidi. Installation view © Ela Bialkowska, OKNO Studio

Formal verbindet Kiefer zentrale Motive seines Werks, wie Mythos und Geschichte, Zerstörung und Regeneration. Feuer, elektrochemische Prozesse sowie schwere Materialien fungieren als erzählerische Mittel. Jedes Bild wirkt wie ein Akt der Wiederauferstehung. So entsteht ein neues, weibliches Pantheon – eindringlich, düster und zugleich zutiefst zeitgenössisch. Als Teil des Kulturprogramms der Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 markiert die Ausstellung ein kraftvolles Statement im internationalen Kunstkalender.

Die Installation ist ab dem 7. Februar und bis September 2026 zu sehen.


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